vor 7 Stunden
SOS für einen All-NBA-Spieler
Viel wurde im Vorfeld der Western-Conference-Finals über die Rivalität zwischen Victor Wembanyama und Chet Holmgren gesprochen. Während der Franzose wie ein MVP aussieht, hat Holmgren über vier Spiele bis dato aber kaum Eindruck hinterlassen. Können die Thunder ihren Big Man noch entfesseln?

Der Sonntag begann für Chet Holmgren mit einer guten Nachricht. Wie zu erwarten war, wurde Holmgren in ein All-NBA-Team gewählt (das dritte), erstmals in seiner erst dreijährigen Karriere. Mit den wenigsten Stimmen aller 15 gewählten Spieler zwar, dennoch ein signifikanter Meilenstein, ein Zertifikat seiner Klasse als NBA-Spieler.
Holmgren hatte den Wählern einen guten Case geliefert. Als exzellenter Verteidiger, der als Ringbeschützer nur von einem klar übertroffen wurde (wir kommen noch zu ihm) und der ebenfalls ja Zweiter im Rennen um den Defensivspieler des Jahres wurde. Aber auch als vielseitiger Offensivspieler, der mit seinen 2,16 m so einige Guard-Skills sein Eigen nennt und mit seinem Mix aus Shooting und Finishing sehr effiziente 17,1 Punkte auflegen konnte.
Holmgren hat sich all die Awards und Auszeichnungen verdient, die ihm zugeflogen sind. Es werden nicht die letzten sein. Er ist von seinem Skillset her ein sportlicher Cheat-Code, ein essenzieller Bestandteil der Erfolgsmaschine der Thunder, die als amtierender Champion erneut 64 Siege holen konnte. Wie Shai Gilgeous-Alexander schon mehrfach richtig betonte, ist OKC der One-Seed im Westen, seitdem Holmgren Teil des Teams ist, und das nicht aus Zufall.
Es wäre nur langsam an der Zeit dafür, dass er all das auch mal in den laufenden Conference Finals unter Beweis stellt. Die Serie wurde am Sonntag nicht zuletzt deswegen ausgeglichen, weil Holmgren zum wiederholten Male den eigenen Möglichkeiten nicht gerecht werden konnte.
45 Punkte hat Holmgren bisher erzielt. Nicht in einem Spiel, in der Serie. Nach dem etwas besseren Spiel 3 waren es in Spiel 4 nur zehn Zähler, die insbesondere deshalb wehtaten, weil es den Thunder neben Gilgeous-Alexander fast komplett an sekundären Scoring-Optionen fehlte. Holmgren war erst recht keine davon, und das nicht zum ersten Mal.
"Egal, was ich da draußen mache, ich erwarte immer mehr von mir selbst", sagte Holmgren im Anschluss. "Ich kann viele Möglichkeiten im Spiel sehen, bei denen ich besser sein und Vorteile ausnutzen muss. Ich werde alles tun, was ich kann, um das zu schaffen."
Diese Analyse klang ziemlich vage; das könnte allerdings auch daran gelegen haben, dass es nicht bloß ein Bereich ist, in dem Holmgren sich verbessern sollte. Es sind vielmehr eine ganze Reihe von Faktoren, die dieses spezifische Matchup mit den Spurs schon seit der Regular Season ziemlich schwierig für ihn aussehen lassen.
Niemand erwartet von Holmgren, dass er Victor Wembanyama im direkten Duell deklassiert oder auch nur "matcht" - Wemby ist ein anderer Spieler, die Teams funktionieren anders. Natürlich gibt es eine Rivalität zwischen den beiden Akteuren, kein neutraler Beobachter würde jedoch behaupten, Holmgren wäre dem Franzosen, der nichts auf dem Court lieber tut, als ihn schlecht aussehen zu lassen, vom Talent her ebenbürtig.
Idealerweise sollte er aber ein großer Teil der Lösung gegen Wemby sein. Als Spieler, der seinerseits Matchup-Probleme verursacht, der seinem Team selbst die Schlüssel zu etlichen Two-Way-Lineups gibt, die Wemby mehr beschäftigen sollten als die Möglichkeiten nahezu aller anderen Teams.
Er tut sich schwer damit, aus mehreren Gründen. Spiel 4 lieferte erneut Anschauungsbeispiele dafür, wobei sich die Lage sogar noch einmal verschlimmerte, weil den Thunder zwei ihrer drei wichtigsten Ballhandler fehlten (Ajay Mitchell und Jalen Williams) und sich die Spurs dieses Defizit nun viel besser zunutze machten als noch im dritten Spiel.
Auf SGA wurde viel Druck ausgeübt, dabei aber auf frühe Double-Teams verzichtet, was dazu führte, dass am Perimeter kaum Möglichkeiten für die anderen Thunder entstanden. Bis zur Pause hatten die Thunder bloß elf Dreier versucht, überhaupt keinen offensiven Fluss kreiert, zumal die Zone dank Wemby ja bereits die gesamte Serie über zum Sperrgebiet erklärt wird.
Holmgren ändert daran nichts. Er gehört zwar in der Regel nicht zu den designierten Non-Shootern, vor denen Wemby das Spiel über absinkt, um stattdessen zu roamen. Er profitiert aber auch nicht davon, dass ihn statt Wemby in der Regel ein viel kleinerer Wing verteidigt; Holmgrens Wurfbewegung ist relativ langsam, was mehr Zeit für Closeouts bedeutet.
Er wird seinen Wurf zudem relativ niedrig los, weshalb er auch über beispielsweise Julian Champagnie nicht einfach drüber werfen kann (dass ihm die Kraft fehlt, näher am Korb Vorteile gegen die Wings zu kreieren, kommt erschwerend hinzu).
All diese Faktoren führen dazu, dass er schon über die gesamte Serie wenige offene Looks bekommt. Neun Dreier hat Holmgren gegen die Spurs bisher versucht. Für den eigentlich wohl zweitbesten Stretch-Rim-Protector der Welt ist das viel zu wenig - der Stretch ist gerade viel zu selten Teil der Gleichung.

Und die anderen Elemente seiner Offense ebenso: Wenn Holmgren draußen den Ball erhält und sich zum Drive entscheidet, warten zwei große Hürden auf ihn. Die schnellen Hände der Spurs-Guards einerseits, die bei seinem recht hohen Dribbling immer mal wieder dazwischenfunken.
Und dann natürlich Wembanyama: Gleich in der zweiten Minute von Spiel 4 inhalierte der Franzose einen Dunk-Versuch von Holmgren, nicht zum ersten Mal. Es war angesichts der gezeigten Aggressivität trotzdem noch eine seiner besseren Offensiv-Aktionen in diesem Spiel …
"Chet ist ein leichtes Ziel", sagte SGA, und meinte: Für Pässe. "Man kann ihn wahrscheinlich häufiger finden, wenn er im Dunker-Spot steht oder am Perimeter. Wir müssen ihn in bessere Positionen bringen, um seine Stärken als Offensiv-Talent zu nutzen. Wir werden sicherlich Wege finden, wenn wir das Tape studiert haben."
Das ist vielleicht leichter gesagt als getan (wobei der MVP eine Weile brauchte, bevor er diese Antwort auf die Frage gab, wie man Holmgren besser involvieren könne), denn im Prinzip wartet bei den Spurs in jedem Areal auf dem Court ein Problem auf Holmgren, das sein noch fehlendes Skillset als Creator entblößt. Was dazu führt, dass Spiele regelmäßig an ihm vorbeilaufen.
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Auch auf der anderen Seite des Courts gibt es ein strukturelles Problem. Zwar funktioniert die Thunder-Defense in der Serie bisher unterm Strich gut in Holmgrens Minuten, es gibt aber eine Einschränkung, die sich vor allem deshalb manifestiert, weil Mark Daigneault in diesem Matchup häufiger auf Single-Big-Lineups setzt als sonst, um Wemby am anderen Ende des Courts stärker zu beschäftigen.
In der Theorie - und in den vergangenen Jahren auch in der Praxis - opfern "Chet-als-Single-Big-Lineups" nichts an Defense und ermöglichen entfesselte Offense, sind die verheerendste Waffe im tiefen Arsenal der Thunder. Fairerweise würde die Offense solcher Lineups jetzt vielleicht auch besser aussehen, wenn J-Dub und Mitchell Teile von ihnen sein könnten.
Gegen die Spurs allerdings fehlt es nicht nur an Offense. Es fehlt oft auch an Rebounding; in beiden Siegen San Antonios biestete sich Wembanyama mehrfach zu Offensiv-Rebounds und Tip-Ins, spielte bisweilen Volleyball mit sich selbst. Holmgren scheint er kaum wahrzunehmen, wenn dieser versucht ihn auszublocken - weshalb Isaiah Hartenstein oder gar Jaylin Williams (ein Schlüssel in Spiel 3) in wichtigen Phasen nun schon mehrfach den Vorzug vor ihm erhielten.
Ein gewisses Rebound-Defizit ist bei OKC ohnehin eingepreist, dafür forciert dieses Team so absurd viele Ballverluste beim Gegner. Das Pendel darf jedoch nicht zu extrem ausschlagen, zumal auch die Spurs Druck ausüben können, wie sie in Spiel 4 zeigten, als OKC sogar öfter den Ball verlor als sie und San Antonio mehr Shooting Possessions im Spiel hatte.
Das Possession-Game ist normalerweise ein essenzieller Bestandteil aller Thunder-Siege, ein Selbstläufer ist es in diesem Matchup offensichtlich nicht. Weshalb es nicht zuletzt wichtig wäre, dass der All-NBA-zertifizierte Big im Kader mehr Boards abräumt als die bisher 6 pro Spiel. Dass er schlichtweg mehr Präsenz zeigt, als es bisher geschehen ist, in allen Bereichen.
Die gute Nachricht ist, dass das trotz allem eigentlich auch weiter möglich erscheint. Wie gesagt: Holmgren muss Wemby nicht matchen, damit sein Team diese Serie gewinnen kann. Er muss vielleicht auch nicht wie ein All-NBA-Spieler aussehen; vielleicht reicht es schon, wenn er offensiv zumindest etwas hochfährt, involvierter wird und mehr Aggression an den Tag legt.
Gleichzeitig würde es der Situation auch nicht gerecht werden, zu sagen, dass dies einfach ein schweres Matchup für Holmgren ist. Es ist gut möglich, dass dieses eine Matchup die nächsten Jahre der Liga definieren wird, so dominant sind diese beiden Teams.
Egal, wie gut er gegen alle anderen 28 aussieht: Dieses Matchup zählt. Er wird Wege finden müssen, sich darin zumindest über der Wasseroberfläche zu halten.