17.03.2026
Abgang schon im Sommer möglich
Nahezu universell wurde der Trade für Cameron Johnson von den Denver Nuggets im Sommer als positiv bewertet. Bisher ist der Forward beim Titelkandidaten allerdings nicht eingeschlagen - und die Bilanz des Trades könnte sich sogar noch weiter verschlechtern. In gewisser Weise missverstanden wurde der Move aber schon von Beginn an.

Es kommt seltener vor als gedacht, dass nach einem Trade bei der Analyse weitestgehend Einigkeit besteht. Selbst nach dem Luka-Doncic-Trade gab es … nein, okay, das war eine Ausnahme. In der Regel aber finden sich bei fast jeder Transaktion Stimmen, die kritisieren, was fast alle anderen abfeiern, oder eben andersrum.
Die Nuggets fädelten im Sommer einen Deal ein, der zunächst wie eine der Ausnahmen aussah. Nahezu jeder sah die Logik hinter dem Trade, der Michael Porter Jr. nach Brooklyn schickte und den Nuggets dafür Cam Johnson zurückbrachte. Wegen neu gewonnener finanzieller Flexibilität, aber auch wegen eines vielleicht sogar besseren sportlichen Fits.
Es ist eher nicht anzunehmen, dass diese Analyse heute noch genau so ausfallen würde. Was nicht ausschließlich daran liegen sollte, dass die Leistungen beider Spieler kaum unterschiedlicher sein könnten.
Zur Erinnerung: Denver tradete einen 2031er Erstrundenpick mit Porter nach Brooklyn. Die Nuggets reduzierten ihre Ausgaben, da Johnson (21 Mio. Dollar) deutlich weniger verdient als Porter (38,3 Mio.). Denver verließ damit den First Apron und schaufelte Ressourcen frei, die es ihnen ermöglichten, weiter in ihre Tiefe zu investieren. So wurde es zumindest bewertet.
Das "Problem" bei dieser Analyse: So ganz stimmte das eigentlich nicht. Die Verpflichtungen, die nach diesem Trade überwiegend noch getätigt wurden, waren Minimum-Signings (Tim Hardaway Jr. und Bruce Brown) - diese sind auch First-Apron-Teams erlaubt. Sie sind nur teurer wegen der darauf aufgeschlagenen Luxussteuer. Das ist ein wichtiger, wesentlicher Unterschied, gerade bei den (für ein Team mit einem All-Time-Superstar) notorisch geizigen Nuggets.
Der einzige Move, der durch den Porter-Trade wirklich möglich wurde, war der Tausch von Dario Saric für den teureren Jonas Valanciunas nach Sacramento. Ein Netto-Gewinn, da Saric im Vorjahr in Denver keine Rolle spielte und Stand jetzt kein NBA-Spieler mehr ist, nachdem er im Februar von Detroit gewaived wurde.
Valanciunas spielt immerhin, auch wenn er das alte Problem der Nuggets nicht löst, dass die Minuten ohne Nikola Jokic mies aussehen: JV steht bei einem On/Off-Rating von -16,2, einem der ligaweit schlechtesten Werte für Rotationsspieler. Er ist womöglich gerade dabei, seinen Rotationsplatz zu verlieren, wurde zuletzt oft bloß für sechs Minuten oder weniger eingesetzt.
Bei Johnson droht so eine Degradierung nicht. Er startete bisher bei jedem seiner Einsätze. Auch er hat in Denver bisher aber schlichtweg nicht die Erwartungen erfüllt, die mit diesem Deal verbunden waren.

Es hilft nicht, dass Porter Jr. in Brooklyn die beste Saison seines Lebens spielt und eigentlich ein All-Star hätte sein müssen. Es ist eher nicht fair, Johnson mit dieser Version Porters zu vergleichen - es ist aber auch nicht nötig. Es "reicht" auch schon die Porter-Version, die über Jahre in Denver spielte.
Dieser MPJ war ein bisweilen frustrierender Spieler. Ein großartiger, großer Shotmaker, der über sechs Jahre mehr als 40 Prozent von Downtown traf, aber eigentlich nicht oft genug warf (24/25: 9,1 Dreier pro 100 Ballbesitzen - Platz 79 (!!!!) in der NBA). Der kaum etwas als Ballhandler oder Creator beitrug, der defensiv schwankte, aber immerhin recht konstant reboundete.
Porter war trotz der fairen Kritikpunkte ein essenzieller Bestandteil der Meistermannschaft 2023, und er leistete auch in der vergangenen Saison seinen nicht zu unterschätzenden Beitrag als Movement-Shooter neben Jokic. Er biss auch in den Playoffs auf die Zähne, nachdem er sich direkt im ersten Spiel schwer an der linken Schulter verletzte und danach de facto einarmig spielte (was viel dazu beitrug, wie schlecht seine Playoff-Zahlen dann aussahen).
Johnson galt vielen trotzdem als gleichwertiger, vielleicht sogar als besserer Spieler oder Fit in Denver. Nach aktuell 42 Spielen ist das bisher eher nicht der Fall. Vielmehr ließe sich Johnson als … bisweilen frustrierender Spieler bezeichnen. Bei dem es zwar definitiv auch Lichtblicke gibt, der unterm Strich aber noch immer nicht so recht angekommen zu sein scheint.
Dabei funktioniert es oberflächlich; Johnson trifft 41 Prozent seiner Dreier, der Wurf ist also nach Denver "mitgereist", als Movement-Shooter bereichert auch er das Team. In seinen Minuten beträgt das Offensiv-Rating der Nuggets großartige 125 Punkte, das Net-Rating liegt bei +8,3, daran gibt es wenig auszusetzen.
Es ist allerdings auch nur bedingt Johnson zuzuschreiben. Fast all seine Minuten verbringt er mit Jokic gemeinsam auf dem Court, der traditionell mit jedem funktioniert; Jokic‘ Zahlen OHNE Johnson sind noch besser. Was viel damit zu tun hat, dass Johnson zwar gut wirft, aber zu wenig (7,2 Dreier pro 100 Ballbesitzen - mit Abstand Career-Low). Und dass er abgesehen davon oft kaum Wege findet, das Spiel irgendwie zu beeinflussen.
Johnson tritt noch deutlich weniger als Cutter auf als Porter vor ihm. Creation liefert er bloß etwas mehr, obwohl er im Vorjahr noch die Nets bei den Assists anführte. Er verzeichnet kaum Drives, ist kein wirklicher Faktor beim Rebound, defensiv kein signifikantes Upgrade zu Porter.
Vor allem aber wirkt er zu oft zögerlich, als wäre er noch immer unsicher, wo er sich im System Jokic (und Jamal Murray) aufzuhalten hat. Während MPJ databallr zufolge auf 21,1 True Shot Attempts pro 100 Ballbesitzen kam, sind es bei Johnson bloß 15, und die Effizienz liegt unter der seines de-facto-Vorgängers.
Head Coach David Adelman hat dies kürzlich gegenüber der Denver Post versucht zu erklären. "Ich glaube, manchmal versucht er, das perfekte Play zu machen, anstatt einfach das Play zu nehmen, das gerade vor ihm liegt und das in diesem Moment die richtige Entscheidung ist." Johnson selbst schlug in eine ähnliche Kerbe, gab zu, dass er zum Teil noch immer nachdenkt.
"Zum Teil geht es definitiv immer noch darum, meine Identität hier zu verstehen," sagte Johnson. "Aber am Ende des Tages sagt mir hier jeder, dass ich einfach weiter ich selbst sein soll." Tatsächlich wissen ja auch die anderen Nuggets darum, wie Johnson ihnen helfen könnte, falls er seine Vorsicht noch rechtzeitig ablegen kann.
Zuletzt gab es immerhin einige Spiele, die andeuteten, dass es bergauf geht. In seinen drei letzten Spielen hat Johnson jeweils mehr als 15 Punkte aufgelegt, einen solchen "Streak" hatte er zuvor in dieser Spielzeit erst einmal. Gegen die Lakers verlor Denver zwar, aber Johnson nahm in dieser Partie zehn Dreier, sein bisheriger Höchstwert bei den Nuggets.
Ist Johnson engagiert, kann er das Team tatsächlich abrunden, mehr Platz für das Star-Tandem kreieren als die anderen Rollenspieler, vom deutlich weniger schüchternen Tim Hardaway Jr. vielleicht abgesehen (der defensiv dafür ziemlich angreifbar ist). Nur muss dieses Engagement konstanter da sein, als es in dieser Spielzeit bisher der Fall war.
Zumal es für die Nuggets nicht nur um diese Saison geht. Das (Haupt-)Thema, das Johnson im Sommer nach Denver brachte, könnte im kommenden Sommer bereits wieder eine Rolle spielen und ihn unter Umständen sogar wieder wegschicken: Die Finanzen. Sein Vertrag läuft zwar noch für 26/27, der von Peyton Watson allerdings läuft aus, der 23-Jährige wird Restricted Free Agent.

Watson legte vor seiner Oberschenkelverletzung, die ihn seit Anfang Februar pausieren lässt, ein absolutes Breakout-Jahr hin. Er zeigte regelmäßig den Hunger, den Johnson bisweilen vermissen lässt. Ein deutlich stärkerer Verteidiger ist er ebenfalls. Stand jetzt wäre es zu erwarten, dass die Nuggets ihn höher priorisieren als Johnson, zumal Watson sieben Jahre jünger ist.
Ein fetter Vertrag für Watson könnte Denver indes wieder zu einem Apron-Team machen, zumal auch der neue Deal von Christian Braun (knapp 22 Mio.) in der kommenden Saison startet. Nach der Logik der vergangenen Jahre würde das bedeuten, dass jemand gehen muss. Und dafür sähe aktuell wiederum Johnson wie der logischste, weil entbehrlichste Kandidat aus.
Was nicht bedeutet, dass es so kommen muss. Die Saison läuft noch, die Playoffs haben nicht angefangen. Noch ist es möglich, sich unentbehrlich zu machen, zu einem etwaigen Titel beizutragen. Es ist bloß bisher eben nicht erfolgt, der Fit weitaus komplizierter, als das auf den ersten Blick wirkte.
Was ein guter Reminder ist: Selbst wenn sich die Experten bei der Bewertung eines Trades einig sind, kann es anders kommen. Nach aktuellem Stand hätte Denver den besseren Spieler für ein "Downgrade" eingetauscht und dafür noch einen kostbaren ungeschützten Erstrundenpick geopfert. Das mag eine effektive Sparmaßnahme sein, ein guter Deal wäre es trotzdem nicht.
Ole Frerks