18.03.2026
Shootingstar auf Sprung in die NBA
Christian Anderson geht als einer der besten College-Spieler der abgelaufenen Saison mit den Texas Red Raiders in die March Madness und könnte durch ein gutes Turnier sogar noch zum Lottery Pick im kommenden NBA Draft werden.

Im letzten Spiel vor dem wichtigsten Turnier der Saison gab es für Anderson und die Red Raiders einen echten Schockmoment. Beim Spiel im Big-12-Turnier gegen Iowa State rutschte der Deutsche bei einem Inbound-Pass auf dem umstrittenen Glasboden aus und griff sich sofort in die Leistengegend. Umgehend humpelte er zur Ersatzbank und wurde von den Trainern behandelt, für den Rest des Spiels kehrte er auch nicht mehr zurück.
Das Team ist durch den Ausfall von All-American-Forward JT Toppin ohnehin schon gebeutelt, sollte auch Anderson nicht zur Verfügung stehen, wären alle NCAA-Ambitionen wohl Geschichte. Am Sonntagabend gab es dann aber das große Aufatmen für alle Fans der Red Raiders, als das Team bekannt gab, dass Anderson fit für March Madness sei.
Kurz zuvor hatte die Auslosung ergeben, dass Tech als No.-5-Seed in das NCAA-Turnier gehen werden und es in der ersten Runde mit den Akron Zips (No.-11-Seed) aus LeBrons Heimstadt zu tun bekommen. Die Zips sind kein ganz großer Name, definitiv aber auch kein Fallobst. Sie spielen ihr viertes NCAA-Turnier aus den vergangenen fünf Jahren und haben mit Point Guard Tavari Johnson eines der besten Scorer des Landes in ihren Reihen (20,1 Punkte pro Spiel). Dazu hat das Team aus Ohio durch seine 19 Siege aus den vergangenen 20 Spielen ordentlich Selbstvertrauen getankt.
Auf der Gegenseite ist die Ausgangslage für den Finalisten von 2019 nicht optimal. Seit der schweren Verletzung von Toppin Mitte Februar stehen die Red Raiders bei einer Bilanz von 3-4, haben drei in Serie verloren und sind noch abhängiger von Anderson als zuvor. Als absoluter Leistungsträger spielte Anderson drei der vier Spiele vor seiner Verletzung durch. Dass dieser nun womöglich angeschlagen in das Duell in der ersten Runde geht, macht die Situation nicht besser. Dabei will der Deutsche seine gute Form der Vorwochen doch nutzen, um seine Draft-Position noch weiter zu verbessern.

Vor Beginn der Saison hatte sich Anderson nach einer verheißungsvollen Freshman-Saison das Ziel gesetzt, der beste Point Guard auf dem College zu werden. Dieses Ziel hat er objektiv gesehen zwar nicht ganz erfüllt, seine Zahlen sind aber im Vergleich zur Vorsaison in die Höhe geschossen (von 10,6 Punkten auf 18,9 Punkte & von 2,2 Assists auf 7,6 Assists). Auch seine Draft-Aktie ist dadurch kontinuierlich geklettert. Als Leistungsnachweis wurde er dafür zum Most Improved Player der Big 12 gewählt.
Vor der Saison galt der Guard maximal als Zweirundenpick, durch seine Leistungen hat er sich in den neuesten Hochrechnungen aber sogar an den Rand der Lottery katapultiert. Laut ESPNs Draft-Experten Jeremy Woo könnte er mit dem 16. Pick bei den Oklahoma City Thunder landen, gemeinsam mit seinem Nationalmannschaftskollegen Hannes Steinbach.
Um in das Profil der Thunder zu passen, hat er in dieser Saison auch seine Defensive merklich verbessert. Er ist zwar immer noch kein defensiver Unterschiedsspieler auf der Eins, macht seine fehlende Physis aber durch Aggressivität und Einsatz wett, wie er es sich bei seinem großen Vorbild Dennis Schröder abgeschaut hat. Gleichzeitig ist es nicht verwunderlich, dass ihm bei der ganzen offensiven Last teilweise die Körner in der Defensive fehlen.
Dazu scheint der 19-Jährige auch noch zu wachsen: Wurde er vor einem Jahr noch mit 1,88 Metern gelistet, misst er zum Start von March Madness offenbar schon 1,93 m, was eine ordentliche Größe für einen NBA-PG ist. Zum Vergleich: Schröder misst nur 1,88 m, Defensivspezialisten wie Derrick White und Jrue Holiday sind dagegen mit 1,93 m gelistet. Bis dahin ist es für Anderson noch ein gewaltiger Schritt, auch weil ihm mit 80 Kilogramm noch viel Masse abgeht.
Ein tiefer Run mit den Red Raiders könnte ihn für den kommenden Draft aber sogar noch mal weiter nach oben spülen. Ohne Toppin scheint die Chance darauf aber gering. Sollte alles nach Plan verlaufen, würde in den Sweet 16 Michigan State warten, das als No.-1-Seed und drittbestes Team in der Nation ins Turnier geht. Ein Sieg dort wäre schon eine riesige Überraschung - falls es überhaupt so weit kommt.
Selbst wenn es nicht klappt, hat Anderson alles dafür getan, um nächstes Jahr ein NBA-Trikot überstreifen zu können und der zweite deutsche Point Guard neben Schröder in der besten Liga der Welt zu werden. Nicht umsonst wird Anderson seit langem auch als Schröders Nachfolger im DBB-Team gehandelt. "Das fühlt sich gut an und zeigt, dass sich meine Arbeit auszahlt. Dennis spielt seit Jahren auf höchstem Niveau - und genau das ist auch mein Ziel", sagte er zuletzt im Gespräch mit Sports Illustrated.
| Spiele | MIN | PTS | FG% | 3P% | AST |
|---|---|---|---|---|---|
| 31 | 38,4 | 18,9 | 47,9 | 42,5 | 7,6 |
Sein Debüt für das A-Nationalteam gab er schon im Sommer vor der EM, auch wenn es am Ende für einen Kaderplatz knapp nicht reichte. Das soll sich schon bei der WM 2027 ändern, ehe Anderson spätestens bei Olympia 2028 in Los Angeles ein fester Teil der Rotation sein will. Anschließend könnte der Fackelstab dann von Schröder in Andersons Hände wandern. "Solange Dennis spielt, will ich von ihm lernen. Danach hoffe ich, seine Rolle übernehmen zu können - er ist einer der besten Spieler überhaupt", erklärte er.
Dafür übt der in den USA geborene Guard, der noch nie in Deutschland lebte, auch schon fleißig Deutsch. "Wenn meine Teamkollegen oder Trainer etwas sagen, kann ich den Sinn verstehen - aber noch nicht jedes Wort", sagte der Sophomore zu seinen Lernfortschritten.
Am Ende ist das aber alles Zukunftsgeplänkel. Jetzt geht es für Anderson erstmal darum, auf der größten College-Bühne des Jahres seinen Fußabdruck zu hinterlassen. Anders als später in der NBA und beim DBB hat er dafür nur eine einzige Chance, die er bestmöglich nutzen will. Der Startschuss dafür erfolgt am Freitag um 18:40 Uhr deutscher Zeit gegen die Zips.
Gianluca Fraccalvieri