30.04.2025
Magic mit drittschwächster Playoff-Offense
Wie schon im vergangenen Jahr sind die Orlando Magic in der ersten Playoff-Runde ausgeschieden. Trotz der Blowout-Niederlage in Spiel 5 verkaufte sich Orlando gegen den amtierenden Meister Boston eigentlich ordentlich - die Serie offenbarte jedoch auch, wieder einmal, die eklatanten Schwächen des Kaders.

Über 30 Minuten folgte Spiel 5 einem etablierten Muster. Das Spiel steckte im Treibsand fest. Nur 59 Punkte hatte Boston zu diesem Zeitpunkt erzielt (Orlando: 58), eine der profiliertesten Offensiv-Maschinen der NBA-Geschichte tat sich wieder schwer und kreierte kaum offene Dreier, was normalerweise in etwa so essenziell für sie ist wie Dunks für Dwight Howard.
Zur Einordnung: 48,2 Dreier pro Spiel nahm Boston während der Regular Season. 31,2 waren es gegen Orlando, in Spiel 5 sogar bloß 24. Die Magic-Defense, nun seit einigen Jahren ihre Calling Card, hält gegen Boston besser stand als die meisten anderen - wobei es zum Ende der Serie zum Bruch kam.
59 Punkte erzielten die Celtics über die ersten 30 Minuten, 61 Punkte folgten über die nächsten 18, die letzten 18 Minuten dieser Magic-Saison. Nachdem Paolo Banchero sich mit dem fünften Foul auf die Bank verabschiedet hatte, schien der Wille des Teams gebrochen zu sein, beziehungsweise: Es fehlte nun endgültig die Firepower, um mit den auf einmal brandheißen Celtics auch nur ansatzweise Schritt zu halten.
Was für Orlando kein neues Problem ist.
Bei aller berechtigten Anerkennung dafür, dass die Magic Boston in der Serie immerhin zweimal unter 100 Punkten hielten - Boston hielt Orlando zweimal unter 90 Punkten. Die Magic legten über die Serie 104,7 Punkte pro 100 Ballbesitzen auf, nur die gesweepten Grizzlies und Heat waren in der ersten Runde schlechter.
Nach dem Ende der Serie beschwerten sich die Magic nahezu unisono über die Foulpfiffe gegen Banchero. Head Coach Jamahl Mosley äußerte gar, dieses fünfte Foul habe "die Serie gedreht", und tatsächlich zeigte Orlando in den Minuten ohne den All-Star, wie sehr sie gerade in den Playoffs von seinem Scoring abhängig sind.
Die Serie wurde jedoch nicht durch diese Minuten entschieden. Mehr als alles andere hielt die Magic zurück, dass sie offensiv schlichtweg noch nicht gut genug sind, auch nicht mit Banchero und Franz Wagner auf dem Court. Was absehbar war, sich durch die gesamte Saison (und die davor) zog und dazu führt, dass in der Offseason nun doch mal etwas Druck entstehen wird.
Im Prinzip könnten es sich die Magic bei ihrer Saisonbewertung sehr leicht machen. Dass nach 47 Siegen im Vorjahr diesmal nur 41 geholt wurden, lag zu einem nicht unwesentlichen Anteil an den Verletzungen. Banchero verpasste fast die halbe Saison. Wagner fiel 22 Spiele aus. Sein Bruder Moritz war für 30 Spiele einer der besten Sixth Men der Liga und riss sich dann das Kreuzband. Jalen Suggs, der beste Guard und dritte Eckpfeiler des Teams, verabschiedete sich nach 35 Spielen und fehlte auch gegen Boston.

Die Magic sind ein tiefes Team, dennoch lässt sich ein solcher Aderlass nur bedingt auffangen. Diese Faktoren ließen sich für sie nicht kontrollieren. Gleichzeitig hat nicht nur Pech dazu geführt, dass Orlando noch nicht den nächsten Schritt machen konnte. Eine gewisse Passivität des Front Office trug ebenfalls dazu bei.
Probleme, die auch 23/24 schon da waren, wurden nicht abgestellt, zum Teil verschlimmerten sie sich sogar. Es fehlte und fehlt an Playmaking aus dem Backcourt, und es fehlte Shooting, von überall auf dem Court. Kein Team erzielte 24/25 weniger Dreier als Orlando (11,2 pro Spiel), kein Team erreichte dabei eine schlechtere Quote (31,8%).
In den Playoffs waren es dann sogar nur 26,3%, gewissermaßen blieben sich die Magic also treu. "Das ist sehr frustrierend", sagte Wagner nach Spiel 5 über die Dreierquote. "Es ist sehr offensichtlich, wenn man sich den Boxscore anschaut, dass es definitiv etwas ist, woran jeder im Kader arbeiten muss."
Das ist einerseits richtig - und schließt gerade Wagner mit ein, der nach besserem Saisonstart über die Spielzeit erneut seinen Touch verloren hat und auch gegen Boston kaum einen Dreier traf (18,9%!). Banchero war in der Serie besser (44,4%), ein konstanter Shooter über die Saison war er indes auch er nicht. Genau wie alle anderen Rotationsspieler.
Nur mit individueller Arbeit wird sich dieses Problem andererseits nicht abstellen lassen. Die Zeit ist reif für Upgrades; kein Team in der NBA hat so dringenden Bedarf an Volume-Shootern, die das Feld breiter machen können. Der Kontrast zu Boston, wo mit Ausnahme von Luke Kornet jeder Rotationsspieler mit Vergnügen von draußen draufhält, hätte kaum größer sein können.
Wagner und Banchero sollen sich als Shooter steigern, natürlich. Mindestens ebenso wichtig ist aber die Infrastruktur um sie herum; beide sind am besten, wenn sie den Korb attackieren, die Defense kollabieren lassen können. Gerade Wagner ist ein überragender Driver und Rim-Finisher, der selbst einen Riesen wie Kristaps Porzingis bisweilen putzig aussehen ließ.
Beide Forwards erzielten gegen Boston über 25 Punkte pro Spiel, waren phasenweise dominant. Trotz des unnötig hohen Schwierigkeitsgrades. Wie sehr könnten beide davon profitieren, wenn ihre Mitspieler an der Dreierlinie ernst genommen werden müssten? Ein Indiz dafür gibt Cade Cunningham in Detroit … aber Orlando hat sogar zwei Spieler mit All-NBA-Potenzial.
Entsprechend wirkt die Chance hoch, dass die Magic mit den richtigen Adjustierungen kommende Saison ein 50-Siege-Team sein und erstmals seit 2010 sogar auch mal wieder eine Playoff-Serie gewinnen könnten. Die Defense haben sie schon, die Stars auch. Es ist aber eben auch offensichtlich, was sie noch nicht haben.
"Ich denke, das hat auch viel Gutes", sagte Wagner über die Shooting-Probleme. "Wir wissen, dass wir, wenn wir das verbessern, meiner Meinung nach ein extrem gefährliches Team sein können."

Man kann ihm dabei nur beipflichten. Entsprechend richtet sich der Fokus nun auf das Front Office und Jeff Weltman. Über die vergangenen Jahre handelte der GM vorsichtig, wenn nicht gar passiv (vergangene Saison kam an Veteranen nur Kentavious Caldwell-Pope, der prompt seinen Wurf verlor).Nun sollte die Phase der Erkenntnissammlung jedoch abgeschlossen sein.
Die Magic gehen mit Spielraum in die Offseason. Sie haben all ihre eigenen Picks sowie zwei zusätzliche Erstrundenpicks zur Verfügung; ebenso verfügen sie über zum Teil ungarantierte Midsize-Verträge, die als Füllmaterial in Trades verwendet werden könnten. Noch spielt Banchero auf seinem Rookie-Vertrag, daher ist auch finanziell noch eine gewisse Flexibilität da.
Rund um die Trade Deadline kursierten bereits Gerüchte, dass Orlando sich mit Coby White von den Bulls befasste. Ein anderer Name, der seit längerem gehandelt wurde, ist Anfernee Simons von den Blazers. Der Archetyp scheint in jedem Fall klar: Orlando sucht einen Scoring Guard, der mit und ohne Ball in der Hand effektiv sein kann. Damit muss es noch nicht getan sein, aber es ist positionell tatsächlich die größte Baustelle.
Die Magic haben einen spannenden Punkt ihrer Entwicklung erreicht. Ein junges Team sind sie nach wie vor, aber langsam melden sich die Erwartungen. Noch ein Jahr de facto Stillstand können sie sich nun nicht mehr leisten, dafür ist zu leicht erkennbar, dass das Potenzial des Kaders wesentlich größer ist.
"Ich glaube nicht, dass hier irgendjemand glücklich ist, weil wir viermal keine Blowouts kassiert haben. Das war nicht unser Ziel", stellte Banchero nach Game 5 klar. "Das Ziel war es, die zweite Runde zu erreichen. Ich nehme keine moralischen Siege von dieser Serie mit."
Ole Frerks