19.03.2026
NIL verändert den College-Sport
Princeton gegen UCLA, Steph Curry und Davidson, Bryce Drews legendärer Buzzerbeater für Valparaiso oder Saint Peter’s sensationeller Lauf bis ins Elite Eight - genau diese Geschichten haben March Madness zu dem gemacht, was es für viele Fans bis heute ist: das unberechenbarste und emotionalste Turnier im Sport. Doch im Zeitalter von NIL, Transferportal und wachsender finanzieller Ungleichheit stellt sich mehr denn je die Frage, ob die große Cinderella-Story im College-Basketball langsam verschwindet?

March Madness lebte immer davon, dass für ein paar Wochen alles möglich schien. Kleine Programme, die normalerweise kaum im nationalen Rampenlicht stehen, konnten plötzlich ganz Amerika begeistern. Gerade diese Underdog-Geschichten gaben dem Turnier seinen Mythos: Teams, die nicht über die größte Athletik, nicht über die meiste Tiefe und schon gar nicht über die höchsten Budgets verfügten, wuchsen im März über sich hinaus. Oft waren es eingespielte Mannschaften mit vielen Seniors, mit klarer Identität, mit Spielverständnis und Chemie, die sich über Jahre entwickelt hatten. Genau daraus entstanden jene Läufe, die March Madness so besonders machten.
Doch diese Geschichten werden seltener. Das vergangene NCAA-Turnier lieferte nur 13 Siege von Außenseitern - so wenige wie fast nie seit der Erweiterung des Teilnehmerfeldes im Jahr 1985. Auch das Bild an der Spitze wurde immer eindeutiger: Im Elite Eight standen 2025 ausschließlich Top-3-Seeds, und zum ersten Mal in der modernen Turniergeschichte gab es drei Turniere in Folge ohne mehrere zweistellige Seeds im Sweet 16. Der einzige zweistellige Seed, der vergangenes Jahr überhaupt noch in die zweite Turnierwoche vorstieß, war Arkansas mit John Calipari - also alles andere als ein klassischer Mid-Major-Außenseiter. Dazu kommt das wenig überraschende Final Four von 2025: Erst zum zweiten Mal in der Turniergeschichte waren dort alle No.-1-Seeds der vier Regionen vertreten.

Der wichtigste Grund dafür liegt im neuen wirtschaftlichen System des College-Basketballs. Seit 2021 dürfen Spieler mit ihrem Namen, Bild und ihrer Persönlichkeit Geld verdienen - sogenannte NIL-Deals. In Kombination mit dem Transferportal hat das die Dynamik im Sport grundlegend verändert. Große Programme verfügen über deutlich mehr finanzielle Ressourcen und können talentierte Spieler aus kleineren Teams mit lukrativen Angeboten abwerben. Laut der Plattform Opendorse spielten zuletzt weniger als zehn Prozent der Spieler mit NIL-Einnahmen von mindestens 100.000 Dollar außerhalb der großen Conferences wie ACC, Big Ten, Big 12, Big East oder SEC.
Für Mid-Major-Programme hat das gravierende Folgen. Früher konnten kleinere Teams ihre Spieler über mehrere Jahre entwickeln und mit einem eingespielten Kern auf einen tiefen Turnierlauf hoffen. Heute verlieren viele Programme ihre besten Spieler schon nach einer starken Saison an größere Universitäten. Oaklands Head Coach Greg Kampe sagte gegenüber ESPN, dass viele Teams auf diesem Level ihre Spieler an höhere Programme verlieren und schlicht nicht das Geld haben, sie gleichwertig zu ersetzen. Genau deshalb, so seine Einschätzung, passierten die großen Upsets inzwischen deutlich seltener.
| Saison | Siege |
|---|---|
| 2021-22 | 69 |
| 2022-23 | 75 |
| 2023-24 | 69 |
| 2024-25 | 48 |
| 2025-26 | 29 |
Auch die Zahlen außerhalb des Turniers bestätigen diesen Trend. In der Saison 2021/22 gewannen Teams aus kleineren Conferences noch 69 Spiele gegen Programme aus den Power Conferences, ein Jahr später sogar 75. In dieser Saison waren es nur noch 29 (siehe Tabelle). Gleichzeitig wächst der Abstand in den Wettmärkten: Während Außenseiter vor wenigen Jahren im Schnitt rund 16 Punkte Underdog waren, liegt dieser Wert inzwischen bei fast 23 Punkten. Der Abstand zwischen der Spitze des Sports und dem Rest wird also messbar größer.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Große Programme vermeiden zunehmend riskante Spiele gegen starke Mid-Majors in der regulären Saison. Stattdessen setzen sie häufiger auf prestigeträchtige Duelle gegen andere Topteams oder auf kalkulierbare Begegnungen gegen deutlich schwächere Gegner. Die Zahl der Spiele zwischen Power- und Non-Power-Teams ist zuletzt spürbar gesunken. Für kleinere Programme bedeutet das weniger Chancen, sich gegen große Gegner zu beweisen, sich für einen Platz im NCAA Tournament zu empfehlen und früh Selbstvertrauen für den März zu sammeln.
Ganz verschwinden werden Cinderella-Stories vermutlich nie - schließlich bleibt March Madness ein Single-Elimination-Turnier, in dem ein einziges Spiel alles verändern kann. Doch im Zeitalter von NIL und Transferportal hat sich das Kräfteverhältnis spürbar verschoben. Die Spitze des College-Basketballs ist stärker als je zuvor, aber der Abstand nach unten wächst. March Madness wird dadurch vielleicht nicht weniger spektakulär - aber ein Stück vorhersehbarer. Und genau das könnte langfristig den Zauber eines Turniers verändern, das jahrzehntelang davon lebte, alles andere als vorhersehbar zu sein.
Sam Müller