17.07.2025
Flagg verdiente mehr am College
Seit 2021 dürfen College-Athleten in den USA mit ihrem Namen, Bild und ihrer Persönlichkeit Geld verdienen. Die sogenannten NIL-Deals (Name, Image, Likeness) haben den College-Basketball revolutioniert - mit teils gravierenden Folgen. Die Identität kleiner Programme droht zu verschwinden, Talente werden abgeworben, und selbst das March Madness verliert an Magie.

Als der Oberste Gerichtshof der USA 2021 entschied, dass College-Athleten für ihre Leistungen entschädigt werden dürfen, war das ein Meilenstein - vor allem für Gerechtigkeit. Fortan durften Spieler Werbedeals abschließen, Merchandising betreiben und sogar Millionen verdienen. Was zunächst wie ein Fortschritt für die Rechte der Sportler wirkte, hat jedoch auch Schattenseiten.
Die Idee des College-Basketballs - Talente entwickeln, gemeinsam über Jahre wachsen, als Team überraschen - ist ins Wanken geraten. Die Realität ist heute deutlich transaktionaler. Wer zahlt, gewinnt. Und wer nicht mithalten kann, verliert - Spieler, Spiele und Identität.
Das größte Problem: Chancengleichheit gibt es kaum noch. Große Programme mit Millionenbudgets können Top-Talente der Mid-Majors einfach abwerben - durch das Transferportal und lukrative NIL-Angebote. Früher war es normal, dass kleine Teams jahrelang zusammenwuchsen und dadurch im März für Überraschungen sorgten. Unvergessen: Saint Peter’s aus New Jersey, das 2022 als 15-Seed Kentucky (2-Seed) und Purdue (3-Seed) ausschaltete und sensationell das Elite Eight erreichte. Oder Steph Curry, der 2008 mit 10-Seed Davidson eine magische Reise bis ins Viertelfinale hinlegte. Heute werden diese Cinderella-Stories seltener.

2025 schaffte es zum ersten Mal in der Geschichte des Turniers kein einziges Mid-Major-Team ins Sweet 16. Stattdessen dominierten Programme aus SEC, Big Ten, Big 12 - mit einem gemeinsamen Nenner: Geld.
Früher war die G-League oder Europa eine Option, um Geld zu verdienen. Heute bleiben viele NCAA-Spieler lieber am College - weil sie dort durch NIL-Deals mehr verdienen. Das hat auch positive Seiten: Stars wie Zach Edey oder Armando Bacot blieben länger im College als frühere Generationen, weil sich das finanziell lohnt. Wie lukrativ das inzwischen sein kann, zeigt das Beispiel von Cooper Flagg: Der Duke-Freshman soll in seiner einzigen Saison am College rund 28 Millionen US-Dollar verdient haben.
Aber der Effekt ist auch klar: Talente aus kleineren Ligen wechseln an große Schulen, weil dort das NIL-Angebot attraktiver ist. Der Transfermarkt ist voll mit Stars, die eigentlich "zu Hause" Helden waren. Jetzt sind sie Teil eines Systems, in dem sie austauschbar wirken.
Diese Dynamik betrifft auch den deutschen Basketball. In der BBL verlieren Klubs zunehmend ihre besten Nachwuchsspieler an das College - nicht wegen des sportlichen Niveaus, sondern wegen der NIL-Zahlungen. Spieler wie Amon Dörries (Alba Berlin), Hannes Steinbach (Würzburg), Elias Rapieque (Alba Berlin), Ivan Kharchenkov (Bayern München) oder Sananda Fru (Braunschweig) haben sich bereits für das College entschieden. Die Chance auf eine akademische Ausbildung kombiniert mit sechs- oder gar siebenstelligen Jahresgehältern in jungen Jahren ist schlicht zu verlockend. Auch Steinbach gehört dazu, ihn zieht es an die University of Washington - dorthin, wo einst Detlef Schrempf, Chris Welp und Patrick Femerling ihre Ausbildung genossen. "Momentan ist das College die beste Wahl", sagt er.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Transferstatistik wider. Noch nie wechselten so viele Spieler innerhalb des College-Systems wie in diesem Jahr: 2.320 Männer traten 2025 ins Transferportal ein - knapp zwölf Prozent mehr als noch im Vorjahr (2024: 2.083). Zum Vergleich: 2019 waren es noch unter 1.000. Das College-System ist heute flexibler, lukrativer - aber auch flüchtiger als je zuvor.
Oakland-Coach Greg Kampe bringt es auf den Punkt: Sein Starspieler Trey Townsend wuchs in der Nähe der Uni auf, wollte immer für Oakland spielen - bis die Angebote der großen Schulen kamen. Townsend wechselte nach Arizona, verdient dort ein Vielfaches, und wurde zum Sweet-16-Spieler. Kampe sagte: "Was soll ich machen? Ich kann ihm das nicht übel nehmen."
Oakland wurde zum Sprungbrett. So wie viele andere Programme. Die besten Spieler wandern ab, und Coaches stehen wieder bei null. Kultur, Identifikation, Kontinuität - Begriffe, die zunehmend hohl klingen.
NIL hat die Spielregeln verändert. Spieler bleiben nicht, um zu gewinnen. Sie bleiben, wenn das Geld stimmt. Kleine Teams verlieren ihre Seele. Coaches können keine langfristigen Visionen mehr entwickeln - sie müssen jedes Jahr neu rekrutieren. Die Entwicklung über mehrere Saisons wird zur Seltenheit.
Selbst UConn-Champion-Coach Dan Hurley sagt: "Es ist alles transaktional geworden." Der Aufbau einer Kultur sei heute wichtiger denn je - und gleichzeitig schwerer denn je.
Ganz vorbei ist die Ära der Underdogs nicht. Auch 2024 gab es in Runde eins einige Überraschungen: Oakland schlug Kentucky, Yale gewann gegen Auburn. Doch das System verändert sich rapide. Und die Mid-Majors suchen nach Lösungen. Einige setzen auf erfahrene Transfers aus D-II-Programmen, andere hoffen auf den Zufall.
Wie Greg Kampe sagt: "Du kannst dich beschweren - oder du findest Wege, wie du unter diesen Bedingungen trotzdem gewinnst."
Sam Müller