vor 4 Stunden
San Antonio in der Offseason-Analyse
Die San Antonio Spurs stürmten überraschend bis in die NBA Finals und haben ihren ohnehin tiefen Kader anschließend noch einmal verstärkt. Nun muss Headcoach Mitch Johnson genügend Spielzeit für zahlreiche Starter-Kandidaten finden - und aus dem vorzeitigen Erfolg einen nachhaltigen Titelanwärter formen.

Eine Mannschaft, die 62 Hauptrundenspiele gewann und bis in die NBA Finals vorstieß, benötigt keinen radikalen Umbau. Entsprechend hielten die Spurs ihren Kern zusammen und ergänzten ihn gezielt. Der wichtigste externe Neuzugang ist Tobias Harris, der für zwei Jahre und rund 31 Millionen Dollar unterschrieb.
Der 34-Jährige verleiht San Antonio zusätzliche Größe, Physis und offensive Variabilität auf dem Flügel. Harris kann den Dreier treffen, kleinere Gegenspieler im Post bestrafen und selbst Würfe kreieren, wenn ein Angriff ins Stocken gerät. Ob er startet oder diese Qualitäten in die zweite Einheit einbringt, ist allerdings noch offen.
Im Draft investierten die Spurs vor allem in ihre Frontcourt-Tiefe. Jayden Quaintance kam an Position 20, Tarris Reed Jr. sechs Picks später. Mit Ja’Kobi Gillespie und Maliq Brown folgten zwei weitere Talente in der zweiten Runde. Die Rookies müssen nicht sofort große Rollen übernehmen, geben San Antonio aber zusätzliche Optionen für die Zukunft.
Die wichtigste Entscheidung fiel ohnehin bei Victor Wembanyama. Der Franzose verlängerte für fünf Jahre und 252 Millionen Dollar und verzichtete auf mögliche Supermax-Klauseln, um den Spurs langfristig mehr finanzielle Flexibilität zu erhalten. Auch im Trainerstab gab es Bewegung: Sean Sweeney wechselte als Headcoach nach Orlando, dafür unterstützt der frühere Bulls-Trainer Billy Donovan künftig Mitch Johnson als führender Assistent.
Draft: Jayden Quaintance (#20), Tarris Reed Jr. (#26), Ja’Kobi Gillespie (#42), Maliq Brown (#44)
Zugänge: Tobias Harris (Pistons), Taelon Peter (Pacers), Malik Williams, R.J. Davis, Jon Elmore
Abgänge: Bismack Biyombo, Kelly Olynyk, Mason Plumlee, Lindy Waters III, Harrison Ingram (Jazz), Emanuel Miller (Nuggets)
Vertragsverlängerungen: Victor Wembanyama (fünf Jahre, 252 Mio. Dollar), Harrison Barnes, Julian Champagnie, Jordan McLaughlin
| PG | SG | SF | PF | C |
|---|---|---|---|---|
| De’Aaron Fox | Stephon Castle | Devin Vassell | Tobias Harris | Victor Wembanyama |
| Dylan Harper | Carter Bryant | Julian Champagnie | Luke Kornet | |
| Jordan McLaughlin | Keldon Johnson | Jayden Quaintance | Tarris Reed Jr. |
Die erste Fünf ist allerdings keineswegs in Stein gemeißelt. Je nach gewünschtem Spacing könnte Champagnie anstelle von Harris starten. Auch Vassell käme für die Zwei oder theoretisch sogar für eine Rolle von der Bank infrage, falls Johnson in der Startformation mehr Größe oder zusätzliches Playmaking bevorzugt.
Nach dem überraschenden Finals-Einzug können die Spurs ihre Entwicklung nicht mehr ausschließlich unter dem Label Neuaufbau betrachten. San Antonio gehört ab sofort zu den Titelanwärtern und besitzt trotzdem noch reichlich internes Wachstumspotenzial. Wembanyama ist erst 22 Jahre alt, während auch Castle und Harper am Beginn ihrer Karrieren stehen.
Gerade Harper könnte sich als größtes Luxusproblem erweisen. Der Guard spielte sich während der vergangenen Playoffs immer stärker in den Vordergrund und würde bei vielen anderen Teams starten. In San Antonio steht mit Fox jedoch ein erfahrener Spielmacher vor ihm, der das Tempo kontrolliert und die Offensive organisiert.
Harper könnte deshalb zunächst eine ähnliche Rolle einnehmen wie einst Manu Ginobili: nominell von der Bank kommen, aber regelmäßig Spiele beenden und in wichtigen Phasen große Verantwortung tragen. Mit seiner Energie, seinem Zug zum Korb und seiner aggressiven Verteidigung gilt er zudem als heißer Kandidat für den Sixth Man of the Year Award.
Harris schafft ein ähnliches Problem auf dem Flügel. Er besitzt zweifellos Starter-Qualität, könnte mit seiner Fähigkeit zur eigenen Wurfkreation aber besonders für die zweite Einheit wertvoll sein. Vassell brachte das Dilemma passend auf den Punkt: Viele Spieler wollten den Ball in den Händen halten, doch bei so vielen guten Optionen könne man nicht egoistisch sein.

Die größte Herausforderung ist weniger die individuelle Qualität als deren Zusammensetzung. Fox, Castle und Harper sind am stärksten, wenn sie mit dem Ball zum Korb ziehen. Keiner der drei hat sich bislang dauerhaft als hochklassiger Distanzschütze etabliert. In gemeinsamen Minuten könnte das Spacing leiden und Wembanyama der notwendige Raum in der Zone fehlen.
Dreier-Guard-Aufstellungen funktionierten in der vergangenen Saison noch überhaupt nicht. In 18 gemeinsamen Einsätzen verbuchte das Trio ein Net-Rating von -26,9. Eine komplette Vorbereitung kann die Abstimmung verbessern, dennoch muss Johnson genau abwägen, wann er alle drei gleichzeitig einsetzt.
Daneben müssen mehrere prominente Spieler kleinere Rollen akzeptieren. Fox, Harper, Castle, Vassell, Harris, Champagnie, Barnes und Keldon Johnson können nicht alle starten oder regelmäßig 30 Minuten spielen. Solange gewonnen wird, erscheint das als angenehmes Problem. Kommen Niederlagen oder Verletzungen hinzu, könnte die Hierarchie jedoch schnell für Unzufriedenheit sorgen.
Auch hinter Wembanyama bleiben Fragezeichen. Kornet ist ein verlässlicher Backup, dahinter stehen mit Reed und Quaintance aber zwei unerfahrene Rookies. Quaintance geht zudem angeschlagen in die Saison. Sollte Wembanyama ausfallen, verliert San Antonio weiterhin einen kaum zu ersetzenden Teil seiner Defensive und offensiven Identität.
San Antonio ist dem ursprünglichen Zeitplan weit voraus. Wembanyama gehört bereits zu den prägendsten Spielern der Liga, Harper und Castle besitzen weiteres Starpotenzial und mit Fox, Vassell sowie Harris steht genügend Erfahrung bereit. Gleichzeitig verfügen die Spurs über die Tiefe, unterschiedliche Gegner und Spielstile beantworten zu können.
Der Westen bleibt brutal, doch alles andere als ein Platz in der Spitzengruppe wäre nach 62 Siegen und dem Finals-Einzug eine Enttäuschung. Entscheidend wird sein, wie Johnson sein Luxusproblem löst und welche fünf Spieler in engen Partien gemeinsam auf dem Feld stehen. Gelingt diese Balance, besitzen die Spurs alles, um erneut die Finals zu erreichen - und diesmal auch den letzten Schritt zu machen.
Sam Müller