vor 2 Stunden
Große Worte, wenig Erfolg
Als Spieler gewann Tony Parker viermal die NBA-Meisterschaft und schrieb französische Basketballgeschichte. Als Präsident wollte er ASVEL dauerhaft in Europas Elite etablieren. Zwölf Jahre später ist der 44-Jährige Präsident, Eigentümer und inzwischen sogar Cheftrainer, während sein Klub taumelt.

Als Tony Parker 2014 das Präsidentenamt bei ASVEL Lyon-Villeurbanne übernahm, klang die Geschichte nach einem perfekten Match. Einer der größten europäischen Basketballer aller Zeiten sollte einen französischen Traditionsklub zurück an die Spitze führen. National gelang das auch: Unter Parker gewann ASVEL mehrere Meisterschaften, 2021 sogar das Double und verteidigte 2022 den Meistertitel. Auch die Rückkehr in die EuroLeague und der Umzug für die europäischen Spiele in die moderne LDLC Arena gehörten zum Wachstum des Projekts.
Doch je größer Parkers Ambitionen wurden, desto häufiger klafften Anspruch und Realität auseinander. Besonders deutlich zeigt sich das in der EuroLeague, denn seit der dauerhaften Rückkehr 2019 erreichte ASVEL nie die Playoffs. In der vergangenen Saison folgte der vorläufige Tiefpunkt: Mit gerade einmal acht Siegen aus 38 Spielen landete Villeurbanne abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz.
Auch bei der Besetzung des wichtigsten sportlichen Postens sorgte Parker immer wieder für Diskussionen. 2020 beförderte er seinen jüngeren Bruder T.J. Parker zum Cheftrainer, was sich zunächst sogar auszahlte. International ging es dann allerdings rapide bergab. Als T.J. im Oktober 2023 entlassen wurde, hatte ASVEL saisonübergreifend 17 EuroLeague-Spiele in Folge verloren. Es folgten Gianmarco Pozzecco und Pierric Poupet, doch dauerhaft stabilisieren konnte keiner der beiden den Klub.

Nach der desaströsen vergangenen Saison fand Parker eine kuriose Lösung für das Trainerproblem. Und zwar sich selbst. Seit diesem Sommer ist der Präsident und Eigentümer gleichzeitig Head Coach der Profimannschaft. Der viermalige NBA-Champion hatte vorher noch nie einen Profiklub als Cheftrainer betreut, seine ersten Erfahrungen sammelte er erst kurz zuvor als Trainer der französischen U-17-Nationalmannschaft.
Finanziell könnte sich das Experiment für Parker zumindest persönlich lohnen. Nach Medienberichten waren rund 1,2 Millionen Euro für seine Position im Gespräch. Damit würde sich die Konstruktion in einer Phase abspielen, in der der Präsident Parker an anderer Stelle erhebliche finanzielle Probleme lösen muss.
Denn ausgerechnet im ersten Sommer des Trainers Parker sollte eigentlich eine neue Ära beginnen. ASVEL plante nach Informationen von L'Equipe zunächst mit einem Gesamtbudget von rund 59 Millionen Euro. Eine für französische Verhältnisse gigantische Summe, mit der Villeurbanne plötzlich auch auf dem Transfermarkt in völlig anderen Dimensionen agierte.
Sylvain Francisco sollte das Gesicht des neuen Projekts werden. Der französische Nationalspieler hatte zuvor bei Zalgiris Kaunas mit 16,6 Punkten und 6,5 Assists pro EuroLeague-Partie geglänzt. Sein Vertrag bei ASVEL wurde auf rund vier Millionen Euro pro Saison taxiert. Auch prominente Namen wie Daniel Theis, Nick Weiler-Babb und Armoni Brooks wurden mit dem neuen Großprojekt in Verbindung gebracht.
Das Problem: Die finanzielle Grundlage für Parkers Großangriff stand wohl noch gar nicht vollständig. Ein Investor aus Asien, dessen Geld einen erheblichen Teil des geplanten Budgets ausmachen sollte, konnte die notwendigen Garantien gegenüber der französischen Finanzkontrolle DNCCG nicht rechtzeitig vorlegen. ASVEL musste deshalb einen Plan B präsentieren. Statt 59 Millionen Euro standen plötzlich nur noch rund 24 Millionen im Raum.
Aus dem vermeintlichen Angriff auf Europas Spitze wurde innerhalb weniger Wochen Schadensbegrenzung. Besonders kurios verlief die Personalie Francisco. Im Juni wurde er als einer der Stars des neuen ASVEL präsentiert, Ende Juli bestätigte Parker schon wieder dessen Abgang. Auch hinter den anderen großen Namen standen plötzlich Fragezeichen.
Immerhin gelang Parker inzwischen noch ein prominenter Transfer. Mit Patty Mills holte ASVEL seinen ehemaligen Teamkollegen aus gemeinsamen Spurs-Zeiten nach Frankreich. 2014 hatten Parker und Mills zusammen die NBA-Meisterschaft gewonnen.
Das finanzielle Chaos des Sommers ist aber nur das jüngste Kapitel einer komplizierten Beziehung zwischen ASVEL und der EuroLeague. Schon in der vergangenen Saison geriet der Klub mit der europäischen Königsklasse aneinander. ASVEL hatte die vorgeschriebene Mindesthöhe für Spielergehälter unterschritten. Die EuroLeague verlangte für ihre Anteilseigner einen Mindestwert von rund 5,8 Millionen Euro, Villeurbanne lag deutlich darunter. Die Folge waren eine Geldstrafe und zeitweise eine Transfersperre. Außerdem sollte ASVEL die Differenz zur vorgeschriebenen Untergrenze an seine Spieler ausschütten.
Parker wollte davon nichts wissen. Seine Argumentation: Die französische Liga unterwerfe ASVEL einer eigenen Finanzkontrolle und lasse entsprechende Ausgaben nicht ohne Weiteres zu. "Wir gehen vor Gericht", kündigte Parker im November 2025 an. Gleichzeitig aber stellte er die Zukunft seines Klubs in der EuroLeague infrage.
Denn plötzlich rückte ein anderes Projekt in den Mittelpunkt. Parker gehört seit Jahren zu den prominentesten Befürwortern der NBA Europe. Schon 2025 sprach er öffentlich über Gespräche hinsichtlich einer möglichen Beteiligung von ASVEL. Im November ging er noch weiter: "Wir haben alles getan, um für die NBA bereit zu sein", erklärte Parker. Zu diesem Zeitpunkt wirkte ein Abschied aus der EuroLeague sehr realistisch.
Umso bemerkenswerter war die anschließende Entwicklung. Statt die EuroLeague zu verlassen, entschied sich ASVEL 2026 doch für einen langfristigen Verbleib. NBA Europe verschwand aber nicht aus Parkers Gedankenwelt.
Noch Anfang August sorgte der Franzose mit Aussagen über seinen Traum für Aufsehen, ASVEL eines Tages zu einem Titel in NBA Europe zu führen. Weil dies wegen der neuen EuroLeague-Bindung eher widersprüchlich klang, musste Parker seine Aussagen im Anschluss einordnen. Sein Idealbild sei eine Zusammenarbeit der verschiedenen Wettbewerbe.

Parker hat ASVEL ganz sicher verändert. Ohne seinen Namen, sein Netzwerk und seine Ambitionen der Klub vermutlich nicht dort, wo der Verein heute steht. Doch der Anspruch, aus ASVEL einen europäischen Großklub zu formen, macht die Bilanz inzwischen problematisch.
Dass der ehemalige NBA-Star große Ziele verfolgt, überrascht nicht. Seine Karriere basierte schließlich darauf, alles zu gewinnen. Doch als Spieler gewann Parker vier NBA-Titel, bei seiner zweiten Karriere fehlte ihm bislang genau das, was seine erste ausgezeichnet hat, nämlich Konstanz.
Lukas Hetterich