12.09.2026
Historische Parallelen zum WM-Erfolgsteam
Spätestens nach dem Sieg gegen Europameister Belgien sind die deutschen Basketballerinnen in der Spitze des weltweiten Basketballs angekommen. Der Erfolg markiert den Höhepunkt einer Entwicklung, die mit der U18-Europameisterschaft 2018 ihren Anfang genommen hat.

Nach dem souveränen 93:74-Triumph im Viertelfinale über Europameister Belgien greift das Team von Bundestrainer Olaf Lange nach den Sternen. Dass die Mannschaft heute zur absoluten Weltspitze gehört, ist kein Zufall, sondern das Resultat einer Entwicklung, die im August 2018 im italienischen Udine ihren Anfang nahm.
Mehr als acht Jahre ist inzwischen her, als sich die deutsche U18-Auswahl mit einem 67:54-Finalsieg über Spanien das erste internationale Nachwuchsgold in der Geschichte des Deutschen Basketball Bunds sicherte. Den Kern jener goldenen Generation bildete ein herausragendes Quartett, das heute das Fundament des deutschen WM-Märchens stellt: Leonie Fiebich, Nyara Sabally, Luisa Geiselsöder und Emily Bessoir.
Der dramatische Finalerfolg gegen Spanien stand gewissermaßen sinnbildlich für das, was da noch kommen sollte. Nach weniger als einer Viertelstunde Spielzeit stürzte Topspielerin Nyara Sabally schwer, riss sich das Kreuzband und schied für den Rest der Partie aus. Es war Leonie Fiebich, die ab diesem Zeitpunkt das Ruder übernahm und mit 22 Punkten (9/14) und elf Rebounds zur Matchwinnerin avancierte. "Von diesen Spielerinnen wird man ganz sicher noch Einiges hören", wusste DBB-Präsident Ingo Weiss schon damals.

Die Karrierewege des Quartetts verliefen seither steil nach oben. Leonie Fiebich startete beim TSV 1880 Wasserburg und wurde sogleich als Rookie des Jahres der Damen-Basketball-Bundesliga (DBBL) ausgezeichnet. Nach Rückschlägen durch Verletzungen und Stationen in Frankreich sowie Australien reifte sie beim spanischen Club Casademont Zaragoza zur EuroLeague-Leistungsträgerin und ligaseitigen MVP.
2024 feierte Fiebich bei New York Liberty auf Anhieb die WNBA-Meisterschaft. Bei der Heim-WM 2026 fungiert sie als strategische Anführerin und defensive Allrounderin. Bundestrainer Olaf Lange schwärmte im Turnierverlauf: "Sie ist unglaublich. Ich will sie nie auswechseln". Mitspielerin Frieda Bühner ergänzte: "Sie macht nichts falsch. Ihre Größe, ihre Erfahrung - sie ist definitiv unsere beste Spielerin".
Nicht nur seit dem U18-Erfolg 2018, sondern schon darüber hinaus verbindet Fiebich eine tiefverwurzelte Freundschaft zu Centerin Luisa Geiselsöder. Beide kennen sich seit ihrem zwölften Lebensjahr aus der Bayern-Auswahl. Geiselsöder, die nach Stationen in Nördlingen und Frankreich (Basket Landes) den Sprung in die WNBA zu den Dallas Wings und Portland Fire schaffte, beschreibt die besondere Chemie: "Ich sage immer, Leo ist so ein bisschen wie meine Schwester. Wenn man jeden Sommer und jeden Lehrgang miteinander verbringt - wir kennen uns, seit wir 12, 13 sind", so die 26-Jährige gegenüber der Sportschau.
Fiebich erwidert schmunzelnd: "Für mich ist es einfach meine Komfortzone. Es ist ganz geil, weil sie halt überall mit mir hinreist. Das ist richtiger Luxus". Auf dem Spielfeld agieren beide völlig synchron: "Wir kennen uns in- und auswendig. Wir wissen, wie sich die andere bewegt, können uns aufeinander verlassen", erklärt Fiebich, während Geiselsöder ergänzt: "Manchmal haben wir nur Augenkontakt auf dem Feld und wissen, was passiert".

Den wohl steinigsten Weg hatte Nyara Sabally zu bewältigen. Nach ihrem Kniekollaps im EM-Finale 2018, der sie nicht davon abhielt, den Turnier-MVP-Award zu gewinnen, erlitt sie an der University of Oregon im Sommer 2019 einen zweiten Kreuzbandriss am anderen Knie. Mit Hilfe der Deutschen Sporthilfe, die für ihre Operation in den USA einen Selbstkostenanteil von 3.000 Euro übernahm, kämpfte sie sich zurück. "Es klingt vielleicht ein bisschen blöd, aber gewissermaßen war der Kreuzbandriss nur eine Frage der Zeit", blickte Sabally damals zurück und gestand ehrlich: "Mental war das die härtere Zeit".
Ihre Ausdauer zahlte sich aus: Sabally avancierte zum College-Star bei den Oregon Ducks, wurde 2022 an 5. Stelle im WNBA-Draft gewählt und gewann 2024 zusammen mit Fiebich den WNBA-Titel. Zur Saison 2026 wechselte die physisch starke Centerin zu den Toronto Tempo. Bei der WM in ihrer Heimatstadt Berlin läuft Sabally sogar in den Basketballschuhen ihrer verletzten Schwester Satou auf: "Das sind Satous. Es ist cool, in den Schuhen deiner Schwester zu spielen". Emotional fügte sie an: "Wir haben schon so lange vor, der Welt zu zeigen, dass wir ein starkes Team sind. Das hier zu Hause zu machen, bedeutet so viel".
Das Erfolgsquartett wird durch Emily Bessoir vervollständigt. Als jüngste Europameisterin von 2018 reifte sie an der renommierten UCLA in den USA trotz eines Kreuzbandrisses in der Saison 2021/22 zu einer Leistungsträgerin. Aktuell steht die 1,94 Meter große Power Forward beim spanischen Club Lointek Gernika Bizkaia unter Vertrag, wo sie im EuroCup starke 12,2 Punkte und 7,0 Rebounds pro Spiel erzielte. Bessoir verkörpert den Typus der modernen "Stretch-Four": Sie bringt Härte im Reboundkampf mit und öffnet das Feld durch ihre Treffsicherheit aus der Distanz. Nach ihren Auftritten bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris verleiht sie dem DBB-Team wichtige Kadertiefe.
Nach dem mitreißenden 93:74-Erfolg im Viertelfinale über Belgien, bei dem Basketball-Legende Dirk Nowitzki auf der Tribüne mitjubelte, wartet im heutigen Halbfinale mit Frankreich die nächste Reifeprüfung. Das Quartett blickt dem Duell voller Selbstbewusstsein entgegen. "Wir haben keine Angst. Wir spielen vor unserem Heimpublikum. Wir nehmen jede Herausforderung an", verspricht Leonie Fiebich. Und mit Blick auf den historischen Einzug unter die besten vier Teams kündigte die Führungsspielerin lachend an: "Wir gehen auf jeden Fall feiern. Ohne geht's nicht mehr".
Aus den Teenagern, die 2018 in Udine ungläubig die Goldmedaille in den Händen hielten, sind WNBA-Champions und Leistungsträgerinnen auf Weltniveau geworden. Das WM-Halbfinale in Berlin ist die nächste Station einer goldenen Generation, die mit gerade einmal Mitte Zwanzig noch lange nicht am Ende ihres Weges angekommen ist.
jos