19.06.2025
Stille Heldin des Indiana-Erfolgs
Als zentrale Figur in Rick Carlisles Coaching Staff steht Jenny Boucek mit den Indiana Pacers in den Finals. Spiel 1 entschied sie mit - und auch zuvor nahm sie großen Einfluss auf den Erfolg des Teams. Nicht zuletzt wegen ihrer Arbeit als Defensive Coordinator. Dabei wäre Boucek beinahe nie Coach geworden und entschied sich zudem für einen ganz besonderen Weg…

Jenny Boucek sticht heraus. Einerseits, weil derzeit nur vier Frauen in Coaching Staffs der NBA arbeiten. Andererseits, weil sie fast direkt neben Rick Carlisle Platz nimmt - oder besser Platz nehmen darf, sofern sie nicht gerade Ideen und Verbesserungsansätze an ihre Spieler weitergibt. Boucek fällt vor allem auf, weil sie leidenschaftlich coacht. Rutscht der Ball durch den Ring, weist sie die Pacers wahlweise an, defensiv Druck zu machen oder direkt das Tempo anzuziehen.
Immer wieder sucht Indianas Defensive Coordinator das Zwiegespräch mit Spielern, gibt Hinweise, muntert auf. Als Tyrese Haliburton den Pacers mit seinem Wurf 0,7 Sekunden vor dem Ende die erste Führung in Spiel 1 der Finals bescherte, übernahm nicht etwas Carlisle den Huddle. Boucek schärfte ihre Spieler für Ideen und Eventualitäten. Als Alex Caruso wenig später den Einwurf für einen möglichen Tip-in Richtung Ring schickte, wussten die Pacers Bescheid. Game over.
"Rick sagte zu mir: 'Diese Rolle brauche ich dieses Jahr von dir'", erzählt Boucek ESPN. "Und ich will ihn natürlich nicht enttäuschen, ich will das Team nicht enttäuschen. Manchmal fühlte es sich aber an, als werfe er mich ins kalte Wasser und sage: ‚Du wirst entweder untergehen oder schwimmen. Aber ich glaube an dich.’"
Carlisle schätzt Boucek sehr. Deshalb holte er sie 2018 aus Sacramento nach Dallas, deshalb nahm er sie mit nach Indiana, deshalb traut er ihr alles zu. "Jenny Boucek ist die einzige Frau am vorderen Ende einer NBA-Bank, noch dazu eine Coordinator", sagte Indianas Headcoach im November zu HoopsHype. Zudem sei sie "eine der ganz wenigen, die eines Tages die erste weibliche Headcoach der NBA werden können."
Carlisle, so erzählt Boucek, sehe keine Grenzen für sich selbst oder diejenigen, an die er glaubt. "Und er hat mich immer so gesehen: Er glaubte mehr an mich als ich an mich selbst."
Dabei hätten sich die Wege der beiden beinahe gar nicht gekreuzt.
| Alter | 51 |
| Größe | 1,73 Meter |
| WNBA | 1 Saison (1997, Cleveland Rockets) |
| Trainerkarriere | 1999 - heute |
| Erfolge | WNBA All-Star Game Trainerin (2007) |
| 2x WNBA Champion (2004, 2010) |
Als Boucek ihre Zeit an der University of Virginia, übrigens auch Carlisles Alma Mater, 1997 mit über 1.000 Punkten, Auszeichnungen zum All-Atlantic Coast Conference Player und Academic All-American (zwei Mal), vor allem mit Abschlüssen in Sportmedizin und Sportmanagement abschloss, dachte sie kaum über eine Karriere im Basketball nach.
"Das zogen wir gar nicht in Betracht", sagte sie einmal. "Einige Spielerinnen gingen ins Ausland, ich hatte mich aber so gefreut, auf die medizinische Hochschule zu gehen, dass ich darüber nie nachdachte." Labore statt Halle. Es ergab durchaus Sinn. Sehr viel Sinn sogar. Denn Boucek stammt nicht nur aus irgendeiner Medizinerfamilie, die ihre Blutlinie in Weiß fortschreiben wollte. Ihre Verwandtschaft prägte die Forschung.
Dr. Mark Boucek, Jennys Onkel, nahm an der ersten Transplantation eines Pavian-Herzens zu einem Baby teil. Dr. Robert Heath, ihr Opa mütterlicherseits, gründete das Departement of Psychiatry and Neurology an der Tulane University. "Ich komme aus einer Familie, die den Status Quo in Frage stellte", sagte Boucek einmal. "Sie sagten nie: 'Weshalb sollten wir das oder das tun?' Es war immer: 'Warum nicht?' Nach dem Motto: „Die Dinge wurden immer so gemacht, aber warum?’"
In den USA der späten 90er wurden die Dinge so gemacht, dass es für Frauen keine Profiligen gab. Wer mit seinem Sport weiter Geld verdienen wollte, musste ins Ausland, oder - und so machten es viele - sich anderen Karrieren widmen.

Womöglich wäre Boucek heute tatsächlich Ärztin oder in der medizinischen Forschung tätig, hätte sie nicht ein fünftes Jahr benötigt, um gleich zwei Abschlüsse zu machen. Während ihres Abschlussjahrs laß sie von Probetrainings für eine neue Frauenprofiliga in der Nähe. Boucek wollte es wenigstens versuchen, nahm teil und schrieb wenig später Geschichte, als sie mit den Cleveland Rockers die erste WNBA-Saison der Historie spielte.
Medizin war ihre Leidenschaft, die Leidenschaft ihrer Familie. Doch Basketball, so sagte sie einmal, war ihre erste große Liebe. Dank einer historischen Entwicklung konnte sie ihr nun treu bleiben - allerdings nur bis 1998 aktiv mitmachen. Wegen einer Verletzung beendete sie ihre Karriere frühzeitig. Eine Gelegenheit, verkleidet als Tragödie. Erneut hätte es vorbei sein können zwischen Jennifer Dawn Boucek und dem Game of Basketball (®Michael Jordan). Stattdessen entdeckte sie im Schmerz eine Chance, eine neue Bestimmung.
Steht Boucek neben Tyrese Haliburton, Pascal Siakam oder T.J. McConnell, lauschen ihre Spieler aufmerksam. Nicht ausschließlich, weil da eine Autoritätsperson stünde. Vor allem, weil jemand mit ihnen spricht, die sie unglaublich schätzen.
Debbie Ryan, Bouceks Coach am College, beschreibt das Knüpfen von Beziehungen und Gewinnen von Vertrauen als eine der großen Stärken ihrer ehemaligen Spielerin. "Ich glaube, das ist, was die Männer, ihre Spieler, am meisten an ihr respektieren. Ihre Professionalität, dazu, wie sie ihnen hilft, sich gegenseitig besser zu verstehen, die Coaches, die Organisation, die Besitzer, alle. Das ist eine Gabe, die Jenny immer hatte."
Durch Beziehung entsteht Vertrauen. Vertrauen bereitet den Nährboden für Verbesserungen. "Jenny war herausragend", beschreibt Pascal Siakam gegenüber ESPN seine Eindrücke nach dem Trade aus Toronto zu den Pacers. "Nach Indy zu kommen, ein neues System kennenlernen zu müssen - ich musste mich wirklich an viele Dinge anpassen, und sie hat mir sehr geholfen. Sie gab mir großartige Einblicke in die Dinge, die wir tun wollten und was wir als Team erreichen wollen."
| Jahr | Team | Rolle |
|---|---|---|
| 1999 | Washinigton Mystics (WNBA) | Assistentin |
| 2000 - 2002 | Miami Sol (WNBA) | Assistentin |
| 2003 - 2005 | Seattle Storm (WNBA) | Assistentin |
| 2007 - 2009 | Sacramento Monarchs (WNBA) | Cheftrainerin |
| 2010 - 2014 | Seattle Storm (WNBA) | Assistentin |
| 2015 - 2017 | Seattle Storm (WNBA) | Cheftrainerin |
| 2017 - 2018 | Sacramento Kings (NBA) | Assistentin |
| 2018 - 2021 | Dallas Mavericks (NBA) | Assistentin |
| 2021 - heute | Indiana Pacers (NBA) | Assistentin |
Boucek spricht mit den Spielern individuell, als Defensive Coordinator verantwortet sie mittlerweile zudem die Defense des Teams - und es läuft nicht ganz schlecht. 2023/24 verteidigten statistisch nur sechs Teams schwächer als Indiana. Diese Saison kletterten die Pacers auf Rang 14, stellen seit dem Jahreswechsel eine Top-10-Defense und verbesserten sich in den Playoffs im Vergleich zur vergangenen Postseason noch einmal ein Stück.
"Ihr Wissen um das Spiel ist eines des besten, das ich erleben durfte", sagt Andrew Nembhard, einer der Gründe auf dem Feld für Indianas defensive Stärke, gegenüber ESPN. Bouceks Einfluss ist spür- und erlebbar. Sowohl im großen Ganzen als auch in einzelnen Sequenzen.
Als die Pacers am 11. März gegen Milwaukee um den Heimvorteil kämpften, lagen sie 3,9 Sekunden vor dem Ende mit 3 Punkten zurück. Carlisle ließ Boucek machen - und die erinnerte sich an ihre Zeit als Semipro im Flag Football. Mit einem Einwerfer als "Quarterback" stellten sich die übrigen vier Pacers als "Receiver" auf. Jeder bekam seine eigene Route, führte die defensive in die Irre, bis Nembhard Haliburton fand, der das Spiel mittels 4-Punkt-Spiel über Giannis Antetokounmpo entschied. Natürlich erforderte der Wurf maximales Talent und Gefühl. Den Boden bereitete Boucek.
Dabei musste sie zu Beginn ihrer Karriere erst einmal lernen. Keine Profiteams, keine Profi-Coaching-Erfahrung. So ging es vielen Trainerinnen in den späten 90er und frühen 2000ern. Bouceks Karriere begann 1999 als Assistant bei den Washington Mystics. Ein Jahr später wechselte sie nach Miami und traf dort zwei, die ihren weiteren Weg intensiv prägen sollten.
Als Assistant arbeitete Boucek unter Ron Rothstein und Tony Fiorentino. Fiorentino, bis heute "eine Vater-Figur", habe ihr gezeigt, was ein Profi-Coach braucht. Rothstein wiederum gilt als einer der besten Lehrer der NBA. Deshalb habe ihn Pat Riley einst als Mentor für Erik Spoelstra eingestellt, erzählt Boucek ESPN. "Ich hatte so ein Glück, dass er mich unter seine Fittiche nahm, mich herausforderte und mir Dinge mitgab. Er öffnete meine Augen für die Wissenschaft des Spiels. Das war stimulierend." Denn Rothstein traf einen Nerv. Sein Ansatz passte zu Bouceks Familiengeschichte.
"Meine Familie hat eine Leidenschaft für systematisches Problemlösen und Innovation, ebenso eine Hingabe für Menschen und dafür, ihnen zu helfen, sie zu verstehen", erklärt sie ESPN. "Dazu viele Wissenschafter, die den Status Quo in Frage stellen." Wie ein Schwamm sei sie daher damals gewesen. Wichtig wurde mit der Zeit jedoch noch etwas anderes.
"Ich wollte immer eine Mom sein", sagte Boucek. Dass sie bereits die 40 überschritten, zudem keinen Partner hatte, hätte den Wunsch endgültig begraben können. Doch Familie Boucek fragt nicht, 'weshalb sollten wir das tun?', sie frage 'warum nicht?' Warum nicht Eier einfrieren lassen. Warum nicht ein Kind allein bekommen und großziehen. Warum nicht als Coach in der NBA arbeiten. Warum nicht kurz vor der Geburt den Arbeitsplatz wechseln?
Vielleicht sah Boucek Gründe, die dagegen sprachen. Die Chance, der Wille, die Sehnsucht überwogen. Also kam ihre Tochter Rylie zur Welt, kurz nachdem sie 2018 ihren Job bei den Mavs begonnen hatte. Carlisle hatte erstmals gerufen, Boucek war gefolgt. So auch 2021, als er sie nach Indiana mitnahm.
"Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich sie respektiere", sagt T.J. McConnell gegenüber ESPN. "Sie macht all das als Single Mom. Das ist nicht einfach, und sie sprengt Grenzen in diesem Sport. Sie ist so ein guter Coach. Wie sind so glücklich sie zu haben." Boucek leistet Pionier-Arbeitet und hat gleichzeitig großen Anteil am Aufstieg der Pacers. Ihr Coaching-Ansatz ist ein besonderer - und trifft dank ihrer ganz besonderen Art auffällig regelmäßig auf offene Ohren.
Max Marbeiter