vor 5 Stunden
Neue Ära startet vielversprechend
Die Memphis Grizzlies sind völlig überraschend das einzige noch ungeschlagene Team. Wir blicken auf die Gründe und warum Tuomas Iisalo auch in der NBA seine Philosophie durchsetzen kann.

Wer vor der Saison auf die Memphis Grizzlies als das noch einzige ungeschlagene Team der Saison gesetzt hätte, der wäre von vielen Seiten schief angeschaut worden. Doch nun sind wir hier, Ex-BBL-Coach Tuomas Iisalo scheint tatsächlich auch einem Sammelsurium aus hungrigen Youngstern und Rollenspielern ein funktionierendes Kollektiv geformt zu haben.
Schon vor der Saison hatten nicht wenige die Grizzlies als mögliches Überraschungsteam auf dem Zettel, doch dass solch ein Start herausspringt, war nicht zu erwarten. Bevor wir aber über Gründe reden, streuen wir ein wenig Salz über die sechs Spiele. Memphis hat nämlich bereits je zweimal gegen Utah und Sacramento gespielt (die beiden schlechtesten Teams im Westen), dazu kommen gute Siege in Portland und bei den Warriors.
Grundlage dafür ist die unverschämt gute Dreierquote von 41,6 Prozent, derzeit mit Abstand Ligaspitze. Irgendwann dürften Cedric Coward (62%), Cam Spencer (57%) und Isaiah Stewart (54%) auch mal wieder geerdet werden. Im Laufe einer Saison gleicht sich das natürlich alles wieder aus.
Das waren mal die Einschränkungen, doch es gab auch genügend positive Aspekte, die nicht darauf hindeuten, dass Memphis in dieser Spielzeit tatsächlich um die Playoffs mitspielen kann, was in dieser Phase des Rebuilds als Erfolg gewertet werden kann.
Ihren neuen Franchise Player haben sie in Cameron Boozer ja schon. Der Forward kann zwar frustrierend sein, weil fast jeder seiner Moves nahe am Schrittfehler ist (gegen die Kings wurde er in einem Viertel viermal zurückgepfiffen!), doch ansonsten spielt der 19-Jährige schon jetzt wie ein Routinier, was auch Iisalo direkt nach dem ersten Spiel anmerkte. "Er macht Plays, die manche Spieler nach zehn Jahren nicht machen können", bilanzierte der Finne.
| Statistik | Wert |
|---|---|
| Spiele | 6 |
| Minuten | 31,0 |
| Punkte | 17,7 |
| Rebounds | 10,5 |
| Assists | 5,7 |
| Offensiv-Rebounds | 1,3 |
| Defensiv-Rebounds | 9,2 |
| Turnover | 3,0 |
| Feldwurfquote | 37,6 % |
| Dreierquote | 36,8 % |
| Freiwurfquote | 96,6 % |
Der Ex-Dukie kann in der Zone scoren, besitzt ein gutes Händchen für Pässe und ist ein elitärer Rebounder, obwohl er nicht aus der Halle springt. Dazu hat er in Memphis das grüne Licht und wirft ohne zu Zögern von draußen, obwohl in den ersten Spielen viele Backsteine mit dabei waren. Inzwischen trifft aber auch er knapp 36 Prozent von draußen, das ist ein Wert, der mehr als respektabel ist.
Stand jetzt dürfte Boozer der klare Favorit auf den Award des Rookie of the Year sein und vermutlich hätte der Youngster keinen besseren Coach als Iisalo bekommen können, da Boozer wie gemacht für dessen Stil zu sein scheint.
Viel wurde in Deutschland und Europa über das System Iisalo gesprochen und geschrieben, wobei immer wieder die Frage im Raum stand, ob das auch in der NBA funktionieren würde? Ein BBL-Coach, der hier anonym bleiben soll, sagte basketball-world.news während der Vorsaison, als das Drama um Ja Morant Fahrt aufnahm, folgendes: "Er muss in Memphis nur diese eine Saison überstehen, danach wird es funktionieren."
Iisalo überlebte, gewann den Machtkampf gegen Ja Morant. Mit Desmond Bane, Morant, Jaren Jackson Jr. oder auch Santi Aldama gingen fast alle Säulen der Vorjahre, stattdessen entstand ein Team, welches mehr nach dem Geschmack des Finnen ist.
Iisalo will schnelle Entscheidungen mit dem Ball, viel Bewegung abseits davon und viel Platz auf dem Feld. Dazu verkörpert er eine Philosophie, die derzeit bei vielen Teams in Mode kommt. Das Possession Game soll gewonnen werden. Heißt: Zweite Chancen durch Offensiv-Rebounds generieren, viele Dreier werfen, auf der Gegenseite Turnover generieren und eigene limitieren.
Vor allem beim Rebound klappt das hervorragend, hier ist Memphis in beiden Kategorien Top 5. Solch ein Stil, der vor allem von Intensität und Einsatz lebt, ist über 82 Spiele jedoch schwer durchzustehen. Hier hilft zumindest der breite Kader, elf Spieler sehen über zwölf Minuten im Schnitt, nur Boozer knackt die 30.

Und dann ist da noch Ty Jerome, der in den ersten Wochen plötzlich wie ein All-Star performt und inzwischen aber "nur" noch 26 Punkte im Schnitt erzielt. Sein persönlicher Rekord liegt bei knapp 20 - aus der Vorsaison in nur 15 Spielen. Potenzial war immer da, nur fehlte Jerome viel zu oft verpasst und machte nur ein einziges Mal mehr als 50 Spiele.
Solch eine Explosion überrascht dennoch, im Moment wäre Jerome ganz klar der Most Improved Player. Zuvor war er einer der besten Sixth Man der Liga, nun seziert er auf einmal Verteidigungen am Fließband und trifft seine Sprungwürfe mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit.
Auch hier ist eher nicht davon auszugehen, dass dies so bleibt, dennoch gibt es erste Anzeichen, dass die Kombo bestehend aus Jerome und Boozer reicht, um eine gute Offense stellen zu können. Wie schon zu Beginn erwähnt: Die Grizzlies werden nicht 82-0 gehen und auch vermutlich nicht unter den besten Vier im Westen landen, aber die ersten Anzeichen sind da, dass der Rebuild schneller als gedacht voranschreiten kann.
Robert Arndt