16.07.2025
Caitlin Clark als Streitfigur
Die WNBA gilt als am schnellsten wachsende Marke der USA. Der Motor hinter dem Erfolg: Das erst 23-jährige Ausnahmetalent Caitlin Clark. Doch anstelle der Besinnung auf die positive Entwicklung wird die Debatte von Neid überschattet.

Die WNBA wächst - und das in rasantem Tempo! Die werberelevanten Metriken verdoppeln sich nahezu jährlich. In den USA wurde die Liga unlängst zur am schnellsten wachsenden Marke des Landes erklärt. Und die jüngste Expansion um die Golden State Valkyries war erst der Anfang. Bis 2030 folgen noch fünf weitere Teams. Aktuell verfügt die WNBA bereits über 13 Mannschaften und rund 180 Spielerinnen. Der Grund für das rasante Wachstum wird allerdings nur einer zugeschrieben: Caitlin Clark.
Seit das US-amerikanische Supertalent im 2024er Draft an erster Stelle gezogen wurde, erobert sie die Liga im Sturm. Dreier vom Logo, spektakuläre Pässe und ihre abgeklärte Art. All das machten sie im Handumdrehen zum Aushängeschild einer gesamten Liga, die seit vielen Jahrzehnten um Aufmerksamkeit kämpft. Der Caitlin-Clark-Effekt begann dabei noch weit bevor sie in die größte Frauen-Basketballliga der Welt gedraftet wurde. Bereits auf dem College, für die University of Iowa, sorgte die Aufbauspielerin regelmäßig für Schlagzeilen - und ein Millionenpublikum. Bei ihrem Sprung in die WNBA nahm sie dieses einfach mit.
In der ersten Saison mit Clark steigerte sich die Anzahl an League-Pass-Abonnements um unfassbare 366 Prozent. Die Social-Media-Reichweite ging um 436 Prozent nach oben. Und die Merchandise-Verkäufe versechsfachten sich im Vergleich zur Vorsaison. Aber nicht nur das: Die WNBA schaffte es, in ihrer Wahrnehmung aus dem Schatten der NBA herauszutreten. Plötzlich waren es nicht ausschließlich Frauensport-spezifische Instagram-Accounts, die die Highlights der letzten Nacht teilten. Es waren die großen Sender und Plattformen, die das Potenzial des Sports erkannt hatten.
Dass sich Clark mit aller ihr geschenkten Aufmerksamkeit jedoch nicht nur Freunde machen würde, wurde schnell klar. In ihrer Rookie-Saison wurden laut einer viralen Statistik 17 Prozent aller unsportlichen Fouls, die in der gesamten WNBA begangen wurden, ihr gegenüber ausgeübt. Durchaus war in vielen Spielen sichtbar, dass Clark mit außergewöhnlicher - wenngleich nicht übertriebener - Härte begegnet wurde.
Auch die deutsche Nationalspielerin Satou Sabally äußerte sich im vergangenen Jahr ermüdet vom "Caitlin-Clark-Effekt": "Natürlich ist es nervig, weil viel zu viele Caitlin-Fans in unserer Arena waren", sagte sie nach einem Spiel ihres (damaligen) Teams Dallas Wings gegen Clarks Indiana Fever. "Ich habe das Gefühl, dass unsere Dallas-Fans einen besseren Job hätten machen können. Ich hatte gemischte Gefühle, all diese Caitlin-Trikots zu sehen." Schlichtend schob sie hinterher: "Aber es ist ein unglaubliches Zeichen für Frauen-Basketball."

Saballys Beobachtung ist durchaus kein Einzelfall. Überall, wo Caitlin Clark seit ihrem WNBA-Beginn auftauchte, gab es einen spürbaren Effekt. In der gesamten Saison 2023 lockten ihre Indiana Fever knapp 81.000 Zuschauer in die Heimarena. 2024 genügten fünf Heimspiele, um diese Zahl zu toppen. Und auch auswärts waren die Auswirkungen allgegenwärtig. Als sich Clark kurz vor einem Auswärtsspiel gegen Chicago Sky verletzte, sackten die Ticketpreise auf dem Zweitmarkt um 70 Prozent ab. Mit über 19.000 Anwesenden stellte das Team von Rivalin Angel Reese am Ende trotzdem einen neuen Franchise-Zuschauerrekord auf.
Der messbare und spürbare Clark-Effekt trügt allerdings in einer Weise, die sicherlich zur andauernden Neid-Debatte beigetragen hat: Die WNBA war auch schon vor Caitlin Clark auf Wachstumskurs. Zwischen 2019 und 2023 hatte sich das durchschnittliche TV-Publikum verdoppelt. "Ich glaube, das WNBA-Narrativ ist gerade Caitlin Clark", sagte Sabally im Podcast P With Paul George. "Ich glaube, es ist ein gutes Narrativ, aber nicht das einzige." Eine ähnliche Meinung vertritt auch Liga-Legende Sue Bird. "Die Zuschauerzahlen mit Caitlin Clark sind astronomisch", sagte die vierfache WNBA-Championess kürzlich und spielte damit auf die 2,5 Millionen Menschen an, die das letzte Viertelfinal-Spiel von Clarks Fever im Fernsehen verfolgen. "Aber die WNBA-Halbfinals brechen immer noch Rekorde im Vergleich zu vorherigen WNBA-Jahren."
Vor wenigen Tagen erreichte die Neiddebatte einen vorläufigen Höhepunkt. Bei der Wahl der WNBA-All-Stars wurde Clark von den Fans mit großem Vorsprung auf den ersten Platz gewählt. Die Spielerinnen, deren Stimmen ebenfalls in die Bewertung einfließen, votierten Clark hingegen nur auf den neunten Rang unter allen Guards. Durchaus durchlebt die 23-Jährige aktuell nicht ihre einfachste Saison, dennoch sorgten die Wahlergebnisse für reichlich Kritik. "Das ist purer Neid", sagte ESPN-Kommentator Dick Vitale. "Eines Tages werden sie erkennen, was sie für alle Spielerinnen der WNBA getan hat."
Was er damit meint? Die vervielfachten Zuschauerzahlen kommen zu einem günstigen Zeitpunkt für die Basketballerinnen. Dieser Tage handelt die Spielergewerkschaft den neuen Tarifvertrag mit der WNBA aus. Diese hatte ihre Einnahmen im jüngst abgeschlossenen TV-Vertrag fast verzehnfachen können. Erhielt die Liga von ihren TV-Partnern bislang nur rund 25 Millionen Dollar pro Jahr, sind es für die nächsten elf Jahre im Schnitt 200 Millionen pro Saison. Sollte dieses Geld schließlich auch bei den Akteurinnen selbst ankommen, wäre das womöglich ein erster Schritt, um die Neiddebatte ad acta zu legen.
Julius Ostendorf