vor 13 Stunden
Endlich einen Großen geschlagen
Deutschlands Frauen stehen erstmals im Halbfinale der Weltmeisterschaft. Dabei wird endlich eine große Nation geschlagen. Was den Sieg so groß macht, ist vor allem das Wie. Ein Kommentar.

Ein bisschen erinnerte dieser Auftritt an die EM 2022 der Männer. Auch damals war es ein Viertelfinale, auch damals ging eine deutsche Mannschaft als Außenseiter - damals gegen die Griechen um Giannis Antetokounmpo - in diese Partie. Was folgte, war ein absolutes Spektakel, bei dem der Stern von Franz Wagner endgültig aufging. Die DBB-Auswahl zeigte damals, dass sie mit den ganz Großen nicht nur mithalten, sondern diese auch schlagen kann.
Fast exakt vier Jahre später gelang dies nun auch den Frauen. Europameister Belgien wurde nicht nur irgendwie bezwungen, sie wurden bisweilen hergespielt von einer deutschen Offensive, die an diesem Abend in Berlin die volle Drehzahl erreichte. Bei Leonie Fiebich platzte der Knoten von draußen, Nyara Sabally dominierte über knapp 30 Minuten die Zone, nachdem vor einer Woche noch nicht einmal feststand, ob sie bei dieser WM überhaupt würde spielen können.
Die beiden sind in Abwesenheit von Satou Sabally die Gesichter dieser Mannschaft, doch es wäre zu kurz gegriffen, den Erfolg auf die zwei zu reduzieren. Im Gegenteil: Dieses Team strahlte von allen Positionen Gefahr aus, die Belgierinnen konnten sich über 40 Minuten nicht auf diese Deutschen einstellen und genehmigten eine Wurfquote von fast 50 Prozent. Dazu leistete sich Deutschland nur acht Ballverluste und legte im dritten Viertel satte 32 Punkte auf.
Die Vorentscheidung in dieser Partie. Man hätte meinen können, dass die deutsche Auswahl mit einer Pausenführung möglicherweise ins Grübeln kommen könnte, schließlich hatte man nun ja etwas zu verlieren. Das Gegenteil war der Fall: Deutschland spielte wie aus einem Guss, überrannte ihre Gegnerinnen. Am Ende hatten sechs Spielerinnen zweistellig gescort, vier davon von der Bank.
Seit der EM 2023, als Deutschland erstmals mit Platz sechs auf sich aufmerksam machen konnte, hat sich eine Generation entwickelt, die sich in voller Besetzung vor kaum einer Nation verstecken muss. Erfreulich ist dabei auch, dass mit Britta Daub (Freiburg), Alex Wilke (Keltern) und Emma Eichmeyer (Saarlouis) zwei Spielerinnen aus der europäisch eher zweitklassigen DBBL mithalten konnten.

Das gelingt, weil diese Mannschaft eine Einheit ist und mit Olaf Lange scheinbar auch den richtigen Coach hat. Das Spiel ist freier geworden, jeder wird beteiligt, die Spielerinnen schwärmen vom Trainer-Fuchs, der in der WNBA als Assistant Coach oder in Europa als Chef mit unzähligen Weltklassespielerinnen arbeitete.
Die Folge ist, dass die Teamchemie stimmt und ob in der Halle oder am Endgerät, dieser Zusammenhalt ist spürbar. Gegen Belgien sprang dieser Funke endgültig über, hoffentlich wird man sich auch in einigen Jahren noch an dieses Basketball-Fest erinnern, als man den amtierenden Europameister mit der vermeintlich besten europäischen Spielerin der vergangenen Dekade in Emma Meesseman mal eben mit 20 Punkten abfertigte.
Deutschland ist angekommen im Konzert der Großen, die Chance auf eine Medaille ist real, auch wenn die USA und Frankreich in diesem Turnier nicht schlagbar scheinen. Edelmetall wäre für alle wünschenswert, doch was noch viel wichtiger ist, ist die Gewissheit, dass man auch den ganz Großen ein Bein stellen kann. Gewinnen muss man schließlich auch erst einmal lernen.
Robert Arndt