29.10.2025
Woche 1 der NBA-Saison ist Geschichte
Nach einer Woche NBA lässt sich vorzüglich überreagieren. Wer ragt heraus, wer reißt die Erwartungshürde? Die Offense bereitet den Orlando Magic in jedem Fall bekannte Probleme. Muss das so bleiben? Und weshalb kann Victor Wembanyama schon jetzt MVP werden, Cooper Flagg eventuell doch nicht Rookie of the Year? Dazu: Die Hochgeschwindigkeits-Evolution der Sixers.

Dass Desmond Bane Orlando helfen kann, ist bereits ersichtlich. Die Fähigkeit des Guards, zum Ring zu kommen, selbst Würfe zu kreieren, gibt der Offense eine zusätzliche Option. Nur scheitern die Magic bislang daran, all ihre Möglichkeiten zusammenzuführen. Häufig wandert der Ball nicht von Jalen Suggs, zu Bane, zu Franz Wagner und Paolo Banchero, um die beste Wurfgelegenheit zu finden. Selten bewegen sich die, die den Ball gerade nicht haben, beziehungsweise in ein Pick-and-Roll oder einen Handoff involviert sind. Ein bis zwei initiieren, der Rest steht.
So wirkt Orlandos Offense ähnlich statisch wie vergangene Saison. Im Grunde darf neben Suggs, Wagner und Banchero mit Bane nun lediglich ein weiterer versuchen, die Statik aufzulösen. So kommt es immer wieder vor, dass Wagner und Bane warten, während Banchero versucht, rund um die Zone einen schweren Wurf loszuwerden. Oder Banchero und Bane sehen zu, wie Franz zum Ring geht. Oder Wagner und Paolo beobachten wie Wendell Carter Jr. Bane den Ball gibt, damit der mit Anlauf Richtung Korb sprinten kann. Das Problem: Individuell kann das jeder, nur machen sich drei offensiv Höchstbegabte das Leben nicht gegenseitig leichter. Jeder soll nutzen, dass er schwere Würfe treffen kann. Nur gut der Hälfte der Würfe ging ein Assist voraus. Damit stehen die Magic ligaweit auf Rang 28.

Defenses sinken derweil genüsslich ab und machen die Zone eng. Auch weil Würfe grundsätzlich aus Zentralflorida zu flüchten scheinen. Es mögen Startschwierigkeiten sein, über seine ersten vier Spiele in Orlando trifft Bane, zuvor ein +40-Prozent-Schütze, lediglich 27,3 Prozent seiner Dreier. Als potenziell besten Schützen des Teams nehmen ihn Defenses weiter ernst, was hilft. Auspacken sollte Bane seinen Wurf dennoch schnellstmöglich. Immerhin beginnen die Magic, zu rennen.
Mit einer Pace von 104,88 waren sie während der ersten Woche das achtschnellste Team der Liga. Ein Fortschritt. Nun muss Orlando zwingend mehr Bewegung in seine Offense bringen und seine drei Besten gemeinsam in Plays involvieren. Ebenso entscheidend: der Gewöhnungsprozess der Defense an das neue Tempo. Noch scheint sie unter dem schnelleren Spiel zu leiden. Beim Defensive Rating liegen die Magic, eines der besten Defensivteams der letzten Jahre, auf Rang 14. Womöglich sind es Momentaufnahmen eines Teams, das sich finden muss - Suggs spielt sich nach seiner Knie-OP zudem noch in Form. Womöglich braucht es größere statische Veränderungen im Spiel.
Manchmal wirkt es, als habe jemand Tyrese Maxey auf doppelten Speed geregelt, während alle anderen weiter in Normalgeschwindigkeit unterwegs sind. Phillys Guard flog förmlich durch die erste Woche. Zweimal schenkte er bereits 40 Punkte aus, insgesamt trifft er 45,5 Prozent seiner Würfe und 47,4 Prozent seiner Dreier. Ganz haltbar dürfte das nicht sein. Dafür spielt das Team insgesamt nach Maxeys Vorbild.
Die Sixers machen Druck. Vorne wie hinten. Defensiv hetzen sie Ballführende in Fehler, springen in Passwege, erklären in Person von Adem Bona den eigenen Ring zur Flugverbotszone - und hat Philly den Ball, geht es schnell. Permanent attackieren die Sixers die Zone. Defenses haben kaum Zeit, durchzuschaufen. Auch weil Maxey nicht allein ist.

Mit VJ Edgecombe hat er einen Partner, der jederzeit mitrennen kann. Der Rookie ist ähnlich schnell, kann dafür ein Stück höher springen. Gemeinsam terrorisieren beide Defenses. Auch weil sich Edgecombe nicht allein auf seine Explosivität stützen muss. Gut 40 Prozent seiner Dreier trifft er bislang. Vor allem spielt er nicht wie ein reiner Athlet. Statt den Kopf herunterzunehmen und sich auf seine Geschwindigkeit zu verlassen, baut er in seine Routen zum Ring Geschwindigkeits- und Richtungswechsel ein, nutzt seine gute Fußarbeit, um aus Drehungen direkt zum Wurfhochzugehen und prägt so die Identität des Teams mit.
Auch deshalb spielen die Sixers nicht mehr, als würden sie sehnlichst auf Joel Embiid warten. In Vergessenheit gerät der MVP von 2023 nicht - den Wizards schenkte er 25 Punkte ein -, gleichzeitig pflegt das Team seinen schnellen Stil. Derzeit gewinnen die Sixers mit und ohne Embiid. Das Warten scheint vorbei zu sein. Phillys Zukunft hat begonnen.
Die Zahlen sind fast absurd. 31 Punkte bei 60,3 Prozent aus dem Feld und 36,4 Prozent von draußen legt Victor Wembanyama über die ersten vier Spiel auf. Dazu sammelt er 13,8 Rebounds ein und blockt 4,8 Würfe. Entscheidender ist jedoch das Wie. Defensiv, wo er bereits vergangene Saison dominierte, scheint Wemby einen weiteren Schritt gemacht zu haben. Er bewegt sich noch besser und gezielter, hat ein besseres Gespür und Timing.
Die große Verwandlung findet jedoch offensiv statt. Dribbelt Wembanyama den Ball durch die Beine, danach hinter dem Rücken von links nach rechts und wieder zurück, um direkt zum Wurf hochzugehen oder per Vollsprint Richtung gegnerische Zone zu gehen, wirkt er fast wie ein stark in die Länge gezogener Kyrie Irving. Überspitzt, aber Wemby hat sein Ballhandling deutlich verbessert. Es ist nicht nur sicherer, sondern enger, schneller, wie das eines Guards. Damit ist Wembanyama sowohl beim Fastbreak als auch auf dem Weg zum Ring noch komplizierter zu stoppen. Zumal seine Fußarbeit auch nicht erahnen ließe, dass da gerade ein 2,24 Meter großer Mensch durch Defenses tanzt.

Gleichzeitig passte der Franzose seine gesamte Offense an. Seine 8,8 Dreier aus der vergangenen Saison reduzierte er auf 2,8 pro Spiel. Statt zu werfen, geht Wembanyama in die Zone, dreht sich dort um Gegenspieler herum, dunkt und geht an die Linie. 10 Freiwürfe nimmt er pro Spiel. Knapp sechs mehr als im vergangenen Jahr (4,1). Mit diesem Paket wirkt Wemby während der ersten Woche, als sei er nicht zu stoppen; wie ein MVP.
Eigentlich war alles klar. Cooper Flagg, das nächste Generational Talent, sollte klar der beste Rookie sein. Dann hatten die Mavs eine Idee. Groß wollten sie spielen und stellten ihren 18-jährigen Forward auf die Eins. Ohne NBA-Erfahrung sollte Flagg das Spiel eines Teams lenken, dessen offensive Teile mangels Wurfkreation auf den kleineren Positionen und Spacing ohnehin nicht optimal zusammenpassen. Für den Moment hat Flagg damit erwartbare Probleme - wenngleich er langfristig von der Erfahrung profitieren kann.
Gleichzeitig spielten sich während der ersten Woche zwei weitere Rookies in den Fokus. Über Edgecombe ist vieles gesagt - und auch Dylan Harper führt sich bestens in die NBA ein. Zwar kommt der Nummer-2-Pick nur von der Bank, dafür steht er immer wieder neben den beiden anderen Guards Stephon Castle und Devin Vassell auf dem Court. Darf Harper ran, zeigt er Vielversprechendes.
Wie Edgecombe scheinen ihn die Probleme und Unsicherheiten junger Guards (noch) nicht zu plagen. Seine herausragende Fußarbeit bringt Harper immer wieder in die Zone und zum Ring. Er bewegt sich geschmeidig um Gegenspieler herum, lässt sie beinahe sanft ins Leere laufen, um sicher abzuschließen. Wild wirkt es nur selten. Dafür behält der Guard auch in der Rush Hourt direkt unter dem Korb die Ruhe und findet offene Schützen für den Pass zurück an die Dreierlinie. Wie Edgecombes beeindruckt auch Harpers Start. Geht das so weiter, muss sich selbst Flagg strecken.

Auch die Rockets hatten eine Idee. Nachdem sich Fred VanVleet das Kreuzband riss und sie ohne (bewiesenen) Point Guard dastanden, spielten sie einfach größer als jedes andere Team in der Geschichte. Es funktionierte bedingt. Den Thunder verdarb Houston zum Auftakt beinahe die Ringnacht. Detroit, das mit eigenen Problemen zu kämpfen hat, versaute wiederum Houstons Heimauftakt.
Gegen Brooklyn passte Coach Ime Udoka seinen Plan etwas an. Josh Okogie begann statt Steven Adams. Nun ist ersterer eher die Idee eines Guards. Weder bringt Okogie Playmaking noch Shooting. Wirklich geht Houstons Plan ohne echten Guard bislang jedoch nicht auf. Die Offense wirkt statisch. Vieles sieht nach harter Arbeit aus - während Boston nach all den Geldspar-Deals des Sommers ohne echten Big dasteht. Mit teils komplizierten Folgen.
Rebounding dürfte über die gesamte Saison nicht zwingend auf Bostons Pro-Seite auftauchen. Neemias Queta spielt solide, Luka Garza und Xavier Tillman flößen jedoch den wenigsten Frontcourts Angst ein. Jalen Duren schnappte sich gegen die Celtics beispielsweise 18 Rebounds. In keinem anderen Spiel griff Detroits Center bislang zweistellig zu. Am Ende gewannen die Pistons auch, weil sie sich immer wieder zweite Wurfgelegenheiten sicherten.
Intrinsisch kann Boston die Schwäche kaum zur Stärke umfunktionieren. Eventuell entscheidet das Frontoffice trotz Jayson Tatums Reha-Fortschritten daher, die Saison als Sabbatjahr zu begreifen und das Team für 2026/27 um seinen dann wieder fitten Besten neu aufzustellen. Natürlich würde Derrick White auch weiter neben Tatum passen. Gleichzeitig sind die Rockets gesegnet mit Picks, die Boston womöglich schwach machen, und am Ende treffen sich zwei Teams in leichten Schwierigkeiten, um sich das Leben gegenseitig leichter zu machen.
Max Marbeiter