vor 4 Stunden
Cavaliers können personelle Vorteile nicht ausspielen
Auch das vierte Spiel der Erstrundenserie zwischen Toronto und Cleveland wurde vom Heimteam entschieden. Dass die Raptors nun wieder voll im Saft stehen, ist aber auch auf die phänomenal ausgeführte Defensivtaktik zurückzuführen, die sogar den Gegner zu Lob hinreißen ließ.

Zwei Abo-All-Stars in ihren Reihen, hohe offensive Qualität bis in die Spitzen. Dass die Cleveland Cavaliers als haushoher Favorit im Duell mit den Toronto Raptors galten, war unbestritten - und ist es auch weiterhin. Die jüngsten zwei Spiele in der kanadischen Metropole haben dieses Narrativ aber wenigstens ein bisschen ins Wanken gebracht.
Wie schon drei Tage zuvor konnten die Cavs ihre Qualitäten aber auch diesmal auswärts nicht auf die Strecke bringen. Der Gründe? Vielschichtig. Einerseits ist hier klar die hervorragende Defensive der Toronto Raptors zu nennen, die die Teamdefense auf ein neues Level gehoben haben.
"Sie sind unglaublich darin, in der Zone herumzufliegen", zeigte sich Cavs-Star James Harden im Nachgang sichtlich angetan, der mit sieben Ballverlusten einer der Leidtragenden darunter war.
Auch Trainer Kenny Atkinson erklärte die offensiven Probleme Clevelands damit: "Sie sorgen damit für so viel Chaos. Sie doppeln uns, versuchen Steals zu bekommen und hetzen uns." Harden, der - wie das gesamte Team der Cavaliers - das Spiel gern zu sich kommen lässt und damit das Tempo diktiert, wirkte mit der Strategie nicht nur einmal völlig überfordert.
Cleveland ist ein Team, das fast schon störrig an seinem trägen System festhält. Während sich nahezu die gesamte Liga in gen einer Free-Flow-Offensive bewegt, geht es in Ohio weiterhin viel um statische Plays und die Kreation seiner beiden Stars. Die aggressive Defensivstrategie der Kanadier torpediert diese Herangehensweise.
Atkinsons Mannschaft kam mit der enormen Physis des Gegners - der nun mal auch auf einige überragende Verteidiger verfügt - wiederholt nur bedingt zurecht. Dabei war das einer der Schlüssel gewesen, die Kanadier in den beiden Heimspielen zuvor selbst besiegt zu haben. Einmal mehr zeigt sich hierbei der Heimvorteil: "Das Heim-Adrenalin", wie es der Cavaliers-Coach nannte.

Dieses verhalf wohl auch ein wenig darüber hinweg, dass es bei den Raptors selbst offensiv ebenso schleppend lief. Toronto fehlt es an kreativen Impulsen, Ballverteilung und konstanten Werfern. All das ist nicht erst seit der sich immer weiter andauernden Verletzung von Point Guard Immanuel Quickley klar. Bärenstarke Defensivperformances, wie in den beiden jüngsten Spielen sind daher eine Grundvoraussetzung für Erfolg in diesem Jahr.
Auch im vierten Duell mit den Cavaliers gingen wieder 26 der 30 Versuche aus der Distanz daneben (Spiel 3 war mit 15/23 die absolute Ausnahme). Von den vier Treffern waren allein drei auf Brandon Ingram zurückzuführen. Einzig RJ Barrett waren ebenso wenigstens einmal erfolgreich (1/6). Eine brutale Bilanz.
Mit 32,0 Prozent getroffenen Würfen haben die Raptors sogar Geschichte geschrieben: Seit der ABA-Fusion im Jahr 1977 ist noch nie ein Team mit geringerer Trefferquote als Sieger in einem Playoff-Spiel vom Platz gegangen.
| Spieler | PTS | FG | 3P | AST | TO |
|---|---|---|---|---|---|
| J. Harden | 19 | 6/14 | 2/7 | 8 | 7 |
| D. Mitchell | 20 | 6/24 | 4/12 | 3 | 4 |
| D. Schröder | 8 | 4/7 | 0/2 | 0 | 2 |
"Es war kein guter Wurftag von uns, sowohl in der Zone als auch von der Dreierlinie ist in den ersten drei Vierteln gar nichts aufgegangen", gestand der Wiener Jakob Pöltl im Nachgang ein. "Aber wir sind ein Team, das defensiv auf jeden Fall einiges wettmachen kann. Heute war es sehr, sehr wichtig, dass wir defensiv dagegengehalten haben, wenn offensiv die Würfe nicht fallen. Das hat uns bis zum Ende eine Chance gegeben, im Spiel zu bleiben."
Dabei helfen konnte Pöltl aber auch höchst selbst. Zu Beginn der zweiten Hälfte setzte er der Scoring-Durststrecke zeitweise ein Ende. Zweimal nacheinander traf er in der Zone mit zusätzlichem Freiwurf. Im Schlussviertel übernahmen die sonst lange unauffälligen Starspieler Scottie Barnes, der dafür defensiv ein Monsterspiel machte, und RJ Barrett wieder das Zepter. Das Duo, das in Spiel 3 noch 66 Punkte hinzugesteuert hatte, stand bis zum Ende des dritten Druchgangs bei lediglich 20 gemeinsamen Zählern. Im vierten Viertel kamen nochmal 21 hinzu - allesamt in der Zone oder an der Freiwurflinie.
Zum bevorstehenden fünften Spiel der Erstrundenserie wechselt das Heimrecht nun wieder nach Cleveland. Angesichts der bislang hohen Bedeutung des Gastgeberstatus blicken die Cavaliers trotz einer "zu 1000 Prozent" verschenkten Chance, wie James Harden den Auswärtstrip in den Norden nannte, zuversichtlich nach vorn: "Wir sind das gesamte Jahr lang großartig zuhause gewesen. Mit unseren Fans im Rücken werden wir besser spielen."
Julius Ostendorf