04.06.2025
Indiana Pacers vor den Finals
Nacheinander überrannten die Indiana Pacers die Bucks, Cavaliers und Knicks. Favorit waren sie nur einmal, dennoch immer das bessere Team. Indiana verfolgt eine besondere Philosophie, die mit Tyrese Haliburton beginnt, jeden miteinbezieht und an gleich drei legendäre Teams erinnert, in der Conference-Finals MVP Pascal Siakam zudem voll aufgehen kann …

Vor all den Meisterschaften, vor Kevin Durant und Wiederauferstehungen drehte sich bei den Golden State Warriors viel um Tiefe. Klar hatten sie bereits Steph, Klay und Draymond - gleichzeitig waren da Harrison Barnes und David Lee, Leandro Barbosa und Shaun Livingston, Andre Iguodala und Marresse Speights, Andrew Bogut und Festus Ezeli. Große Rotation, große Probleme für andere Teams: Strength in Numbers. Die Kraft der Masse entfaltete sich in Golden State durch permanenten Druck auf gegnerische Defenses. Die Warriors hielten das Tempo hoch, sprinteten durch die Zone, bewegten den Ball und nagten so an anderen Teams. 2015 gewannen sie ihre erste Meisterschaft.
Ob die Pacers OKC tatsächlich gefährlich werden, können erst die Finals zeigen. Für die Bucks, Cavs und Knicks war Indiana jedoch zu viel. Auch, weil Coach Rick Carlisle in den Playoffs insgesamt 12 Spielern Minuten gab, lange bevor Spiele entschieden waren. Die Pacers finden Rollen für nahezu jeden. Elf Spieler standen in 12 von 16 Playoff-Spielen auf dem Court, neun davon erhielten durchschnittlich mindestens 14 Minuten. Die Kraft der Masse, auch die Pacers machen sie sich zunutze. Aus bestem Grund.
Über die Saison stellte Indiana eine der schnellsten Offenses nach einem erfolgreichen Wurf des Gegners. Fällt der Ball gerade durch den Ring, mutieren Defender in Sekundenbruchteilen zu Kurzstreckensprintern. Die, die gerade noch rund um die Dreierlinie verteidigten, rennen in Richtung gegnerischer Korb, während Point Guard Tyrese Haliburton den Court scannt. Ein schneller Pass über das gesamte Feld, einfache Punkte. So funktionierte es oft. Gegen die Knicks zu oft.
Im Laufe der Conference Finals hatte New York immer wieder Probleme mit Indianas schnellem Spiel. Mal um Mal ließ sich die Defense überrumpeln. Gegen die drittschnellste Offense der Playoffs (Pace 98,44) kann das passieren. Nur passierte es den Knicks auch im Halbfeld. Häufiger sogar als in Transition. Denn tatsächlich spielt Indiana trotz seines schnellen Stils in den Playoffs 83,4 Prozent seiner Angriffe im Halfcourt aus - sprich, gegen eine theoretisch geordnete Defense. Nur die Kings, deren Postseason bereits im Play-in endete, gingen häufiger ins Halbfeld.
Geschwindigkeit bedeutet im Falle der Pacers nicht nur, schnell abzuschließen. Sie impliziert, dass alles mit maximaler Geschwindigkeit abläuft. Auch im Halbfeld, wo Offenses mangels Raum und Zeit regelmäßig in eine gewisse Statik verfallen. An ihren normalen bis besten Tagen lassen die Pacers dagegen mehrere Aktionen parallel laufen, bewegen den Ball schnell, cutten permanent und treffen Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden.
Häufig heißt es, Indiana erinnere an die "Seven Seconds or Less Suns", die unter Steve Nash und Mike D’Antoni das Tempo am Anschlag hielten, um möglichst in sieben Sekunden oder weniger abzuschließen. Abgeneigt ist Indiana dem schnellen Wurf nicht. Zusätzlich finden sich jedoch Parallelen zu einer anderen Legende des schönen, schnellen Spiels: Die 2014er Spurs wollten sich maximal 0,5 Sekunden Zeit lassen, um Entscheidungen zu treffen. Dieser Maxime folgt auch Indiana. Bekommt einer den Ball, muss er im Grunde bereits beschlossen haben, ob er passt, wirft oder attackiert. Tyrese Haliburton darf sich mehr Zeit lassen, bringt als Metronom und Dirigent der Offense jedoch genau diesen Hang zur schnellen Entscheidungsfindung selbst ein.
Alles bewegt sich. Überall passiert etwas. Abseits des Balles stellen die Pacers Blöcke, cutten Richtung Zone oder gleiten Richtung Dreierlinie. Teilweise wirkt einer teilnahmslos und öffnet dennoch den Weg Richtung Korb oder die Passing Lane zum Mitspieler. 337,4 Pässe werden die Pacers pro Spiel los, womit sie in den letzten zehn Jahren ligaweit im 97. Perzentil liegen. Geschwindigkeit dient dabei nicht ausschließlich als Mittel zum schnellen Erfolg. Sie soll schnellstmöglich möglichst gute Wurfgelegenheiten kreieren. Und er Ansatz funktioniert.
Bei einer Assist Percentage von 66 Prozent (Rang 1 in der Postseason) besitzt Indiana das beste True Shooting (61,2 Prozent), dazu die beste Effective Field Goal Percentage (57,6 Prozent) aller Playoff-Teams. Indianas Offensive Rating übertreffen nur Cavaliers, die den Pacers in Runde zwei sonst wenig entgegenzusetzen hatten. Auch die Assist-to-Turnover-Ratio von 2,21 ist in den Playoffs unübertroffen. Den Ball teilen, schnell entscheiden, erfolgreich Abschließen. Carlisles Formel funktioniert.

Zumal die konstante Bewegung nicht nur kurzfristige Vorteile bringt. Gerade über eine Serie zehrt Indianas Stil an Defenses. Alle zwei, drei Nächte müssen sie die Konzentration permanent hochhalten, müssen Bewegungen lesen, ihnen folgen oder sie ignorieren, müssen erkennen, welcher Screen wirklich gesetzt wird, welcher nur ein Köder ist. Alles in höchstem Tempo. Gerade Richtung Ende von Spielen kann das beeinträchtigen. Womöglich fehlt ein letzter Schritt für den Closeout, eventuell sitzt eine Rotation nicht mehr ganz - und die Pacers profitieren.
Denn müde wird Indiana kaum. Durch ihre große Rotation können die Pacers das Tempo hochhalten, ohne selbst zu viel Kraft zu verlieren. Während gleich neun Spieler mindestens 14 Minuten auf dem Court standen, knackt nur Haliburton die 35-Minuten-Marke, gefolgt von Pascal Siakam (33,6) und Andrew Nembhard (33,1).
Gleichzeitig verteilen Carlisle und sein Coaching Staff klare Aufgabenprofile. Jeder trägt bei. Auch Tony Bradley, wenn er seine Physis gegen Mitchell Robinson nutzen soll, oder Thomas Bryant, wenn er als Stretch Big Miles Turner entlastet. Der bringt durch seinen Hang zum Poppen Richtung Dreierlinie wiederum den nötigen Raum, während Aaron Nesmith Ballführende bearbeitet, sich dabei mit Nembard abwechselt und Obi Toppin von der Bank Druck auf den Ring ausübt und gleichzeitig das Feld breit macht. TJ McConnell bringt Defenses durch sein unorthodoxes Spiel durcheinander, Sheppard gibt den 3&D-Guard, Benedict Mathurin den athletischen Slasher.
So konfrontieren die Pacers gegnerische Coaches und Teams mit diversen Problemstellungen, die sich nahezu fließend abwechseln. Ganz im Sinne von Haliburton. "Wenn du einen Spieler hast, um den herum du aufbauen kannst, kann es schneller gehen als du denkst", sagt Carlisle über die Entwicklung. "Als wir Tyrese bekamen, war es sehr klar, welche Identität unser Team brauchte. Wir mussten ein schnelles Team mit Shooting werden."
So sehr die Pacers eine feste Identität besitzen, die Kollektiv und Individuum auf ein anderes Level hebt, alles beginnt mit Haliburton. Nahezu alle Angriffe laufen über ihn. Dazu prägt Haliburton die Identität. Er spielt, entscheidet, passt schnell - und geht doch einmal nichts, ist er der beste Isolation Scorer des Teams, trifft gern auch Gamewinner mit ablaufender Uhr. Steht Haliburton auf dem Feld, ist Indianas Offensive Rating in den Playoffs zudem um 12 Punkte besser.
Gleichzeitig, so fügte Carlisle an sein Zitat an, hob der Siakam-Trade "die Sache auf ein neues Level." Ein wenig dachten einige Beobachtende rund um den Wechsel, Siakam sei nun mal der Star, den die Pacers bekämen. Als kleiner Markt sei Indiana für die ganz Großen schließlich nicht interessant. Am Ende war Siakam aber womöglich der, den die Pacers brauchten und wollten. Denn sein Spiel passt perfekt in Carlisles System.
Trotz seiner Größe ist der Forward regelmäßig einer der ersten in der gegnerischen Hälfte und bildet damit ein gern genommenes Ziel für Haliburtons Ganzfeld-Pässe. Switchen Teams im Halbfeld, kann er Mismatches kreieren und sie ausnutzen. Zudem kommt er schnell in seine Aktionen, bremst Indianas Offense damit selbst dann selten aus, wenn er gegen kleinere Gegenspieler den Ball am Zonenrand bekommt - wo er hochprozentig abschließt. Da der schwere Wurf kein überwindbares Hindernis darstellt, dient auch Siakam als Exitstrategie, sollte am Ende eines Angriffs kein hochprozentiger Wurf herausspringen. Dazu kann er sowohl am Perimeter als auch in Korbnähe verteidigen.

In Toronto sollte er am Ende häufig erste Option sein, das lag ihm nicht zwingend. In Indiana übernimmt den Part Haliburton, Siakam kann sich seine Spots zielgerichteter auswählen. Drei Mal legte er in den Conference Finals so über 30 Punkte auf. Am Ende waren es 24,8 im Schnitt. Für Siakam fanden die Knicks nie eine echte Lösung, und so gewann er am Ende den Conference-Finals-MVP-Award.
"Als wir ihn holten, hatten wir eine Vision", sagt Haliburton über seinen Co-Star. "Wir sahen etwas wie das hier, etwas Besonderes. Es ist einfach besonders, dass er hier ist. Für mich ist er wie ein großer Bruder, jemand, dem ich wirklich vertrauen kann, jemand, an den ich mich anlehnen, mit dem ich reden kann, einfach jemand, der mich immer in den richtigen Balance hält."
Die Pacers bestehen sich„Jeder einzelne in diesem Team ist eine unglaublich Persönlichkeit“, verrät Siakam eine weitere Facette des Erfolgs. "Es ist einfach ein Haufen guter Jungs. Und wenn du das hast und sich jeder voll der Arbeit verschreibt, wenn es keinen Egoismus gibt und sich alles um das Gewinnen dreht, genau das willst."
Die Pacers sind viele, gleichzeitig sind sie mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Das brachte sie in die Finals - wo sie ausgerechnet auf ein ähnlich tiefes Team treffen, das ebenfalls 100 Wege kennt, gegnerische Teams auszulaugen. Eines wird seine erste Meisterschaft gewinnen.
Max Marbeiter