vor 5 Stunden
Ein System unter Verdacht
Ein Bargeldfund in Höhe von 820.000 Euro und sechs Festnahmen. Unter anderem der griechische Verbandspräsident und eine aktuelle EuroLeague-Schiedsrichterin sind unter den Verdächtigen des wohl größten Skandals des griechischen Sports der letzten Jahre. Wie tief reichen die Verstrickungen im griechischen Basketball? Und könnte der Skandal auch das Vertrauen in den europäischen Basketball erschüttern?

Im April dieses Jahres erhebt unter anderem der Erstligist Maroussi BC schwere Vorwürfe gegen das Schiedsrichterwesen in Griechenland, woraufhin die Behörden Ermittlungen aufnehmen. Es geht um manipulierte Spiele, Korruption und Beeinflussung bei der Schiedsrichteransetzung. Schnell geraten verschiedene Personen ins Zentrum der Ermittlungen, darunter Verbandspräsident Evangelos Liolios, der Verantwortliche für das Schiedsrichterwesen Ilias Koromilas und die beiden Referees Petros Papapetrou und Vasiliki Tsaroucha.
Bei Papapetrou, der mittlerweile nicht mehr aktiv ist, wurden in seinem Wohnhaus 820.000 Euro in bar gefunden. Eigens angespartes Geld, wie er behauptet. Er wurde inzwischen in Untersuchungshaft genommen. Liolios und Tsaroucha befinden sich in Gewahrsam und sollen zeitnah von den Ermittlungsbehörden angehört werden.
Bei den im Raum stehenden Vorwürfen um Korruption aus den vergangenen zehn Jahren geht es unter anderem, aber nicht nur, um die Manipulation von Basketball-Spielen. Knapp fünfzig Partien aus verschiedensten Leistungsniveaus stehen derzeit unter dem Verdacht, beeinflusst worden zu sein, unter anderem sogar Jugendspiele. 2018 beispielsweise war bei einer Partie mit Beteiligung von Aris Thessaloniki Trainerlegende Panagiotis Giannakis mit zwei technischen Fouls der Halle verwiesen worden, gezielt, wie einer der Belastungszeugen heute behauptet.
Besonders schwer wiegen die Aussagen zweier Belastungszeugen, die nach Medienberichten selbst in mutmaßliche Bestechungsvorgänge verwickelt waren. Einer schildert, dass für eine gewünschte Schiedsrichterleistung jeweils 5.000 Euro an zwei Unparteiische - unter anderem Vasiliki Tsaroucha - gezahlt worden seien.
Die Zeugenaussagen zeichnen ein Bild, das deutlich über die Manipulation einzelner Spiele hinausgeht und in verschiedene Machtstrukturen des griechischen Basketballs hineinreicht. Hier geraten Liolios und Schiedsrichterberater Ilias Koromilas wieder in den Fokus, denn Liolios war vor seiner Verbandstätigkeit Klubchef bei Promitheas Patras, einem Team, das damals im EuroCup spielte und heute im FIBA Europe Cup vertreten ist. Bereits vor seiner Wahl zum Verbandspräsidenten soll Liolios versucht haben, persönliche Kontakte innerhalb des Schiedsrichterwesens zu seinem Vorteil zu nutzen. Welche konkreten Auswirkungen diese Beziehungen auf Spielansetzungen oder Entscheidungen hatten, ist bislang nicht geklärt.
Und genau hier tritt auch der erste augenscheinliche Kontakt zum europäischen Basketball zutage, denn Liolios soll zusammen mit Koromilas Kontakt zum damaligen EuroLeague-Schiedsrichter-Chef Richard Stokes aufgenommen haben. Ein ehemaliger Funktionär von Ionikos Nikaias berichtet, dass ihn die beiden im Juni 2021 gebeten hätten, für Stokes einen Urlaub im Luxusresort Costa Navarino zu organisieren. Der Aufenthalt vom 22. Juli bis 9. August soll rund 17.000 Euro gekostet haben, die Liolios übernehmen sollte. Ziel des Ganzen sei die "Pflege guter Kontakte zur EuroLeague" und das Erwirken besserer Spielansetzungen für Tsaroucha gewesen sein, so die Zeugenaussage.
Ob Liolios die Kosten tatsächlich bezahlte, ob Stokes von einer möglichen Fremdfinanzierung wusste und ob daraus Vorteile entstanden, ist bislang nicht nachgewiesen. Ebenso wenig wie der Einfluss auf die Ansetzungen Tsarouchas, deren Einsätze in der Königsklasse von sieben (23/24) über zehn (24/25) und 15 (25/26) stetig zunahmen. In der laufenden Spielzeit war die Griechin in drei der ersten sieben Spieltage an der Pfeife, bis sie nach Bekanntwerden der Vorwürfe vorläufig suspendiert wurde. Ein Zusammenhang zwischen diesem späteren Anstieg ihrer Einsätze und der Tätigkeit von Stokes lässt sich daraus nicht ableiten, da der Brite seit 2023 nicht mehr für die EuroLeague tätig ist, sondern im Juli 2025 von der easyCredit BBL mit der Leitung des Schiedsrichterwesens beauftragt wurde.

Die mutmaßlichen Verbindungen erhalten zusätzliche Brisanz durch einen älteren Fall aus dem Jahr 2021. Im Zusammenhang mit dem EuroCup-Finale zwischen dem russischen Team UNICS Kazan und der AS Monaco hatte der ukrainische Schiedsrichter Mykola Ambrosov behauptet, dass ihm vor dem zweiten Finalspiel von seinem Kollegen und Landsmann Boris Ryzhyk 10.000 Euro angeboten worden seien, um eine Partie zugunsten von Kasan zu beeinflussen. Nach Darstellung Ambrosovs soll Ryzhyk dabei auf Ilias Koromilas - dem Mann aus dem griechischen Schiedsrichterwesen - als mutmaßlichen Initiator verwiesen haben.
Die EuroLeague ließ die Vorwürfe damals zeitnah untersuchen und erklärte, dass keine eindeutigen Beweise für einen Bestechungsversuch vorlagen. Der Fall ist deshalb kein Beleg für das aktuell in Griechenland untersuchte mutmaßliche Netzwerk, zeigt aber, dass Koromilas schon früher mit schwerwiegenden Vorwürfen im internationalen Basketball konfrontiert war.
Die Beschuldigten Liolios und Papapetrou wiesen in den vergangenen Tagen über ihre Anwälte die Anschuldigungen entschieden zurück. Die Ermittlungsakten enthielten keine Beweise, die Liolios mit Spielmanipulationen in Verbindung brächten, erklärte dessen Anwalt. Papapetrou führt die bei ihm gefundenen 820.000 Euro auf rechtmäßige Einkünfte aus seiner beruflichen Tätigkeit und familiäre Quellen zurück. Für sämtliche Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Erste Folgen hat die Affäre dennoch, denn das griechische Sportministerium setzte sämtliche staatlichen Zuschüsse an den Basketballverband EOK vorläufig aus, auch Liolios ist von seinem Posten zurückgetreten. Zugleich wurde eine außerordentliche Finanzprüfung für die Jahre 2024 bis 2026 angeordnet sowie eine separate Überprüfung durch die nationale Transparenzbehörde. Auch die EuroLeague reagierte mit der vorläufigen Suspendierung Tsarouchas auf die Vorgänge. Die Maßnahmen zeigen, wie ernst Behörden und Verantwortliche die Vorwürfe nehmen - noch bevor ein Gericht über mögliche Straftaten entschieden hat.
Schließlich steht die Integrität des Sports auf dem Spiel und das Vertrauen in die Schiedsrichter in Frage. Wie unabhängig sind die Unparteiischen von Funktionären und Vereinen? Und wie lässt sich verhindern, dass persönliche Beziehungen sportliche Entscheidungen beeinflussen?
Es geht um die Glaubwürdigkeit des Wettbewerbs. In Griechenland und vielleicht auch in ganz Europa.
Robert Heusel