23.06.2025
Kommentar zum Titel der Thunder
Die Oklahoma City Thunder haben sich nach der dramatischen Verletzung von Tyrese Haliburton in Spiel 7 die Meisterschaft gesichert. Glück spielte also eine Rolle - das gilt jedoch auch für jeden anderen Titel der NBA-Geschichte. Die beste Version der Thunder haben wir dabei mit recht großer Sicherheit noch gar nicht gesehen. Ein Kommentar.

Verletzungen stinken. Erst recht schwere Verletzungen, für entscheidende Spieler, in entscheidenden Spielen. Erst recht im entscheidenden Spiel der Saison. Die Verletzung von Tyrese Haliburton stinkt gewaltig, und sie wird leider immer irgendwie mit dieser Serie und diesem Titel in Verbindung stehen.
Trotzdem wäre es falsch, OKC nun einen Sternchen-Titel anzudichten. Klar, die Thunder hatten das Glück, in der Postseason weitestgehend gesund zu bleiben, was für ihre Gegner Denver und nun eben Indiana nicht galt. Es wird sich aber kein Titel in der Geschichte finden lassen, bei dem Glück keine Rolle spielte.
Vielleicht wäre Game 7 mit Haliburton anders gelaufen. Mit Gewissheit lässt sich das nicht sagen - zumal die Mehrheit der Thunder-Spiele in dieser Saison so verlief wie die zweite Halbzeit. Auch die gesunden Pacers hatten gegen OKC Viertel, Halbzeiten, Spiele, in denen kaum ein Pass ankam, in denen die Defense ihnen den Hahn abdrehte.
Spiele lassen sich nicht simulieren. Zum Glück. Wäre das anders, wären diese Finals nicht so unterhaltsam gewesen. Und die Thunder - das dominante Team dieser Saison - hätten den Titel schon früher unter Dach und Fach gebracht.
OKC ist ein würdiger Champion. Das beste Team dieser Spielzeit, dem Net-Rating in der Regular Season zufolge sogar das dominanteste Team der NBA-Geschichte. Das beste Team laut Bilanz (68-14), mit der viertbesten Bilanz der Geschichte. Mit einer der besten Defensiven, welche die Liga jemals gesehen hat.
Und mit einem All-Time-Spieler in ihrem Zentrum. Nach dem krönenden Abschluss in Game 7 - mit schwachen Quoten, aber dem vielleicht besten Playmaking seiner Playoff-Karriere - und dem Finals-MVP lässt sich endgültig festhalten, dass Shai Gilgeous-Alexander eine der besten individuellen Saisons der Geschichte hingelegt hat.
| Punkte | Rebounds | Assists | Steals | Blocks |
|---|---|---|---|---|
| 30,3 | 4,6 | 5,6 | 1,9 | 1,6 |
Liga-Topscorer, MVP, Finals-MVP, in einer Spielzeit - das hat vor ihm unter Guards nur Jordan geschafft (und auch sonst nur noch Shaq und Kareem). Der in den Finals nie in ein Game 7 musste, der allerdings bei seiner ersten Finals-Teilnahme und Meisterschaft auch schon zwei Jahre älter und um einige Playoff-Schlachten reicher war.
Was ein wichtiger Punkt ist. OKC ist blutjung - das zweitjüngste Meister-Team der NBA-Geschichte, übertroffen nur von den 1977er Portland Trail Blazers. Die Jugend zeigte sich in diesen Playoffs einige Male. Es war schwerer, als es den Zahlen nach hätte sein sollen.
OKC war verletzlich. Über die Playoffs spielten sie zuhause deutlich besser als auswärts. Einige Male zahlten sie Lehrgeld, auch Mark Daigneault machte einige Fehler. Sie bekamen dominante, aber auch wacklige Spiele von Shais Co-Stars.
Auf Defense und Einsatz war immer Verlass. Auf die Offense nicht in der Form - zumindest zeitweise ließen sich die Thunder aus der Ruhe bringen. Was niemanden verwundern sollte. OKC lernt noch, wie Daigneault nie müde wurde zu betonen. Mehr als bei wohl jedem anderen Champion ist das bei ihnen keine Phrase.
Vor drei Jahren beendete OKC die Regular Season noch mit 24 Siegen. Jalen Williams und Chet Holmgren wurden im Anschluss daran gedraftet. Holmgren - ein Held von Game 7 - verpasste dann Jahr eins, hat gerade seine zweite Saison hinter sich. 40 Siege folgten, dann der erste Playoff-Run 2024, und nun ist OKC schon Meister. Dieses Team ist seiner eigenen Timeline meilenweit voraus, das darf nicht vergessen werden.

Ihren sportlichen Peak haben die Thunder noch nicht erreicht, gerade für Williams und Holmgren, einen sensationellen Verteidiger, dessen Offense in den Finals kaum funktionierte (12,3 Punkte pro Spiel, 39,5% FG), scheinen noch massive Sprünge realistisch. Auch ein Cason Wallace etwa hat sein Limit bisher höchstens angekratzt.
Das muss indes nicht bedeuten, dass OKC die Liga nun durchspielt. Die Thunder sind dank Jugend, Tiefe und Cap-Situation bestens dafür aufgestellt, gleich den nächsten Titel zu holen - besser als alle Teams seit den Warriors. Exzellent aufgestellt waren aber auch die Celtics, um ein Beispiel zu nennen. Bis sie es nicht mehr waren.
Es ist verdammt schwer, Meister zu werden, auch nur ein Mal. Erst recht zweimal in Folge, was die Duncan-Spurs beispielsweise nie schafften. Es gibt so viel, das dazwischenkommen kann. Und es braucht so viel - Glück, natürlich. Aber auch Qualität, Tiefe, Flexibilität, Teamspirit - alles Qualitäten, welche die Thunder zuhauf hatten.
Das dominante Team der Saison ist am Ende nicht aus Zufall das letzte, das noch stand. Ein würdiger Champion. Der das Potenzial hat, nach einer der besten Saisons der NBA-Geschichte noch mindestens eine Schippe draufzulegen. Simulieren lässt sich auch das allerdings nicht.
Ole Frerks