vor 9 Stunden
Die Guard-Rotation der Spurs
Dylan Harper drängt nicht erst seit seinen Aussagen aus dem Sommer in die erste Fünf. Während der Preseason hinterlegt er seine Ansprüche mit (augenscheinlichen) Verbesserungen in entscheidenden Bereichen. Gleichzeitig hat Mitch Johnson bereits eine Idee, wie er die Starterfrage zwischen Harper, De’Aaron Fox und Stephon Castle auflösen kann. Möglichkeiten besitzt San Antonios Coach ohnehin zu genüge.

Eigentlich verbalisierte Dylan Harper nur, was er während der Playoffs durch sein Spiel verkündet hatte. "Nein verdammt", sagte er auf Nachfrage zu seiner Rolle der GQ. "Ich komme nicht von der Bank." Wie ernst es Harper mit seiner Aussage nahm, ist nicht überliefert. Zuvor hatte er noch gewitzelt, was denn nun die politisch korrekte Formulierung sei.
Reaktionen folgten dennoch. Denn, wie gesagt, irgendwie standen nach dem Interview Worte im Raum, die ganz natürliche auf einen Playoffrun zu folgen schienen, der so überhaupt nicht nach Rookie, dafür nach kommender Superstar aussah.
14,1 Punkte bei 50,5 Prozent aus dem Feld, dazu 5,6 Rebounds, 2,7 Assists und 1 Steal sammelte Harper in 26,7 Minuten Spielzeit während der Postseason. Den Knicks schenkte er in den Finals 18 Punkte ein, schnappte sich 6,4 Rebounds und verteilte 3 Assists. Entscheidender als die Zahlen war jedoch ihr Wie.
Harper schien sich jederzeit wohlfühlen, zwang Defenses zeitweise seinen Willen auf. Mehr noch: Er wuchs mit seiner Aufgabe. Je tiefer die Spurs Richtung mögliche Meisterschaft vordrangen, desto mehr wirkte der Rookie wie ihr zweitbester Spieler hinter Victor Wembanyama. Und so einen weiter von der Bank bringen?
Auch ohne Harpers Aussage stellte die abgelaufene Saison Coach Mitch Johnson eine nicht ganz einfach zu lösende Offseason-Hausaufgabe. Wie würde er entscheiden zwischen diesem jungen, aufstrebenden Guard, der Zukunft der Franchise, und De’Aaron Fox, dem erfahrenen Spielmacher, der zwar keine guten Finals gespielt hatte, dennoch wertvoll bleiben kann und zur neuen Saison einen Vierjahresvertrag über gut 220 Millionen Dollar beginnt?
Zum ersten Preseason-Spiel gegen die Hawks wollte Johnson die Ungleichung elegant auflösen. San Antonios Coach plante, der Diskussion die Entweder-oder-Frage zu entziehen. Alle drei Guards sollten starten und Julian Champagnie von der Bank kommen. Absagen musste Johnson sein Experiment, weil sich Fox eine Stunde vor Tipoff aus Gründen der Belastungssteuerung abmeldete. Harper begann "klassisch" neben Castle.

Was blieb, waren die für einen jungen Guard alles andere als selbstverständlichen Drives Richtung Zone, bei denen er weder Scheuklappen aufsetzt noch den Kopf herunternimmt, bei denen er sich stattdessen um Verteidiger herum navigiert, Kontakt aufnimmt, auch vermeintlich kräftigere zur Seite drückt, um immer und immer wieder am Ring abzuschließen.
Hinzu kam etwas möglicherweise Entscheidendes: Harper, der vergangene Saison auch so häufig am Korb abschloss, weil der Wurf nicht zu seinen ganz großen Stärken zählte, ging immer wieder aus dem Dribbling hoch - und traf. Selbst von jenseits der Dreierlinie. Stellt der Guard mit Ball nicht nur auf dem Weg zum Ring, sondern gewissermaßen von überall auf dem Court eine Bedrohung dar, kann er maßgeblich dazu beitragen, San Antonios Probleme im Halbfeld aufzulösen.
Nun verteilt die Preseason maximal Hinweise, auf das, was über die kommenden Monate folgen KÖNNTE. Andererseits kündigten beispielsweise die Golden State Warriors während der Vorbereitung 2014 an, dass da ein ganz neues Team auf die Liga zukommen würde. Völlig egal sind gewisse Schritte daher nicht. Zumal sich der Verdacht, Harper wolle das Scoring aus dem Dribbling heraus in sein Repertoire aufnehmen, im zweiten Spiel in Phoenix erhärtete.
Durchmischen, gemeinsam, einsam, mit und Wemby spielen lassen kann der Johnson seine drei Guards ohnehin. Verbessert sich Harper, und auch Castle, weiter, weitet sich jedoch das Optionsspektrum. Harper nach den Playoffs hoch- und Fox abzuschreiben, scheint daher der einfache Weg zu sein: Gib dem kommenden (Super)Star mehr Spielzeit, nimm sie dem alternden Star. So einfach funktioniert jedoch weder das Leben allgemein noch der Sport im Speziellen. Die Spurs brauchen nicht Harper oder Fox, sie brauchen beide.
| Spieler | MIN | FG% | 3P% | REB | AST | STL | TO | PTS |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| De’Aaron Fox | 31,0 | 48,6 | 33,2 | 3,8 | 6,2 | 1,2 | 2,3 | 18,6 |
| Dylan Harper | 22,6 | 50,5 | 34,3 | 3,4 | 3,9 | 0,8 | 1,4 | 11,8 |
| Stephon Castle | 30,0 | 47,1 | 33,2 | 5,3 | 7,4 | 1,1 | 3,2 | 16,7 |
Bislang, so ließe es sich formulieren, spielte der Älteste der drei Guards wohl am meisten im Sinne eines "Point Guards". Fox ist kein klassischer Spielgestalter. Dennoch gab er dem Team eine zusätzliche strukturelle Komponente, die die anderen beiden so nicht lieferten. Noch. Harper zeigte in der Preseason bislang ein gutes Gespür für die Navigation durch Blöcke und Verteidiger, um danach den offenen Mitspieler zu finden.
Als er gegen die Hawks oben an der Dreierlinie zwei Blöcke gestellt bekam, nutzte er beispielsweise beide, um den Ball dann blitzschnell auf Luke Kornet, der sich als erster Richtung Zone abgerollt hatte, zu feuern. In Phoenix fand er nach einem Screen von Wembanyama per Swingpass Castle für den offenen Dreier.
Die ersten Eindrücke wecken durchaus Hoffnung. Denn es ist eine entscheidende Frage, wie Harper darauf reagiert, wenn er nicht mehr derjenige ist, der Energie von der Bank bringen, sondern das gesamte Spiel ordnen soll. Nicht, dass er es nicht (lernen) könnte. Es ist nur ein anderes Anforderungsprofil, das er, so lassen seine beiden bisherigen Preseason-Auftritte erahnen, durchaus zu füllen vermag, das aber durchaus auch einige Wachstumsschmerzen auslösen könnte.
Komplett selbstverständlich ist der Übergang nach nicht. Gleichzeitig schreitet Harpers Entwicklung voran. Er wird Spielzeit bekommen. Wie Fox. Wie Castle. Gemeinsam mit Wembanyama schreiben die drei Guards die DNA der Spurs. Entsprechend logisch ist auch Johnsons Idee, sie vermehrt gemeinsam spielen zu lassen. Zumal sowohl Castle als auch Harper groß und kräftig genug sind, um auch auf dem Flügel zu verteidigen.
| Spieler | MIN | FG% | 3P% | REB | AST | STL | TO | PTS |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| De’Aaron Fox | 33,5 | 41,4 | 29,4 | 3,8 | 6,0 | 1,3 | 2,0 | 15,6 |
| Dylan Harper | 26,7 | 51,5 | 33,3 | 5,6 | 2,7 | 1,0 | 1,5 | 14,1 |
| Stephon Castle | 33,0 | 45,9 | 35,0 | 5,0 | 6,1 | 0,9 | 3,5 | 18,2 |
Entscheidend, das zeigten nicht erst die Playoffs, sollte insgesamt das Shooting sein. Harper traf in Jahr eins 34,3 Prozent seiner Dreier, Castle nach 28,5 Prozent als Rookie in seiner zweiten Saison 33,2 Prozent. Fox steuerte ebenfalls 33,2 Prozent bei. Alles keine Werte, die Defenses vor lauter Angst vor dem Dreierregen absinken lassen, um Raum für Drives oder Wemby zu lassen. Das muss sich ändern. Das soll sich ändern.
"Ich glaube, der Wurf von draußen war ein entscheidender Punkt für mich", sagte Harper, angesprochen auf seine Workouts im Sommer: "mich mit meinem Wurf einfach wohler zu fühlen, mich wohler zu fühlen, aus dem Dribbling hochzugehen und einfach so effizient zu sein, wie ich kann."
Mit ihren drei Guards stellen die Spurs eine permanente Bedrohung für Angriffe auf die Zone dar. Jeder der drei ist explosiv. Jeder der drei kann Defender auf seine Art stehen lassen oder überpowern (Harper, Castle). Müssen Verteidiger auch den Wurf von mindestens einem respektieren, öffnet sich alles allerdings noch ein Stück mehr.
Für Johnson und die Spurs geht es am Ende darum, die Möglichkeiten zu maximieren, die ihnen gleich drei explosive Guards schenken. Entscheidend ist vor allem, wie sie auf dem Feld voneinander profitieren; wie Harper beispielsweise nicht in der Rolle als reiner Floor Spacer in der Ecke versinkt, wenn er neben Castle und/oder Fox spielt; wie sie gegnerische Defenses durch Bewegungen mit und ohne Ball aus der Balance schubsen.

Harper selbst sieht übrigens überhaupt kein Problem. Schon gar nicht persönlich. "Fox nahm mich während meines gesamten ersten Jahres unter gewissermaßen seine Fittiche und half mir, zu wachsen, wenn ich Raum hatte", erzählt er in einem Interview mit Brandon "Scoop B" Robinson. "Mein Punkt ist: Er und ich hatten nie ein Problem. Ich habe auch noch nie ein Problem darin gesehen, mit zwei oder drei Ballhandlern zu spielen. Letztes Jahr sagte jeder, dass es nicht funktionieren würde, dies, das, dann der Dritte, aber ich glaube, es hat ganz gut funktioniert."
Das kann es erneut. Und sollten schlussendlich tatsächlich alle starten, heißt es ja nicht, dass sie ihre gesamte Spielzeit grundsätzlich gemeinsam bestreiten müssen. Vielleicht sind die ersten Minuten auch einfach gut fürs Gefühl; damit am Ende keiner der drei von dieser verdammten Bank kommen muss.
Max Marbeiter