03.06.2025
Drittbester Scorer der Thunder
Chet Holmgren steht erst am Anfang seiner NBA-Karriere und ist auch nach drei Jahren in gewisser Weise noch ein relativ unbeschriebenes Blatt. Trotzdem ist er schon jetzt ein Schlüsselspieler der OKC Thunder - und könnte die Finals mitentscheiden.

Vielleicht musste es genau so kommen. Vielleicht war es Schicksal, dass die finale Prüfung - zumindest in der Western Conference - das Team war, das Chet Holmgren, gebürtig aus Minnesota, als heranwachsender Basketball-Fan selbst angefeuert hatte. Im perfekten Drehbuch hätte dieser Gegner in den Finals gewartet, aber bekanntlich kann man nicht alles haben.
Oder doch? Oklahoma City wirkt Stand jetzt - vor dem Beginn einer Serie, in der die Thunder haushoch favorisiert sind - wie eine Franchise, die alles haben kann. Bahnbrechenden Erfolg in der Gegenwart? Haben sie, 80 Siege wurden von ihnen in dieser Spielzeit bisher eingefahren, vier fehlen noch. Den MVP und einen weiteren All-NBA-Spieler? Haben sie ebenfalls.
Dann ist da noch die Zukunft … die Picks, die Jugend, der absurd tiefe Kader, in dem mit Ausnahme von Alex Caruso noch kein essenzieller Bestandteil die Mitte seiner Prime (oder gar die 30) erreicht hat. Und vor allem ist da noch der dritte Star im Bunde: Holmgren, ein Spieler, der im Hinblick auf seine NBA-Karriere gerade erst erwachsen wird.
Der bisher nur ankratzt, was er eines nicht allzu fernen Tages im Stande zu leisten sein wird. Der seine Teamkollegen Shai Gilgeous-Alexander und Jalen Williams schon kommende Saison mit ins All-NBA-Team begleiten könnte. Und der schon jetzt ein Schlüsselspieler in der Postseason ist, und einer in den Finals sein könnte …
"Wenn er die beste Version von sich ist, sind wir die beste Version von uns als Einheit", sagt Gilgeous-Alexander über den seit Anfang Mai 23-Jährigen. "Er beeinflusst das Spiel auf einem so hohen Level."

Mit Blick auf die Postseason lässt sich das unterschreiben. Holmgren dominierte bisher nicht jedes Spiel oder Matchup, nicht selten jedoch waren seine besten Spiele auch gleich die besten der Thunder. Gerade offensiv kann er ein Dosenöffner sein, die manchmal etwas statische Halbfeld-Offense OKCs als dritte Kraft bereichern.
Wie schon im vergangenen Jahr fällt sein Wurf nicht so stark wie während der Regular Season (33 statt 38% von draußen), wobei der Gesamtwert durch die Denver-Serie (22%) gedrückt wird. Die physischen Nuggets waren für den schmalen Holmgren das erwartet schwierige Matchup, allerdings kämpfte er sich auch in diese Serie hinein, fand Möglichkeiten, das Spiel defensiv oder auch mal als Cutter zu beeinflussen.
Holmgren profitiert davon, dass OKC nun - anders als im Vorjahr - physische Spieler neben ihm aufstellen konnte, insbesondere Isaiah Hartenstein, der viel von dem abdeckt, worin Chet nicht überragend ist, wodurch dieser als Roamer auftreten konnte. Gegen Minnesota wiederum war Chet dann nicht selten sogar der einzige echte Big auf dem Feld, bei beiden Teams.
Es ist eine der schönen Eigenheiten seines Spiels: Holmgren ist als 2,16-Mann skilled und schnell genug für jedes Small-Ball-Duell. Es gibt Banger, vor denen man ihn "beschützen" muss, aber dafür hat OKC nun eben das Personal - und wenn das Team nicht für Nikola Jokic planen muss, kann man ihn auch als einzigen Big aufstellen und dadurch offensiv hinzugewinnen.
Über die Playoffs haben die Thunder ein Net-Rating von +1,2 in den Minuten mit Chet und Hartenstein auf dem Court aufgelegt, das fast ausschließlich aufgrund der erstickenden Defense (105,5) funktionierte und offensiv ziemlich viele Probleme hatte.
Steht Chet derweil ohne einen anderen Big, also Hartenstein oder Jaylin Williams, auf dem Court, beträgt das Net-Rating +25,4 - mit ebenfalls exzellenter Defense und einer Offense, die besser ist als die beste NBA-Offense der Geschichte (132,2!!!). Gut möglich, dass es auf diesen Look auch gegen die schnellen Pacers in den Finals ankommen wird.
Defensiv ist Chet schon jetzt ein großartiger Spieler mit klar nachweisbarem positiven Impact. Es ist ja eine der vielen Ironien bei dieser historischen Thunder-Saison: OKC schickte zwei Spieler (Lu Dort und Jalen Williams) in die All-Defensive Teams, es lässt sich aber gut dafür argumentieren, dass keiner von beiden ein Top-2-Defender in diesem Team ist.

Estimated Plus Minus zufolge etwa verdienten diese Anerkennung eher Alex Caruso und Holmgren - beide waren allerdings nicht wählbar aufgrund zu vieler verpasster Spiele/Minuten. In den Playoffs jedoch ist das anders, und es zeigt sich; während Caruso die Schlagzeilen schrieb (insbesondere mit seinem unglaublichen Game 7 gegen Jokic), ist Holmgren nicht weniger beeindruckend unterwegs.
Ist Chet als Roamer in der Lage, nahe am eigenen Korb zu sein, ist sein Impact vergleichbar mit dem von Prime Rudy Gobert: Seine Defended Field Goal Percentage in Korbnähe beträgt 54,7%, 10% unter dem erwartbaren Wert. Das ist einer der besten Ringbeschützer der Liga, der Offensivspieler ins Grübeln bringt und der auch am Perimeter besser zurechtkommt als die meisten Bigs.
Offensiv ist seine Rolle noch etwas weniger klar definiert. Er ist der drittbeste Scorer des Teams, allerdings läuft nicht wirklich viel Offense über ihn, viele seiner Abschlüsse kommen aus Spotup-Situationen oder beim Attackieren von Closeouts zustande. Dass er noch mehr kann, blitzt jedoch regelmäßig durch.
Mit seinem Wurf, seiner Länge und Geschwindigkeit ist Holmgren ein werdender Matchup-Albtraum. Teilweise muss er seine Ideen und sein Spiel noch sortieren, gerade beim Drive, wo er bisweilen etwas ungestüm wirkt, aber er hat durchaus auch schon Ansätze eines Play-Creators, die konstanter zum Vorschein kommen dürften, sobald er sein Handling etwas verfestigt.
Im Lauf der Playoffs wurde seine Offense bereits besser; nach einigen unauffälligen Spielen gegen Denver war er gegen Minnesota konstanter unterwegs, knackte in drei der letzten vier Spiele die 20 Punkte und sorgte mehrfach mit dafür, dass der erste Punch direkt saß, nicht zuletzt im ersten Viertel von Game 5.
Wunschlos glücklich macht diese Postseason den oft ziemlich selbstkritischen Holmgren noch nicht. "Ich schaue immer noch danach, in welchen Bereichen ich besser werden kann", sagt er. Er wolle besser darin werden, die gegnerische Defense "in Echtzeit" zu lesen und nicht so sehr vom Filmstudium zwischen Partien abhängig zu sein.
Unterm Strich macht er jedoch schon jetzt sehr viel richtig. In den Playoffs legt er in 29,6 Minuten pro Spiel 16,4 Punkte (bei knapp 60% True Shooting), 8,6 Rebounds und 2 Blocks pro Spiel auf - das hat in weniger als 30 Minuten zuletzt Robert Parish geschafft, das dritte Mitglied der legendären Celtics-Big-3 der Achtziger Jahre.
Das ist keine schlechte Gesellschaft, weder für Chet allein noch für das Triumvirat der Thunder, das eines Tages sicherlich gern in diese Riege gehören will, eigentlich aber ja gerade erst in den Startlöchern seiner eigenen Ära steht. Was insbesondere für Holmgren gilt.
140 Spiele hat er bisher in der NBA absolviert, Regular Season und Playoffs zusammengerechnet. Sein Draft-Kollege J-Dub steht in der gleichen Zeit bei 241. Die erste Saison verpasste Holmgren mit einer Lisfranc-Verletzung komplett, 23/24 absolvierte er 82 Spiele plus Playoffs, wo ihm am Ende - da zu oft als einziger Big - ein wenig die Puste ausging.
24/25 startete er gut, dann brach er sich das Becken und verpasste wieder mehr als eine halbe Spielzeit. Es geriet fast in Vergessenheit, weil OKC über die Saison so dominant unterwegs war, aber: Ihren gesamten Kader hatten die Thunder nicht oft beisammen. Die Starting Five, mit der sie durch den Westen gepflügt sind, hatte in der Regular Season ganze 14 gemeinsame Spiele.
"Es fiel ein wenig unter den Tisch, wie schwer es ist, ein zentraler Spieler zu sein, dann einige Monate zu verpassen und sich dann wieder in ein Team zu integrieren, das die beste Bilanz in der NBA hat, dabei niemandem auf die Füße zu treten und trotzdem man selbst zu bleiben", sagt Gilgeous-Alexander. "Das ist keine leichte Position. Wie er das gemacht hat, ist wirklich besonders. Ich weiß nicht, ob er dafür genügend Anerkennung bekommt."
Wahrscheinlich tut er das bisher nicht. Was nicht verwundert: Neben den Verletzungen wird Chet davon "überstrahlt", dass er in Sachen "revolutionäres Big-Man-Talent" zeitgleich mit Victor Wembanyama seine Karriere startete, und dass er in seinem eigenen potenziell dynastischen Team nur die dritte Geige ist.
Es wäre jedoch ein Irrtum, daran irgendetwas Negatives zu finden. In der Realität ist Holmgren ein Sechser im Lotto für OKC. Noch einer. Ein Spieler, der eine zentrale Rolle bei einem Titel-Run spielen kann, ehe überhaupt absehbar ist, wie gut er eines Tages als Two-Way-Spieler tatsächlich sein könnte. Der von hier an wahrscheinlich bloß noch besser werden wird.
Die Frage ist längst nicht mehr, ob Chet - oder OKC - bereit ist für die größte Bühne. Sondern ob der Rest der NBA für den Sturm bereit ist, der sich hier gerade im mittleren Westen zusammenbraut.
NBA Draft-Analyse: Der leise Star Dylan Harper - Mehr Effizienz als Show
Ole Frerks