19.03.2025
Verliert die Liga ihren Nachwuchs?
Die sogenannten NIL Deals ermöglichen es jungen Sportlern an US Colleges seit Kurzem neben ihrer akademischen und sportlichen Ausbildung nun auch Geld zu verdienen. Teilweise winken deutlich sechsstellige Jahresgehälter. Diese Entwicklung macht auch vor der easyCredit BBL nicht Halt, die Gefahr läuft, einige ihrer größten Talente zu verlieren.

Eine professionelle basketballerische Ausbildung, parallel dazu einen Hochschulabschluss erwerben und dafür auch noch bezahlt werden? Klingt verlockend, fast zu schön, um wahr zu sein. Dieses Paket ermöglichen aktuell US-Colleges jungen Sportlern und locken so zahlreiche Talente - auch aus Europa - über den großen Teich. Während es für College-Athleten bis vor wenigen Jahren nicht erlaubt war, neben ihrer Studienzeit Geld zu verdienen, änderten eine Reihe von Gerichtsentscheidungen die Situation drastisch.
2021 entschied der oberste Gerichtshof der USA einstimmig, dass die NCAA-Regeln, die bildungsbezogene Vergütungen für Studenten begrenzten, gegen Kartellrecht verstießen. Ab dem ersten Juli 2021 war es College-Sportlern also offiziell erlaubt von ihrem Namen und ihrem "Bild" zu profizieren und NIL-Deals abzuschließen (NIL = naming, image, likeness).
"NIL ist ein großes Problem für uns Vereine", sagt ratiopharm Ulms Geschäftsführer Dr. Thomas Stoll im Gespräch mit basketball-world, dessen Club sich seit Jahren die Entwicklung von Top-Talenten auf die Fahnen geschrieben hat. "Früher konnten wir den Spielern sagen, dass es auf dem College vielleicht 30 Spiele gibt und bei uns 70 oder 80. Wir trainieren im Gegensatz zum College das ganze Jahr durch, dagegen gibt es dort Phasen, wo die Trainer gar nicht mit dabei sind", führt Stoll seine Bedenken aus. "Es gab sportliche Gründe, um bei uns zu bleiben, aber wenn die Jungs nun bei uns 2.000 Euro im Monat bekommen und in den USA 20.000 oder sogar 50.000, dann helfen all diese Gründe nicht."

Dies ist vor allem von Bedeutung, da den Vereinen rechtlich die Hände gebunden sind. Die NCAA ist nicht Teil der FIBA, weshalb Spieler trotz bestehender Verträge in die USA wechseln können. Stoll fordert eindringlich eine Lösung auf organisatorischer Ebene: "Die Spieler sagen 'Tschüss Thomas' und spielen am nächsten Tag auf dem College. Die Vereine können juristisch nichts machen, es gibt da keine juristische Grundlage. Dafür braucht es dringend eine weltweite Lösung."
Gegebenenfalls wären deutlich höhere Ablösesummen für gedraftete Spieler eine Option für die Klubs, die dann wiederum höhere Gehälter zahlen könnten. NBA-Scout und Ex-Profi Yassin Idbihi bringt im Dyn-Podcast Timeout ein vertraglich festgelegtes "matching right" für abgebende Vereine ins Gespräch. Dadurch hätte ein Klub nach der College-Zeit des Spielers die Option mit dem höchsten vorliegenden Angebot gleichzuziehen und den Akteur somit wieder zu sich ins Programm zu holen.
Neben den Vereinen muss sich aber auch die BBL mit den NIL-Deals auseinandersetzen, denn der Liga droht ein Verlust zahlreicher Talente, die potenziell das Zeug zum Aushängeschild hätten. Schon in diesem Sommer könnten bzw. werden sich mindestens fünf Youngster ins Abenteuer College stürzen.
- Amon Doerries (19, PF, ALBA Berlin)
Der U-18-Europameister, der im April vergangenen Jahres sein BBL-Debüt für Alba Berlin gab, wird mit einem Wechsel ans College in Verbindung gebracht. In der Liga reichte es für Doerries in der laufenden Saison noch nicht für einen Einsatz, dafür schickte der damalige Coach Israel Gonzalez den Youngster in der EuroLeague insgesamt fünf Mal auf Parkett. Hauptsächlich spielt der 2,06 Meter große Forward aber in der ProB für das Farmteam der Berliner in Bernau, wo er im Schnitt 9,9 Punkte in gut 22 Minuten Spielzeit auflegt.
- Dominykas Pleta (20, PF, MHP RIESEN Ludwigsburg)
Bei Dominykas Pleta ist der Wechsel ans College bereits in trockenen Tüchern, denn der Forward wird sich im Sommer der Iowa State University anschließen. "Dominykas ist ein talentierter und vielseitiger Spieler", so TJ Otzelberger, Head Coach der Cyclones. "Er bewegt sich gut in der Defensive und spielt mit toller Energie. Mit seinem Alter und seiner Profi-Erfahrung wird er einen unmittelbaren Einfluss auf unser Programm haben." Pleta hat 22 Einsätze in BBL-Team der Riesen auf dem Buckel, spielt aber wie Doerries auch hauptsächlich in der ProB. Dort hat er mit einer Ausnahme in jedem Spiel zweistellig gescort und legt mit durchschnittlich 20,1 Punkten und 10,4 Rebounds dominante Zahlen auf.

- Elias Rapieque (20, SF, ALBA Berlin)
Rapieque, der 2023 einen Fünf-Jahres-Vertrag bei Alba unterschrieben hat, wird Medienberichten zu Folge ebenfalls mit US-Colleges in Verbindung gebracht. Im Gegensatz zu den beiden erstgenannten Akteuren hat sich der 20-Jährige bereits in der Rotation in BBL und EuroLeague etabliert. In bislang 33 Einsätzen in der deutschen Eliteklasse sowie der EuroLeague kam Rapieque durchschnittlich über 14 Minuten zum Einsatz und ließ sein Können immer wieder aufblitzen. So erzielte er beispielsweise gegen Maccabi Tel Aviv 14 Punkte oder legte gegen Final Four -Anwärter AS Monaco neun Zähler und sieben Rebounds auf. Ein Abschied des Eigengewächses würde Alba vor allem perspektivisch treffen, denn die Entwicklung des Flügelspielers geht gut voran.
- Hannes Steinbach (18, PF, FIT/One Würzburg Baskets)
Hannes Steinbach ist ohne Frage der Newcomer schlechthin in der BBL. Nach einer dominanten U-18-EM und der Goldmedaille beorderte Coach Sasa Filipovski den Youngster in sein BBL-Team und gab ihm von Beginn an Spielzeit. In der Phase von Mitte Januar bis Mitte Februar als Würzburg arg von Verletzungen gebeutelt war, machte Steinbach nochmal einen Schritt nach vorne und legte in sechs Partien vier Double-Doubles auf. Im Schnitt kam Steinbach in dieser Saisonphase auf 14,3 Punkte und 10,8 Rebounds, was ihn zwischenzeitlich zum effektivsten Spieler der gesamten Liga machte. Der 18-jährige steht längst auf diversen Scouting-Zetteln von College-Coaches und hätte die Möglichkeit in den USA ein Vielfaches davon zu verdienen, was beispielsweise in Würzburg möglich wäre.

- Sananda Fru (21, C, Basketball Löwen Braunschweig)
Offiziell ist der Wechsel ans College bei Sanadra Fru noch nicht, aber die Spatzen pfeifen einen Transfer an die University of Louisville von den Dächern. Fru ist eine zentrale Stütze im Team der Basketball Löwen Braunschweig und aktuell der effektivste deutsche Spieler der BBL. In gut 24 Minuten Spielzeit legt der Center im Schnitt 11,6 Punkte und 5,2 Rebounds auf. Besonders auffällig ist die Effizienz des 2,09 Meter-Centers, der extrem starke 70 Prozent seiner Zweier verwandelt und zuletzt begann, auch den Dreier in sein Offensiv-Repertoire aufzunehmen. Fru ist ein entscheidender Faktor dafür, dass die Basketball Löwen die vielleicht größte Überraschung der laufenden Saison sind. Ein Abgang wäre 1:1 wohl kaum zu kompensieren.
Der Transferstrom von der BBL ans College hat also längst begonnen und die Liga sowie deren Klubs werden sich damit arrangieren müssen. "Der Trend lässt sich nicht aufhalten", weiß auch Idbihi. "Es geht jetzt darum, dass die Vereine das Beste daraus machen." Darauf wird es ankommen, auch wenn der Verlust des ein oder anderen Talents sicher schmerzen wird.
Robert Heusel, Robert Arndt