vor 13 Stunden
Klare Contender, viele Fragezeichen dahinter
Wenn am Donnerstagabend die EuroLeague-Saison in ihren 38-Spiele-Marathon startet, streben die Bayern mit ihrer neuen Führungsriege um Sportdirektor Thorsten Leibenath und Headcoach Anton Gavel nach ihrer ersten Playoff-Teilnahme seit 2022. Erneut sind sie nur Underdog in einer Liga voller alteingesessener EuroLeague-Stars, gestandener NBA-Spieler und auch deutscher Goldgewinner. Können die Bayern in einem breiten Mittelfeld, in dem viele Klubs im Umbruch stecken, überraschen?

Mit Träumen von einem Starensemble um Sylvain Francisco, Daniel Theis und Nick Weiler-Babb gestartet, geht Besitzer Tony Parker sein Trainerdebüt nun mit einem gewohnt grauen ASVEL-Kader an. Die NBA-Routiniers Jae Crowder (36 Jahre) und Patty Mills (38) stehen in ihrem Karriereherbst. Der einzige gestandene EL-Star ist Joel Bolomboy, der nach fast einem Jahr Verletzungspause für Roter Stern zuletzt nur noch Rollenspieler war. In der Vorbereitung gab es nur einen Zittersieg gegen einen Zweitligisten.
Bundestrainer Alex Mumbru steht vor der 'Mission Impossible', ein unerfahrenes und runderneuertes Team konkurrenzfähig zu machen. Mit dem 38-jährigen Daniel Hackett (372 Spiele) kommt nur ein Spieler auf mehr EL-Spiele als Mumbru in seiner Trainerlaufbahn (67). In der Vorbereitung zeigte das athletische Team um Ex-Würzburger Marcus Carr Ansätze von Mumbrus auf Tempo und Dauerdruck fußenden Spiels. Bei zahlreichen Spielern gibt es aber Fragezeichen zur Systempassung oder EL-Tauglichkeit.
Der kleinste Standort geht im EL-Wettrüsten immer mehr unter. Den einst prägenden Tempostil praktizierten andere Teams zuletzt stärker. Die einzigen EL-Stars waren zuletzt kein Faktor mit einem Dauer-Formtief (Markus Howard) und einer Verletzung (Tadas Sedekerskis). Der Backcourt mit Kobi Simmons sowie Ex-NBA-Spielern Chris Duarte und A. J. Lawson bringt Dynamik - der Frontcourt mit Altstars Kenneth Faried und Alex Len umso weniger. 13 Profis sind zudem wenig für den Marathon mit EL und ACB.
Mit dem Abgang von Interimstrainer Julius Thomas ging vielleicht das letzte Mosaikstück der prägenden DNA mit bedingungslosem Druck und Tempo, die Grizzlies-Headcoach Tuomas Iisalo einst installierte. Ex-Timberwolves-Assistent Max Lefevre möchte diesen Stil fortführen, ist darin aber fachfremd. Der Kader um NBA-Veteran T. J. Warren sowie Senkrechtstartern Nadir Hifi und Jared Rhoden birgt nach wie vor viel Athletik und Spektakel. Für Postseason-Hoffnungen könnten aber Klasse und USP fehlen.
Nachdem die jüngsten EL-Aufsteiger mit furiosem Spielstil (Valencia, Paris) oder Budget (Dubai, Hapoel) direkt um die Playoffs mitspielten, könnte Besiktas zur Abwechslung ein gewöhnlicher Neuling sein. Der Wildcard-Inhaber dominierte im EuroCup über Individualisten wie Ante Zizic oder Anthony Brown, die Trainer-Vulkan Dusan Alimpijevic zu Teamplay und Defense antrieb, aber im EL-Vergleich eher nicht herausragen. Für eine Play-In-Chance muss Rekonvaleszent Scottie Wilbekin zu alter Form finden.

Der Chaosklub der Vorsaison ist ein Verlierer des Transfersommers, der mit dem Verbleib von Starspieler Carlik Jones eigentlich vielversprechend begann. Mit Isaac Bonga, Sterling Brown und Duane Washington gingen alle weiteren Stars. Die hochkarätigsten Zugänge waren zuletzt nur Rollenspieler mit Kevarrius Hayes, Luca Vildoza, Lamar Stevens und Alessandro Pajola. Über eine defensive Identität könnte etwas gehen. Jedoch ist Coach Joan Penarroya eigentlich bekennender Offensivfetischist.
ASVEL 2.0 statt Rückkehr zu altem Glanz? Zu Beginn des Sommers wurden viele Stars gehandelt, am Ende kam niemand. Letztlich trat sogar Xavi Pascual zurück, für den mit Sloweniens Nationalcoach Aleksander Sekulic ein fast unbeschriebenes Blatt kam - und damit nicht als einziges: Kevin Punter ist noch da. Auch Justin Robinson und Josh Nebo bewiesen ihre EL-Klasse. Daneben holte der neue Sportdirektor Xevi Pujol wie schon für Baskonia viele G-League-Spieler, die zunächst in der EL ankommen müssen.
Viermal in Folge landeten die ambitionierten Italiener nur auf den grauen Rängen elf bis 14. Nun gingen die Top-Stars Shavon Shields und Zach LeDay. Geholt wurden wichtige Rollenspieler jüngster EL-Sieger mit Alec Peters (Piräus) und Rückkehrer Devon Hall, der schon 2025 bei Feners Titel mit Marko Guduric harmonierte. Auch Moses Wright und Darius Thompson sind EuroLeague-erprobt. Fragezeichen bestehen bezüglich Starpower, Coach Peppe Poeta und allgemein wegen chronischer Underperformance.

Nach Fehlstart spielte Maccabi noch lange um die Play-Ins mit. Außer Lonnie Walker, mit dem Coach Oded Kattash aber nie gänzlich warm zu werden schien, blieben mit unter anderem Jaylen Hoard, Roman Sorkin und Iffe Lundberg alle Leistungsträger. Das defensiv schwache Team wurde mit Daniel Theis und Bonzie Colson punktuell verstärkt. Yam Madar könnte in Kattashs recht freiem und schnellem Offensivspiel aufblühen. Eine große Vakanz ist die Ungewissheit, wann es wieder Heimspiele in Israel gibt.
Erfolgsdompteur Pedro Martinez und das energetische Guard-Duo aus Jean Montero, Brancou Badio und Floor-General Darius Thompson sind weg. Es kamen ungewohnt viele etablierte EL-Spieler wie Ex-MVP-Kandidat T. J. Shorts, Armoni Brooks und Altstar Nikola Mirotic. Fraglich ist, ob der langjährige Cotrainer Xavi Albert die neuen, teils sehr offensiv orientierten Puzzleteile zu einem ähnlich druckvollen und dynamischen Spielstil zusammenfügen kann, denn individuell gibt es nach wie vor stärkere Teams.
Seit dem EL-Finale von 2022 befinden sich Efes und Pablo Laso (damals Real Madrid) auf der Suche nach einem neuen Erfolgsrezept. Efes erreichte seitdem mit sechs verschiedenen Coaches nur einmal die Playoffs. Laso landete mit drei Klubs (Bayern, Baskonia, Efes) am Tabellenende. Das Team um alternde Stars wie Mike James, Jordan Loyd und Rückkehrer Dario Saric könnte nominell um das Final Four mitspielen. Weder Klub noch Coach konnten zuletzt aber aus Individualisten ein Team formen.
In einer Liga, in der hinter der Spitze viele Teams im Umbruch stecken, könnte Bayern neben vielen erfolgsabhängigen Pulverfässern von einem ruhigeren Umfeld profitieren. Selbst in der chaotischen Vorsaison trennten die Münchner nur vier Siege von Platz 10. Der Backcourt um Andreas Obst, der um etablierte Spieler wie Duane Washington, MarJon Beauchamp und Rekonvaleszent Rokas Jokubaitis ergänzt wurde, könnte ebenso wie die eingespielte DBB-Achse um Johannes Thiemann ein Trumpf sein. Zudem ist Anton Gavel ein akribischer Arbeiter, der regelmäßig viel aus seinen Teams herauspresste.
Der einstige Arbeiter- und neureiche Investorenklub hielt die Starachse um MVP-Kandidat Elijah Bryant und Dan Oturu zusammen. Mit Zach LeDay kam noch ein Star. Doch unter der Oberfläche pulsiert Konfliktpotenzial: Der detailbesessene Coach Dimitris Itoudis brachte mangels israelischer Minuten Fans und Medien gegen sich auf. In der Vorsaison wurde kein Titel gewonnen. Einen Heimvorteil gibt es vorerst weiter nicht. Dem Backcourt um die alternden Vasilije Micic und Tomas Satoransky fehlt Tempo.
44 Trainerwechsel vollzog Roter Stern in den letzten 32 Jahren. Das heißeste Pulverfass der Liga bändigen soll nun Ibon Navarro, der eigentlich für Kontinuität steht und vier Jahre mit Malaga Spaniens Topteams ärgerte. Mit Chima Moneke, Jordan Nwora und Jared Butler hielt der Vorjahres-Zehnte alle Topscorer. Codi Miller-McIntyre wurde mit zwei gestandenen Spielmachern ersetzt in Person von Nick Weiler-Babb und Chris Jones. Nationalspieler David Krämer dürfte auf seinen EL-Durchbruch brennen.

Vom Underdog zum Spitzenteam? Zwar verlor Kaunas mit Sylvain Francisco den Hauptbaustein für die zweite Playoff-Teilnahme seit 2019, doch plötzlich landete der einstige Etatzwerg einen Hochkaräter nach dem anderen: Neben NBA-Coup Jonas Valanciunas kamen mit Ex-Münchner Carsen Edwards, Ex-Berliner Sterling Brown und Wandervogel Saben Lee drei erprobte EL-Scorer. Tomas Masiulis bewies sich bei seinem Trainerdebüt. In Kaunas genießt das Team von Maodo Lo zudem enormen Heimvorteil.
Der Retortenklub verpasste die Playoffs schon in seiner EL-Premiere-Saison nur knapp - trotz Runderneuerung des Kaders, Verletzungspech und kriegsbedingter Turbulenzen im Schlussspurt. Der komplette Kaderkern um Dzanan Musa, Dwayne Bacon sowie die starken EL-Newcomer McKinley Wright und Mfiondu Kabengele wurde gehalten und um gestandene EL-Starter (Thomas Walkup, Elie Okobo, Toko Shengelia, Jaron Blossomgame) und einen erfahrenen Coach (Xavi Pascual) nochmal verstärkt.
Keine anderthalb Jahre vergingen seit Feners EL-Triumph. Trotzdem stehen mit Wade Baldwin und Nicolo Melli nur noch zwei Titelsäulen. Der teils unfreiwillige Kaderumbau wird mit aufstrebenden (Trent Forrest, Braxton Key, verbliebener Talen Horton-Tucker) und alternden Stars (Shane Larkin, Shavon Shields, Will Clyburn) vollzogen. Wie das zusammenpasst, ist fraglich. Doch Saras Jasikevicius ist ein erprobter Kaderbauer und Defensivdompteur, der zuletzt 2019 ein Final Four verpasste.
Nach dem letzten EL-Titel 2023 brach den Königlichen jeden Sommer ein Eckpfeiler weg (Yabusele, Musa, nun Mario Hezonja). Coach Sergio Scariolo hielt die alternde Achse um Facundo Campazzo und Edy Tavares in Europas Spitze konkurrenzfähig, blieb aber nach Tavares‘ Saisonaus titellos und setzte kaum neue Akzente. Den Umbruch soll nun Pedro Martinez mit Zugängen wie Timothe Luwawu-Cabarrot und seinem Valencianer Power-Basketball moderieren, der gleich den EL-Supercup-Titel brachte.
Mit dem Titel Das Sommerhaus der Stars könnte Panathinaikos‘ Offseason umschrieben werden. Zu den verbliebenen EL-Stars Kendrick Nunn, Nigel Hayes-Davis, Mathias Lessort, Juancho Hernangomez und Kostas Sloukas gesellten sich weitere mit Guerschon Yabusele, Sylvain Francisco und Isaac Bonga. Daraus ein Kollektiv formen soll Trainerlegende Zeljko Obradovic, der schon von 1999 bis 2012 sechs EL-Titelbanner ins Athener OAKA holte, aber den zuletzt bei Partizan die alte Magie etwas verließ.
Weniger spektakulär, aber auch mit weniger Zwängen verlief der Sommer von Panathinaikos-Rivale Piräus. Nach dem ersten EL-Titel seit 2013 blieb der eingespielte Grundstock um MVP Sasha Vezenkov, Nikola Milutinov, Comebacker Tyler Dorsey und Evan Fournier. Spielmacher Codi Miller-McIntyre mit seiner Fastbreak-Power und Senkrechtstarter Jean Montero als kreativer Scorer bringen sogar neue Elemente. Die Abgänge der Luxus-Rollenspieler Thomas Walkup und Alec Peters könnten aber wehtun.
Lukas Feldhaus