vor 9 Stunden
Deutscher Big Man wird gegen Wemby entscheidend
Noch nach Spiel eins der Western Conference Finals schien Isaiah Hartenstein plötzlich nur noch eine kleine Rolle bei den Oklahoma City Thunder zu spielen. Zwei Tage später wurde der deutsche Center beim 122:113-Sieg gegen die San Antonio Spurs plötzlich zu einem der entscheidenden Faktoren der gesamten Serie.

Die Bilder aus Spiel eins waren eindeutig. Bereits nach gut zwei Minuten zog Thunder-Coach Mark Daigneault Hartenstein beim Stand von 0:7 früh vom Feld. Oklahoma City reagierte danach mit kleineren Lineups, setzte verstärkt auf Alex Caruso und schnelle Wings gegen Victor Wembanyama. Der Plan: mehr Mobilität, mehr Switching, weniger klassische Big-Man-Lineups. Hartenstein spielte danach fast ausschließlich gegen Spurs-Backup Luke Kornet und kam insgesamt nur auf zwölf Minuten Einsatzzeit.
Die Maßnahme schien gleichzeitig auch ein deutliches Signal für den weiteren Verlauf der Serie zu sein. Denn Wembanyama zerstörte Oklahoma City in Spiel eins trotzdem beinahe im Alleingang. Der Franzose legte 41 Punkte und 24 Rebounds auf, erzielte alleine 26 Punkte in der Zone und ging 13 Mal an die Freiwurflinie. Viele Beobachter fragten sich danach bereits offen, ob Hartenstein in diesem Matchup vielleicht langfristig sogar seinen Starterplatz verlieren könnte.
Doch Spiel zwei brachte die komplette Wende. Daigneault vertraute seinem deutschen Center plötzlich wieder deutlich mehr und bekam genau das zurück, was seinem Team zuvor komplett gefehlt hatte: Physis. Hartenstein spielte 27 Minuten, stand praktisch das gesamte Schlussviertel auf dem Feld und beendete die Partie mit zehn Punkten, 13 Rebounds - darunter acht offensiv - sowie drei Assists. Dazu kamen unzählige harte Screens und zweite Chancen, die Oklahoma City konstant Vorteile verschafften. Stattdessen war es Chet Holmgren, der am Ende auf die Bank musste.
Vor allem defensiv veränderte Hartenstein die Serie spürbar. Laut ESPN-Tracking verteidigte er Wembanyama in Spiel zwei in 47 Possessions direkt - nach lediglich drei im Auftaktspiel. Die Auswirkungen waren sofort sichtbar. Nachdem Wembanyama in Spiel eins noch fast ausschließlich am Ring dominierte und 26 Punkte in der Zone erzielte, wurde er diesmal immer weiter nach außen gedrängt. Der Spurs-Star kam nur noch auf zehn Punkte in der Paint, nahm deutlich mehr Würfe außerhalb der Zone und stand zudem lediglich zwei Mal an der Freiwurflinie, nachdem er in Spiel eins noch 13 Freiwürfe gezogen hatte.
Genau darauf wollte Hartenstein hinaus. "Das ist irgendwie mein Spiel - physisch sein", erklärte der deutsche Center nach der Partie. "Im ersten Spiel waren sie körperlicher als wir. Deshalb wollte ich früh ein Zeichen setzen", sagte Hartenstein weiter.
Dabei ging es weniger darum, Wembanyama komplett auszuschalten - das gelingt aktuell ohnehin kaum jemandem in der NBA. Vielmehr zwang Hartenstein ihn konstant aus seinen bevorzugten Spots und machte ihm Abschlüsse in Ringnähe deutlich schwerer. Immer wieder drückte, schubste und schob er. Selten kam Wemby zu seinen Lieblingsspots. Teilweise bewegte sich Hartenstein dabei nah an der Foulgrenze, doch genau diese Härte fehlte Oklahoma City in Spiel eins komplett. "Er ist ein großartiger Spieler", sagte Hartenstein über Wembanyama. "Er wird zu gewissen Dingen kommen. Man muss es ihm einfach so schwer wie möglich machen."
| Kategorie | Spiel 1 | Spiel 2 |
|---|---|---|
| Punkte | 41 | 21 |
| Rebounds | 24 | 17 |
| Punkte in der Zone | 26 | 10 |
| Freiwürfe | 12/13 | 2/2 |
| Würfe außerhalb der Zone | 4 Versuche | 8 Versuche |
| Feldwürfe gesamt | 14/25 | 8/16 |
| Dreier | 1/2 | 3/7 |
| Offensivrebounds | 9 | 5 |
| Direkte Hartenstein-Matchups | 3 Possessions | 47 Possessions |

Auch Daigneault klang nach dem Spiel deutlich zufriedener mit dem Ansatz seines Teams. Der Thunder-Coach erklärte offen, dass Hartenstein diesmal einfach "sein Spiel gespielt" habe und genau diese körperliche Präsenz unter dem Korb entscheidend gewesen sei. Gleichzeitig wirkte Oklahoma City insgesamt deutlich stabiler. Die Thunder gewannen die Offensiv-Rebounds mit 17:16, nachdem Wembanyama im ersten Spiel alleine neun zweite Chancen eingesammelt hatte.
Besonders bemerkenswert ist dabei, wie schnell sich die Wahrnehmung innerhalb weniger Tage komplett verändert hat. Noch vor Spiel zwei wurde diskutiert, ob Hartenstein in dieser Serie womöglich zum Matchup-Problem werden könnte, weil die Spurs die klassischen Zwei-Big-Lineups defensiv ausnutzten und Wembanyama dadurch permanent in Ringnähe bleiben konnte. Jetzt wirkt plötzlich das Gegenteil möglich: Dass ausgerechnet Hartensteins Physis zum Schlüssel dieser Serie werden könnte.
Passend dazu gab es nach der Partie sogar einen leicht kuriosen Moment. Als Shai Gilgeous-Alexander im TV-Interview auf Hartensteins Einfluss angesprochen wurde, antwortete der MVP zunächst trocken: "Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es gut war." Kurz darauf ruderte Gilgeous-Alexander lachend zurück und bezeichnete die Defense seines Teamkollegen dann doch als "gut". Lustig war der Effekt für die Spurs allerdings nicht. Denn plötzlich hat Oklahoma City wieder ein funktionierendes Mittel gegen Wembanyama gefunden.
Sam Müller