20.06.2025
Die Zombie-Pacers geben nicht klein bei
Die Indiana Pacers haben mit einem dominanten Spiel ein Game 7 in den NBA Finals erzwungen. Defensiv wie offensiv war Indiana in dieser Partie klar besser - und erinnerte in mehr als nur einer Hinsicht selbst an die Oklahoma City Thunder. Die Erkenntnisse zum Spiel.

Nach dem Verlauf von Game 5 und den Zweifeln rund um Tyrese Haliburton, der vor dem Spiel nicht wissen konnte, ob und wie er überhaupt spielen würde, dachten nicht wenige bereits an Draft, Trades, Free Agency und Co. - die Serie schien noch nicht gelaufen, aber doch recht kurz davor. Womöglich liefen auch in Oklahoma City bereits Planungen für die erste Meisterparade in der Geschichte der Stadt.
Diese muss mindestens verschoben werden. Indiana stand erstmals in dieser Postseason mit dem Rücken zur Wand und ging meisterhaft damit um - und das in absoluter Pacers-Manier. Nicht ein Spieler, nicht eine Aktion trug die Pacers, sondern die gesamte tiefe Rotation leistete ihre Beiträge.
Topscorer war mit Obi Toppin ein Bankspieler, mit 20 Punkten. Fünf weitere Spieler legten wenigstens zehn Punkte auf. Die Pacers bekamen Transition-Plays von Pascal Siakam (16, 13 Rebounds), trockene Jumper von Andrew Nembhard (17) oder Aaron Nesmith (10), dazu spielte Tyrese Haliburton diesmal wieder mit (14) und T.J. McConnell (12, 9 Rebounds, 6 Assists, 4 Steals) setzte seine unwahrscheinliche Dominanz aus Game 5 nahtlos fort.
Das Klischee der Rollenspieler, die zuhause besser spielen, bewahrheitete sich erneut. Indiana legte sein bestes Dreier-Shooting-Spiel dieser Finals hin (15/42), zudem beeindruckte das Team mit seiner Ballsicherheit. 22 Ballverluste hatten sich die Pacers in Game 5 geleistet, diesmal waren es zehn und vor allem bloß zwei in der ersten Hälfte.
"Wir haben besser gespielt", sagte Rick Carlisle. "Wir waren meistens da, wo wir sein sollten. Nun, zumindest deutlich häufiger als in Spiel 5. Und wir waren stärker mit dem Ball. Wir hatten auch ein paar Fehler, aber wir haben danach schnell und gut reagiert, und genau darum geht es zu dieser Zeit des Jahres."
Dabei gewannen die Pacers das Spiel nicht primär in der Offensive.
Indiana hat im Lauf der Playoffs einige Male bewiesen, dass das durchschnittliche Defensiv-Rating aus der Regular Season (Platz 13) nicht mehr repräsentativ ist, dass die Pacers anders als im Vorjahr durchaus auf einem sehr hohen Level verteidigen können. Game 6 war unter vielen guten Defensivspielen dieser Postseason nun wohl das beste.
Indiana veränderte die Coverage im Vergleich zu den vorigen Spielen etwas, presste deutlich seltener über den gesamten Court. Dafür war der Druck auf die Ballhandler im Halbfeld größer als vielleicht jemals zuvor - Indiana bot keine Lücken an, insbesondere nach dem ersten Viertel, als Jalen Williams noch einige Male ziehen konnte, war die Pacers-Defense ein Bollwerk.
Die Pacers machten es sich dabei zunutze, dass die Thunder ein weiteres Mal massive Spacing-Probleme hatten (8/30 Dreier), zogen sich rund um die Ballhandler sowie den Korb zusammen und machten Passwege zu. Kurzum erinnerten sie stark an die Thunder, mit ähnlichen Resultaten.
Im umkämpften Teil des Spiels konnten Williams und Shai Gilgeous-Alexander in Isolation zwar von Zeit zu Zeit scoren, sie zockten dabei aber gewissermaßen auf einer Insel, bekamen kaum Unterstützung und schafften es auch selbst nicht, die Mitspieler in Szene zu setzen. SGA kam auf acht Turnover und bloß zwei Assists, meilenweit entfernt von seinem Auftritt in Game 5.
Wenn der Ball doch bewegt wurde, waren die Pacers immer wieder zur Stelle und hellwach. Nachdem OKC in Game 5 15 Steals geholt hatte, waren es für Indiana diesmal 16 - woraus dann in Transition schnell Kapital geschlagen wurde. Insgesamt verzeichneten die Pacers 22 Fastbreak-Punkte.
Kam doch mal jemand bis zum Korb durch, war die Hilfe da, gerade Siakam und Turner taten alles dafür, den Ring zu beschützen - fünf Blocks verzeichneten die Pacers, OKC traf bloß 15 seiner 30 Würfe rund um den Korb. Und in der Regel wurden die Possessions nach einem Versuch beendet, lediglich mickrige drei Offensiv-Rebounds angelte sich OKC im umkämpften Teil des Spiels.
Ab dem zweiten Viertel war Indiana simpel gesagt in allen Bereichen weit überlegen, hielt die Thunder um die acht Minuten ohne Field Goal, legte unter anderem einen 17:2-Run und einen weiteren 15:3-Run zum Ende des dritten Viertels hin. Für ihre Physis, ihre Dringlichkeit und ihren Fokus war Oklahoma City nie so richtig bereit.

Was automatisch zu der Frage führt: Warum eigentlich nicht? Natürlich, für OKC war diese Partie kein Elimination Game, Spiel 7 zuhause gab den Thunder eine gewisse Sicherheit, die Indiana nicht hatte. Und trotzdem war diese kollektive Nicht-Leistung in der Form dann schon etwas alarmierend.
"Wir waren heute mies", sagte Gilgeous-Alexander nach dem Spiel, der dazu trotz seiner 21 Punkte mit acht Ballverlusten einiges beitrug, und der anders als die meisten seiner Teamkollegen zugab, dass er im Hinterkopf durchaus damit beschäftigt war, den Ring an diesem Tag einsammeln zu können.
"Definitiv im Hinterkopf, auf jeden Fall", sagte Shai. "Aber wir haben überhaupt nicht entsprechend gespielt. Darum lief es heute so, wie es gelaufen ist. Wir haben exakt das bekommen, was wir verdient hatten. So ehrlich müssen wir sein."
Die Thunder sind normalerweise ein Team, das andere mit seiner Energie und Physis schlichtweg überpowern kann und viele seiner Spiele schon allein deshalb gewinnt, weil es disziplinierter und härter verteidigt als fast all seine Gegner. In diesem Spiel war nichts davon zu sehen.
Indiana startete nicht heiß ins Spiel, traf in der ersten Halbzeit 44% seiner Field Goals - OKC war da sogar knapp besser. Es war mitnichten so, dass die Pacers einfach alles trafen und eins dieser Spiele hatten, gegen die man als Gegner quasi machtlos ist. Vielmehr dominierten sie das Spiel in Thunder-Manier, mit Energy-Plays.
Die Turnover sprachen klar für Indy (21:10). Die Rebounds auch - immer wieder erkämpften sich die Pacers zweite Chancen (11 Offensiv-Rebounds), waren schneller bei jedem Loose-Ball. Gerade McConnell, der kleinste Spieler auf dem Court, ließ OKC dabei mehr als einmal viel zu fahrlässig aussehen.
Kurz nach seiner ersten Einwechslung etwa tippte und klaute er einen Einwurf der Thunder und fütterte Toppin für einen freien Dreier. Wenig später setzte er sich im direkten Duell mit Isaiah Hartenstein im Kampf um einen Rebound durch. Seine neun Boards waren mehr, als irgendein Thunder-Spieler hatte.
"Kein Team wird sich einfach hinlegen und aufgeben", sagte Chet Holmgren über die verpasste Chance, die Serie zu closen. "Es wird immer sehr physisch sein, es wird keinen Gefallen von den Schiedsrichtern geben. Du musst es dir verdienen. Es wird nicht einfach per Zufall passieren."
Nur zu Beginn des dritten Viertels wirkte OKC kurz mal zumindest defensiv richtig präsent, auch diese Phase verpuffte aber relativ schnell wieder, auf weniger als 18 Punkte konnten die Thunder im dritten Viertel nicht verkürzen, zumal die Offense einfach nie echtes Momentum generieren konnte.
Ihre Leistung erinnerte ein Stück weit an Game 6 gegen Denver (-12) und Game 3 gegen Minnesota (-42), als sie ebenfalls nicht so druckvoll agierten wie die jeweils verzweifelten Gegner. Es ist in diesen Serien offensichtlich jeweils gut für OKC ausgegangen, sonst wären sie nicht an diesem Punkt.
Es kann auch diesmal gut für sie ausgehen. Und trotzdem ist dieser Auftritt, mit der unmittelbaren Chance auf den Titel, mindestens verwunderlich, und im schlimmsten Fall kommt er sie teuer zu stehen. Wie gegen Denver steht OKC nun selbst wieder mit dem Rücken zur Wand, muss zum zweiten Mal in diesen Playoffs in ein Spiel 7.
"Es war heute schwer, Indiana war großartig und wir waren es nicht. Am Sonntag haben wir beide dieselbe Möglichkeit. Es steht 0:0, wenn die Partie losgeht", sagte Mark Daigneault. "Wir sind heute offensichtlich enttäuscht. Aber wir werden uns sammeln, bei Null anfangen, mit klarem Blick von diesem Spiel lernen, so wie wir es immer tun. Wir werden uns für Spiel 7 bereit machen."

Anders als gegen die Nuggets muss OKC dabei gegen ein Team antreten, das ebenfalls tief ist und sich nicht mit etlichen Verletzungen herumplagt. Wobei der wichtigste Spieler der Pacers davon ausgenommen ist, Haliburton kämpft schließlich seit Beginn von Spiel 5 mit akuten Wadenproblemen.
In Game 6 sah der Pacers-Star dennoch wieder mehr wie er selbst aus. Zu Beginn des Spiels suchte er direkt den Wurf, auch wenn er seine ersten Versuche allesamt daneben setzte - er drückte von draußen ab (und traf über das Spiel 3/7 Dreier), penetrierte aber vor allem auch mal wieder, wovon in Game 5 nichts zu sehen gewesen war.
Haliburton flog nicht über den Court, wie er das an seinen besten Tagen tut, sein Timing beim Abschluss wirkte noch immer etwas schief. Einen großen Unterschied machten seine Präsenz und seine gesteigerte Aggressivität dennoch, zumal er auch defensiv nach einigen Problemen im ersten Viertel gut standhielt und selbst zwei Steals verzeichnete.
"Das ist einfach er", sagte McConnell. "Du hörst, dass es die Chance gibt, dass er nicht spielen kann. Aber du weißt, dass er alles dafür tun wird. So ist Ty einfach. Er blendet alles Äußere aus und ist nicht bei 100 Prozent, aber er ist da rausgegangen und hat großartig gespielt."
Gleichzeitig hatten die Pacers das Glück, nicht zu viel von ihm zu brauchen. McConnell kaufte ihm mit einer erneut tollen Leistung einige Minuten, dazu gab es die ausgedehnte Garbage Time - am Ende musste Haliburton nur 23 Minuten spielen, das geschundene Bein nicht überbelasten.
Nun bleibt abzuwarten, wie sich die kommenden Tage auf seine Wade auswirken. Dass Haliburton antreten wird, steht wohl außer Frage. Es ist das Wie, das vielleicht darüber entscheidet, ob Indiana die absolute Sensation nun wirklich vollbringen kann.
Ole Frerks