23.03.2026
Rennaissance des früheren DPOY
Marcus Smarts Karriere galt als fast schon vorbei, so zerfahren und verletzungsgeplagt verliefen seine letzten Stopps nach Boston. Ausgerechnet beim größten Rivalen der Celtics sieht er nun jedoch wieder aus wie der Alte - und hat einen großen Anteil daran, dass die Lakers auf einmal wie ein deutlich gefährlicheres Team aussehen.

Siegesserien kommen nie nur aufgrund einer Person zustande. Schon gar nicht, wenn dabei keineswegs nur Kanonenfutter besiegt wird, sondern diverse direkte Konkurrenten, und sich eine etwas fahrige Saison dabei auf einmal zu etwas ganz anderem entwickelt. Luka Doncic‘ derzeitige Gala-Form ist ohne Zweifel der Hauptgrund für die aktuell neun Siege in Serie der Lakers, sie ist aber nicht der einzige.
Da ist Austin Reaves, der wieder im Modus der ersten Saisonwochen agiert. LeBron James, der nach seiner Verletzungspause akzeptiert hat, dass er nun die dritte Geige ist, und diese Rolle immer besser ausfüllt. Deandre Ayton, der weniger schwankt als gewohnt. Luke Kennard, der defensiv irgendwie überlebt und gegen Orlando den spielentscheidenden Dreier traf.
Und nicht zuletzt ist da Marcus Smart - der Kennard den Dreier auflegte, und der in den letzten Wochen unzählige dieser Plays lieferte, die ihn jahrelang definierten, die ihn de facto zu Herz und Seele des historisch größten Rivalen der Lakers machten.
Diese Version Smarts wurde für tot erklärt, nachdem sie nach seinem Abschied aus Boston nie konstant zu sehen gewesen war. Sie ist allem Anschein nach wieder da. Und sie hat einen signifikanten Anteil daran, dass die Lakers pünktlich zu den Playoffs doch wieder wie ein Team wirken, das im Titelrennen zumindest erwähnt werden muss.
Vor wenigen Wochen wurde Smart 32 Jahre alt. Für NBA-Spieler ist das heutzutage eigentlich kein hohes Alter, und trotzdem wirkte seine Karriere mehr oder weniger vorbei - der relevante Teil davon zumindest. So wenig war von ihm zu sehen, seitdem er im Sommer 2023 von den Celtics im Zuge des Kristaps-Porzingis-Deals nach Memphis geschickt worden war.
20 Spiele in 23/24, dann 34 im Folgejahr, inklusive diverser Verletzungen und eines Trades nach Washington, während sein Ex-Team sich 2024 ohne Smart zum Meister krönen konnte - der Defensive Player of the Year 2022 verschwand in der Obskurität. Was viel damit zu tun hatte, dass er sich über Jahre die rechte Hand fast vollständig zerstörte, wie er nun gegenüber ESPN verriet.
Bereits im Jahr 2018 hatte er nach einem Spiel (gegen die Lakers!) vor Wut einen Bilderrahmen zerstört und sich dabei eine Scherbe in die Handfläche gerammt. "Ich wurde in die Notaufnahme gebracht und habe viel Blut verloren. Ich bin ohnmächtig geworden, weil es so viel war", erinnerte sich Smart.
Die Ärzte hätten ihm danach gesagt, es sei ein Wunder, dass er die Hand überhaupt noch benutzen konnte. Einige Splitter wurden in der Hand gelassen, um sie nicht beim Entfernen noch weiter zu beschädigen.
"Ich habe danach über sechs Jahre immer noch etwas Glas in der Hand gehabt und damit gespielt", führte Smart weiter aus. "Manchmal wurde meine Hand deswegen taub. Oft konnte ich sie nicht kontrollieren. Es gab viele Spiele, in denen ich warf und dabei kein Gefühl in der Hand, im Arm hatte."

In Memphis, wo er eigentlich das fehlende Puzzlestück für ein Morant-Jackson-Bane-Team sein sollte, das zum Contender werden wollte, kam er nie richtig an. Nachdem er sich eine weitere Sehne in der rechten Hand riss, habe er zudem Druck von der Franchise gespürt, früher zurückzukehren, ehe er sich bereit dafür fühlte.
Im Februar 2025 wurde er dann nach Washington getradet, wo es keine Ambitionen gab und er sich alle Zeit lassen durfte, um gesund zu werden; im Sommer 2025 einigten sich beide Seiten auf einen Buyout, es stand also jedem Team frei, Smart als Free Agent unter Vertrag zu nehmen. Ein "Wettbieten" oder dergleichen löste das allerdings nicht aus.
Stattdessen rekrutierten ihn die Lakers - mit einem persönlichen Anruf von Doncic und einem Zweijahresvertrag über 11 Mio. Dollar sowie einer Spieler-Option im zweiten Jahr. Nun wäre es übertrieben, diesen Deal als "letzte Chance" zu bezeichnen, gleichzeitig nahm die breite Öffentlichkeit ihn auch nicht gerade als Homerun für die Lakers war.
Eher als eine dieser typischen Verpflichtungen von der Resterampe, ohne viel Risiko, wahrscheinlich aber auch ohne große Upside. Was Smart durchaus nervte. "Es ist ermüdend, die Leute reden zu hören. Jeder, der irgendeine Form von Ehrgeiz hat, den wird dieses Gerede nerven. Also willst du alles dafür tun, den Leuten zu zeigen, dass sie falsch liegen", sagt Smart.
| Team | Spiele | MIN | PTS | FG% | 3P% | AST | STL |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Celtics | 581 | 30,0 | 10,6 | 38,6 | 32,3 | 4,6 | 1,6 |
| Grizzlies | 39 | 25,8 | 11,6 | 40,3 | 31,7 | 4,0 | 1,6 |
| Wizards | 15 | 18,7 | 9,3 | 44,0 | 39,2 | 2,5 | 1,1 |
| Lakers | 60 | 28,8 | 9,5 | 39,9 | 33,6 | 2,8 | 1,4 |
Es gelingt ihm bisher. Der Boxscore gibt das zwar kaum wieder; 9,5 Punkte, 39,9% aus dem Feld, 33,6% von Downtown - das klingt nicht toll und ist es eigentlich auch nicht. Die Wurfauswahl ist, wie auch in Boston, bisweilen wild, von Zeit zu Zeit tendiert Smart weiter zu Heat-Check-Dreiern, während drei der besten Offensivspieler der Welt auf den Ball warten.
Der Boxscore war bei Smart allerdings auch zu besten Zeiten nie sonderlich aussagekräftig. Es gab stets auch die andere Seite der Medaille: Den Impact. Und der stimmt absolut - Smarts On/Off-Rating beträgt laut Cleaning the Glass in dieser Spielzeit +10,5, das ist der Höchstwert bei den Lakers.
8,5 dieser Punkte (pro 100 Ballbesitzen) kommen am defensiven Ende zustande. Und auch andere Metriken an diesem Ende sehen Smart wieder als Game-Changer an: Estimated Plus/Minus zufolge rangiert er im 95. Perzentil für defensiven Impact. Vergleichbare Werte erreichte er auch in seiner Celtics-Blütezeit.
Tatsächlich funktioniert die lange viel belächelte Defense der Lakers die gesamte Saison über ziemlich gut, wenn Smart auf dem Court steht (112,5). Zuletzt zeigte er teils überragende Vorstellungen gegen Star-Guards wie Anthony Edwards oder Jamal Murray, hatte situativ aber auch Erfolge gegen die Bigs wie Nikola Jokic - wie zu besten Zeiten eigentlich.

JJ Redick bezeichnete Smart kürzlich als "1,93m großen Power Forward", im Prinzip spielt Smart hinten aber sowieso etwas von Allem, ist ein Steal-Magnet, kann physisch gegen Bigs dagegenhalten, aber auch schnelle Ballhandler stoppen, klug rotieren. Und floppen, natürlich. 20 Offensivfouls hat Smart in 25/26 schon angenommen, nur Jalen Brunson hat mehr.
"Es sieht nicht immer schön aus, aber niemand hängt sich Spiel für Spiel mehr rein als er", sagt Austin Reaves über Smart. "Solche Jungs braucht man. Ich glaube, er ist derjenige, der für uns alle vorangeht, indem er so hart wie möglich spielt. Zu sehen, wie er durch die Gegend fliegt, das zieht auch unseren Einsatz zur Verantwortung."
Selbst wenn die Zahlen es nur bedingt wiedergeben - irgendwie ist Smart immer wieder involviert in die großen Plays, die Spiele entscheiden. Er stiftet Chaos, wie es nur wenige Spieler vermögen. Auch dank ihm ist die Lakers-Defense nun seit Wochen erstaunlich kompetent, die zehntbeste der Liga seit der All-Star-Pause.
"Er hat einen Einfluss darauf, Spiele zu gewinnen," sagt Redick. "Und ich denke das ist am Ende des Tages der beste Weg, das Narrativ deiner Karriere neu zu definieren, wenn du Teil eines Teams bist, das gewinnt."
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass diese Renaissance ausgerechnet bei den Lakers stattfindet, deren Fans über viele Jahre noch mehr als alle anderen in der Liga darauf gedrillt waren, Smart nicht zu mögen - wegen seiner Spielweise, natürlich aber auch wegen seines Teams. Genau diese Fans haben ihn nach 60 Spielen für L.A. im Kollektiv ins Herz geschlossen.
Was nicht bedeuten muss, dass ihm hier nun eine weitere "Ära" bevorsteht wie in Boston, wo er über neun Jahre drei All-Defensive First Teams und die Finals im Jahr 2022 erreichte. Bewiesen hat Smart jedoch bereits, dass seine Karriere keineswegs vorbei ist; für einen neuen, besseren Deal und einen längeren Verbleib im Doncic-Ökosystem liefert er beständig gute Argumente.
Es sind die Superstars, die Teams zu Titelkandidaten machen, oder sie zu neun Siegen in Folge führen. Auch sie brauchen aber die Typen wie Smart, die alles zusammenhalten, und die zwischendurch Possessions oder auch mal einzelne Spiele entscheiden können. Es ist eine von derzeit vielen guten Nachrichten für die Lakers, dass Smart selbst wieder einer dieser Typen sein kann.
Ole Frerks