vor 6 Stunden
Warum nicht zwingend ein Contender entstanden ist
Im Zuge des Jaylen-Brown-Trades dominierte von Beginn an die Frage, was die Boston Celtics sich dabei gedacht hatten, während den Philadelphia 76ers nahezu universell auf die kollektive Schulter geklopft wurde. Dabei ist der Deal auch für sie etwas komplizierter, als es auf den ersten Blick anzunehmen wäre. Wie gut stehen die Sixers nach dem Trade tatsächlich da?

Wenn sich das Wild selbst auf das Fahrzeug schnallt, nimmt der Jäger es im Zweifel mit, ohne viele Fragen zu stellen. So oder so ähnlich erlebten es vergangene Woche auch die Sixers: Wenn sich die Möglichkeit bietet, einen der überbezahltesten 36-Jährigen der NBA für eine fast sieben Jahre jüngere, bessere Version einzutauschen, dann wird nicht lange gefackelt.
Es ist noch immer schockierend, dass die Sixers auf einmal Jaylen Brown beschäftigen, einen der vormals besten Spieler ihres größten Rivalen im Osten - auch für ihn, auch für sie. Zumal sie dafür eben bloß besagten Paul George, zwei Erstrunden- und zwei Zweitrundenpicks abgeben mussten. Ein Handel, den sie eingehen mussten.
Ganz so unkompliziert ist die Geschichte womöglich aber doch nicht, sonst hätte es auch diesen Trade so nicht geben können. Brown ist im Vakuum klar besser als George, ohne einige Fragezeichen kommt er allerdings nicht nach Philadelphia. Er bringt zweifellos mehr individuelle Klasse ins Team. Wird es dadurch aber auch wirklich signifikant besser?
| Saison | GP | PTS | REB | AST | STL | FG% | 3P% |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 2023/24 | 70 | 23,0 | 5,5 | 3,6 | 1,2 | 49,9 % | 35,4 % |
| 2024/25 | 63 | 22,2 | 5,8 | 4,5 | 1,2 | 46,3 % | 32,4 % |
| 2025/26 | 71 | 28,7 | 6,9 | 5,1 | 1,0 | 47,7 % | 34,7 % |
Was Brown den Sixers definitiv bringt: Er ist neben Franchise-Guard Tyrese Maxey ein weiterer profilierter Driver. Vergangene Saison generierte Brown ligaweit die zweitmeisten Punkte aus Drives (13,2), Maxey belegte Platz 9 (9,9). Er ist ein weiterer Volume-Scorer, wovon die Sixers mit einem gesunden Joel Embiid drei haben, oder sogar vier, wenn VJ Edgecombe an seine 16-Punkte-Rookie-Saison noch einen weiteren Sprung dranheften kann.
Die offensiven Möglichkeiten dieses Quartetts wirken riesig: Maxey und Brown können Lücken reißen, Edgecombe den zweit- oder drittbesten Perimeter-Verteidiger mit seiner Dynamik attackieren oder offene Catch-and-Shoot-Dreier versenken, von denen er als Rookie sehr ansprechende 38,7% traf. Auch nicht zu verachten: Brown kann mit den beiden Guards mitrennen, die Sixers verfügen jetzt über gleich drei der besten Transition-Spieler der Liga.
Embiid bleibt, wenn gesund, offensiv ohnehin sein eigenes Gravitationsfeld, einer der besten Per-Minute-Scorer der Liga. Er verbietet es der Defense, zu viel Aufmerksamkeit auf Maxey oder Brown zu verschwenden. Er kann Bigs weg vom Korb ziehen und dadurch Raum für Rim-Attacken schaffen, wovon die Sixers schon 25/26 mehr hatten als 24 andere Teams. Maxey kommt dabei über seinen Speed, Brown über physische Wucht und Athletik - eine explosive Kombination.
Jeder der vier primären Offensivspieler (und in eingeschränkter Form auch der neue Sixth Man Anfernee Simons) ist ein Three-Level-Scorer, in Embiid und Brown beschäftigt Philly nun zwei der besten Midrange-Scorer der NBA; alle fünf (Simons eingeschlossen) rangierten vergangene Saison in der Top 50 beim Isolation-Volumen.

Dieses Überangebot bedeutet auch, dass die Sixers ihre Abhängigkeit von insbesondere Maxey etwas reduzieren, der vergangene Saison die Liga bei den Minuten (38 pro Spiel) anführte. Wenn der All-NBA-Guard sitzt, verfügt Nick Nurse nun über einen weiteren All-NBA-Creator, der vergangene Saison viel Spaß dabei hatte, die treibende Kraft einer Offense zu sein.
Philly vergrößert außerdem seinen Spielraum, wenn Embiid ausfällt. Brown bringt viel mehr Eigen-Creation und Durability als George mit, der vergangene Saison 37 Spiele absolvierte und seit 18/19 bloß in einer Saison die 70-Spiele-Marke (und 60!) übertraf; in den letzten fünf Jahren stand Brown immer in mindestens 63 Spielen zur Verfügung.
Selbst seine Kritiker, die darauf hinweisen, dass Boston in den Minuten ohne ihn seit Jahren besser performte, gestehen unisono ein, dass Brown ein Innings-Eater ist, der verfügbar ist und beständig abliefert; so jemanden suchten die Sixers neben Maxey schon seit dem Abgang von James Harden. Er verschiebt den Regular-Season-Floor schon deshalb nach oben.
Er kommt allerdings nicht ganz ohne Fragezeichen. Mal ungeachtet der Tatsache, dass Brown angeblich "sein" Team haben wollte, und in Philly womöglich nur an Rang drei der Hackordnung stehen wird (Brown, Embiid und Maxey rangierten 25/26 alle in der Top 20 in Sachen Usage-Rate) - er ist auch sportlich kein völlig unkomplizierter Fit neben dem etablierten Star-Duo.
Als Off-Ball-Spieler ist er weniger effektiv als George, der zwar älter ist und stark an Explosivität eingebüßt hat, aber Zeit seiner Karriere ein weitaus konstanterer Schütze ist als Brown. George traf vergangene Saison 41,7% seiner Catch-and-Shoot-Dreier, Brown kam auf 33,1%, die kein negativer Ausreißer waren, sondern eher normal für ihn.
Das Spacing war für die Sixers ohnehin nicht ideal, es wird mit Brown und Neuzugang Dean Wade nicht unbedingt besser werden. Erst recht wird das so sein, wenn Embiid fehlt oder pausiert und entweder Adem Bona oder Neuzugang Ariel Hukporti auf der Fünf spielen. Richtig starke, bewiesene Spacer sind im neuen Sixers-Team nur Maxey und Simons.
Brown hat überdies weiter nicht das beste Ballhandling, auch wenn er sich in dieser Disziplin über die Jahre klar verbessert hat. Bei den Celtics, die seit Jahren für das wohl beste Spacing der Liga sorgten, fiel das bereits etwas ins Gewicht, ließ sich aber zumeist kompensieren (wenngleich Brown etwa auch in der Erstrundenserie gegen Philly im April 25 Turnover über sieben Spiele fabrizierte). Wie wird das in einem neuen, anderen Sixers-Ökosystem aussehen?

Die Frage nach dem Passing kommt hinzu. Daten von Jeremias Engelmann (dem Erfinder der früheren Real Plus/Minus-Formel von ESPN) zufolge gibt es in der NBA keinen Spieler, der die Punkte seiner Teamkollegen in seinen Minuten stärker reduziert als Brown; er verteilte vergangene Saison zwar Career-High 5,1 Assists, zählte unter den High-Usage-Stars der NBA aber nach wie vor zu denjenigen, die am häufigsten auf den eigenen Abschluss gingen (0,68 AST:Usg, also Assist-pro-Usage-Rate).
Brown ist eher Scorer als Playmaker, was für sich genommen völlig okay ist und fraglos seinen Wert hat. Ein Problem dabei ist bloß, dass Embiid nicht anders ist (0,63 AST:Usg) und dass auch Maxey kein gelernter Point Guard ist; der 25-Jährige ist zwar mittlerweile ein viel besserer Passer als zu Beginn seiner Karriere, seine Kernkompetenzen liegen aber nach wie vor anderswo.
Die drei wichtigsten Offensivspieler sind allesamt deutlich besserer Scorer als Passer - einen wirklich überdurchschnittlichen Passer bietet Philly aktuell auf keiner Position, eher im Gegenteil (Neuzugang Dean Wade hat seine Stärken generell defensiv). Es macht die Frage umso interessanter, ob LeBron James womöglich tatsächlich nach Philly kommen könnte.
Versuchen werden es die Sixers, das ist auch bloß logisch. James könnte die gesammelte Firepower zusammenfügen, die sonst Gefahr läuft, eher separat voneinander zu funktionieren. Es wird andernfalls womöglich Nurses größte Herausforderung, die Anteile zwischen den Stars zu verteilen und Aktionen zu finden, in denen sie sich gegenseitig helfen können.
| Saison | Spieler | GP | PTS | REB | AST | FG% | 3P% |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 2024/25 | Tyrese Maxey | 52 | 26,3 | 3,3 | 6,1 | 43,7 % | 33,7 % |
| 2024/25 | Joel Embiid | 19 | 23,8 | 8,2 | 4,5 | 44,4 % | 29,9 % |
| 2025/26 | Tyrese Maxey | 70 | 28,3 | 4,1 | 6,6 | 46,2 % | 36,7 % |
| 2025/26 | Joel Embiid | 38 | 26,9 | 7,7 | 3,9 | 48,9 % | 33,3 % |
Gewisse Fragezeichen bestehen auch bei der Defensive. Brown hat zwar eine Reputation als Top-Verteidiger, und seinen Finals-MVP-Award 2024 gewann er nicht zuletzt wegen seiner sehr guten Arbeit am Ball gegen Luka Doncic. Konstant rechtfertigt er diesen Ruf aber nicht; er hat regelmäßig starke On-Ball-Possessions, der Fokus kommt und geht jedoch ein wenig.
Abseits des Balles hat er überdies nicht die Instinkte und Disziplin von George, der auch mit 36 weiter ein sehr starker Team-Verteidiger war (und in den 2026er Playoffs auch Jayson Tatum und Brown am Ball ziemlich effektiv verteidigte). Im Gegensatz zu George liefert Brown eher wenig sekundäre Rim-Protection, trägt auch nicht dazu bei, dass seine Teams erfolgreich Turnover forcieren (eher im Gegenteil). Was mit erklärt, warum die Defense in Boston über fast all seine Saisons tatsächlich besser funktionierte, wenn er nicht mit auf dem Court stand.
Gut war sie trotzdem auch mit ihm, zumal Bostons Kader in vielen Jahren herausragend besetzt war - das ist hier nicht die Frage. Ebenso wenig, ob Brown in Wirklichkeit bloß der siebtbeste Spieler der Sixers-Rotation ist. Interessant ist vielmehr, inwieweit er die Sixers tatsächlich auf eine neue Stufe heben kann.
In der gesamten Embiid-Ära hat Philadelphia noch nie die Conference Finals erreicht, geschweige denn wirklich um den Titel mitgespielt. Das ist nun unmissverständlich das Ziel - sonst lohnt sich auch der günstige Preis nicht, den die Sixers hier gezahlt haben. Vier Picks sind immer noch vier Picks, mindestens ein Jahr finanzieller Flexibilität wurde ebenfalls geopfert, wahrscheinlich sogar mehr, wenn Browns Vertrag frühzeitig verlängert wird.
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Über die nächsten drei Jahre verschlingen Brown, Maxey und Embiid gemeinsam immer mindestens 95% des Salary Caps. Es wird entsprechend knifflig, hier noch irgendetwas hinzuzufügen, es sei denn, man trennt sich irgendwie frühzeitig von Embiid - wobei das Ceiling des Teams dann direkt wieder ein ganz anderes wäre.
Ob sich dieses Investment lohnt, wird sich zeigen. Klar ist, dass die wichtigsten Sixers ihr Spiel allesamt zumindest ein wenig transformieren müssen, um voneinander zu profitieren. Klar ist aber auch, dass es in Sachen rohes Talent in der Spitze kaum Teams gibt, die auf einem vergleichbaren Level unterwegs sind. Weshalb man diesen Deal machen musste.
Gleichzeitig darf die Frage zumindest gestellt werden, warum eins der bisher meistrespektierten Front Offices der NBA diesen Deal erst möglich gemacht hat. Warum die Celtics Brown offensichtlich so anders einschätzten als die breite Öffentlichkeit. Und die von ihm zum Teil verhassten Medien, die ihn gerade erst zum Sechsten im MVP-Rennen erkoren haben.
Es liegt nun in erster Linie an Brown, es seinem Ex-Team zu zeigen. Einen Two-Way-Star in seiner Prime gibt man nicht einfach so ab, schon gar nicht zu einem direkten Rivalen. Was kann so kompliziert daran sein?
Ole Frerks