vor 13 Stunden
"Icke" Dommisch exklusiv
Am Freitag startet die Basketball-Weltmeisterschaft in Berlin. Pro7 überträgt live im Free-TV, vor Jahren war dies noch undenkbar. Wir haben Moderator Christoph "Icke" Dommisch zum Gespräch gebeten, warum Basketball nun doch seinen Platz im linearen Fernsehen hat.

Vor drei Jahren bei der WM der Männer lief gerade mal das Finalspiel im Free-TV. "ProSiebenSat.1" zeigt jetzt alle Spiele der deutschen Frauen live. Kann man also sagen, dass Basketball im Mainstream angekommen ist?
Icke: Es ist die Hoffnung aller Basketballfans - und damit auch von mir als riesigem Fan -, dass der Sport im Mainstream ankommt. Deshalb hoffe ich, dass viele Leute einschalten, auch diejenigen, die bisher nur die Herren verfolgen und nun die Möglichkeit haben, die Frauen spielen zu sehen. Der deutsche Frauenbasketball befindet sich vom Talentlevel her absolut auf seinem Höhepunkt. Sie haben Olympia gespielt und sind dort ins Viertelfinale gekommen. Bei der Heim-EM letztes Jahr wurden sie Fünfte. Das Team ist richtig stark, und es ist eine tolle Sache, dass wir das übertragen dürfen.
Und jetzt steht die Weltmeisterschaft an - erst die zweite für die DBB-Frauen in der Geschichte, wobei man als Ausrichter für beide automatisch qualifiziert war …
Icke: Das wird für viele in Deutschland der erste große Berührungspunkt mit dem Frauenbasketball sein. Generell bekommt der Frauensport gerade immer mehr Sichtbarkeit, ähnlich wie in der Fußball-Bundesliga, wo eine erfolgreiche Nationalmannschaft auch ein großer Treiber dafür war. Für die Spielerinnen freut es mich besonders. Da viele im Ausland und nicht in der Bundesliga spielen, sind sie für die deutschen Fans abseits von Instagram schwer zu verfolgen. Das sind tolle Charaktere mit spannenden Geschichten, und ich hoffe, dass wir diese in den nächsten anderthalb bis zwei Wochen ausführlich erzählen können.
Eine Geschichte ist sicherlich der Ausfall von Deutschlands bester Spielerin Satou Sabally. Hat diese Nachricht dem WM-Hype Wind aus den Segeln genommen?
Icke: Das tut für die sportlichen Erfolgsaussichten natürlich extrem weh. Ansonsten wird es jetzt aber viele positive Meldungen geben, wie zum Beispiel, dass schon 200.000 Tickets verkauft wurden. Viele Leute haben Lust darauf, die deutschen Frauen spielen zu sehen, und deshalb werden sicherlich auch andere Medien in den kommenden Tagen über den Tellerrand hinausschauen.

Der Ausfall von Sabally hat aber natürlich dennoch Einfluss auf die deutschen Turniererwartungen. War das beim Team spürbar?
Icke: Nein, die Stimmung fand ich tatsächlich sehr gut. Wenngleich man erklären muss, dass das aus deutscher Sicht eine verrückte Vorbereitung war. Der Headcoach [Olaf Lange, Anm. d. Red.] war noch in der WNBA im Einsatz. Dazu fehlten zu Beginn der Vorbereitung am 9. August fünf sichere Kader-Spielerinnen. Es ist ein riesiges Commitment der anderen Spielerinnen, wie beispielsweise von Nina Rosemeyer von Alba Berlin, die sich ausrechnen konnten, dass es für sie wahrscheinlich nicht für den finalen Kader reicht. Sie sind trotzdem von Anfang an dabei gewesen und haben geholfen. Dass der deutsche Basketball so zusammenhält, finde ich bemerkenswert.
Mit drei Niederlagen in drei Spielen ist die Vorbereitung allerdings eher unglücklich verlaufen …
Icke: Das stimmt. In der Offensive hat man gesehen, dass der Talentinput aus den USA - mit Leonie Fiebich, Frieda Bühner, Luisa Geiselsöder und hoffentlich Nyara Sabally - enorm wichtig ist, um das Spiel am Laufen zu halten. Gleichzeitig sah die Defense schon richtig gut aus.
Als Ziel hat das Team eine Medaille ausgerufen. Ist das ohne Sabally überhaupt noch realistisch?
Icke: Vergangene Woche hat Olaf Lange sein erstes Interview seit Satous Verletzung gegeben. Dabei hat er das Headcoach-typisch relativiert und erklärt, dass die Zielsetzung einer Medaille formuliert wurde, als man davon ausging, dass alle fit sind. Nun wissen wir, dass Satou ausfällt und Nyara und auch Leonie angeschlagen sind. Es ist absolut in Ordnung, dass der Trainer das einordnet. Ich finde es aber von den Spielerinnen großartig, wenn sie mit breiter Brust auftreten. Eine Heim-WM macht einfach einen Unterschied. Wenn die Halle bei deutschen Spielen voll ist, setzt das unglaublich viel Energie frei. Das hat man bei Olympia gesehen, als die Französinnen in Lyon gespielt haben - ein Turnier im eigenen Land ist einfach eine andere Hausnummer. Deshalb ist es cool, dass sie ihre Ziele so offensiv formulieren. Auch wenn es am Ende nicht für eine Medaille reichen sollte, ist es doch eine tolle Motivation und eine Form der Selbstmanifestation. Die Mannschaft ist so gut wie keine zuvor, und ich teile da die Einstellung der jungen Generation, mutig, motiviert und offensiv an solche Herausforderungen heranzugehen.
Übertragen wird das Ganze von Euch direkt im Free-TV. Welche Spiele zeigt Ihr wo?
Icke: Wir zeigen alle Spiele der deutschen Basketballerinnen live auf ProSieben und ProSieben MAXX im Free-TV und im Stream auf Joyn. Am Freitag geht's mit dem Auftakt gegen Spanien direkt auf ProSieben los. Bei jedem K.o.-Spiel der Deutschen bleiben wir natürlich dabei.
Und abseits der DBB-Frauen?
Icke: Ich bin ein großer Fan der amerikanischen Basketballerinnen und verfolge die WNBA schon seit mehreren Jahren intensiver. Deshalb freue ich mich besonders, dass wir ein Viertelfinale am Donnerstag, ein Halbfinale am Samstag und das große Finale am Sonntag im Free-TV zeigen. Heißt: Wir übertragen nach der Gruppenphase immer mindestens ein Spiel in jeder K.o.-Runde bis zum großen Finale. Es ist wirklich einen Blick wert, sich die Amerikanerinnen anzuschauen. Das sportliche Level ist dort in den letzten Jahren rasant gestiegen, und es sind einfach richtig starke Spiele. Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn wir im Viertelfinale vielleicht schon das erste Mal die USA zeigen könnten.
Kann denn bei dem Turnier überhaupt ein Weg an den Amerikanerinnen vorbeiführen?
Icke: Sagen wir es so: Das einzige Konfliktpotenzial, das sie haben könnten, liegt in der enormen Aufmerksamkeit rund um Caitlin Clark. Zwar finden alle gut, dass der Sport insgesamt mehr Beachtung findet, aber abseits ihrer direkten Mitspielerinnen kommt Clark vielleicht nicht bei jedem gut an. Da könnte es etwas Drama im Team geben. Aber rein vom Talent her können sich die Amerikanerinnen nur selbst schlagen. Frankreich hat es im Olympia-Finale relativ knapp gemacht, aber seit es die WNBA ab 1996 gibt, haben die USA bei solchen Turnieren nur ein einziges Spiel verloren - ihre Bilanz steht bei 56 zu 1. Diese Aura der absoluten Unbesiegbarkeit, die es im Herrenbasketball gab, bis Argentinien sie im olympischen Halbfinale 2004 besiegt hat, haben die Frauen nach wie vor. Ich gehe davon aus, dass sie gewinnen, aber ich wäre auch nicht unglücklich, wenn ich zufällig bei dem Spiel in der Halle wäre, bei dem Amerika auf der WM-Bühne erstmals entthront wird (lacht).

Trotz der US-Stars läuft (Frauen-)Basketball für die breite Öffentlichkeit noch weitgehend unter dem Radar, wenngleich der Sport schnell wächst. Nun übertragt Ihr das Turnier direkt vor einem Millionenpublikum. Was ist größer: Chance oder Risiko?
Icke: Wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt, ist das immer eine Chance. Nationalmannschaft steht immer für Emotion und Leidenschaft pur. Durch die Erfolge der Herren ist es aktuell ein Wohlfühlsport, bei dem man dabei sein will. Dass die Frauen genau zur Heim-WM eine goldene Generation im besten Alter haben, ist natürlich ein großes Glück. Auch für uns als übertragenden Sender. Wir können gemeinsam mitfiebern und auf ein Halbfinale hoffen. Das hätten sich die Spielerinnen im Kader verdient, und dem 3x3 Gold bei Olympia könnte das der nächste große Push für den Frauenbasketball sein.
Julius Ostendorf