vor 2 Stunden
Ein bisschen was von Luka Doncic
Die Memphis Grizzlies sind der große Gewinner der noch jungen NBA-Saison. Mit fünf Siegen aus den ersten fünf Partien ist das Team von Ex-BBL-Trainer Tuomas Iisalo eines von nur zwei bislang ungeschlagenen Teams in der NBA. Im Zentrum dieses Erfolgs steht mit Ty Jerome ein Spieler, den vor der Saison wohl niemand auf dem Zettel hatte. Wie nachhaltig sind seine Leistungen wirklich?

Über die Schwelle von 100 Punkten in den ersten drei Saisonspielen? Das schaffte in der Grizzlies-Historie bisher nur Ja Morant, ihm sogar schon zweimal. Vor einigen Tagen reihte sich nun auch Ty Jerome in diese Liste ein. 104 Zähler - 45, 28 und 31 - steuerte der Guard bei den drei Auftaktsiegen von Memphis hinzu und schrieb damit weit über Tennessee hinaus Schlagzeilen.
Nach dem knappen Sieg gegen die Warriors am zweiten Spieltag war sogar Superstar Stephen Curry voll des Lobes für seinen ehemaligen Mitspieler: "Er hat sich stark verbessert, seit er bei uns war", so der 36-Jährige über Jerome, der in der Saison 2022/23 überschaubare 6,9 Punkte im Dress von Golden State aufgelegt hatte. "Er hat jetzt grünes Licht bekommen und initiiert einen großen Teil ihres Scorings. Er ist schwer zu verteidigen und hat einige Waffen in seinem Spiel."
Eine seiner größten Waffen ist das Pick-and-Roll, das der US-Amerikaner - der laut offizieller NBA-Statistiken noch nie in seiner Profikarriere gedunkt hat - fantastisch beherrscht. Mehr als 57 Prozent seiner Abschlüsse stammen aus diesem Spieltyp heraus. Mit 14,3 Pick-and-Rolls pro Partie steht er derzeit sogar an der Spitze der NBA. Von allen Spielern mit mindestens sieben solchen Angriffen pro Spiel ist er zudem derjenige, der am effektivsten daraus mit Punkten hervorgeht (54,5 Prozent Wurfquote).
Und das hat einen Grund. Jerome versteht es geschickt, mit Tempounterschieden zu arbeiten, und erinnert dabei zuweilen an einen anderen Pick-and-Roll-Versteher - Luka Doncic. In der Halbfeldoffensive geht er meist mühelos per Block an seinen Bewachern vorbei, um sie anschließend hinter seinem Rücken zu fixieren. Im Drive verfügt er dann über einen hervorragenden Touch in Korbnähe.
Darüber hinaus hat er sich die Fähigkeit angeeignet, auch unter Bedrängnis stabil zu bleiben. Im Eins-gegen-Eins oder wenn Gegenspieler unter dem Block hindurchgehen, bestraft er sie mit einem schnellen ersten Schritt, bei dem er Kontakt initiiert, in die Luft geht und trotzdem stabil abschließt. Seine Freiwurfausbeute ist von 3,7 in der Vorsaison auf 8,3 pro Spiel geradezu explodiert.
Dazu ist er, wie Trainer Tuomas Iisalo sagte, ein "high-volume shooter". Die 6,8 Dreierversuche pro Partie - ebenfalls ein persönlicher Karrierehöchstwert - unterstreichen das.
Iisalo, einst Trainer in Crailsheim und Bonn, zeigte sich bislang wenig überrascht von der Entwicklung seines Schützlings. "Es ist nicht das erste Mal, dass ich das von ihm sehe. Er hat keine Angst vor großen Momenten." Jerome spiele derzeit mit extrem hohem Selbstvertrauen, das er sich über das vergangene Jahr im Training verdient hätte.
| # | Spieler | Sp | Punkte | FG | 3PT |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Luka Doncic | 4 | 36,0 | 48,4% | 39,6% |
| 2 | Anthony Edwards | 4 | 33,3 | 48,1% | 40,0% |
| 3 | Stephen Curry | 4 | 28,8 | 47,7% | 38,9% |
| 4 | Tyrese Maxey | 5 | 28,4 | 46,2% | 32,4% |
| 5 | Jayson Tatum | 4 | 28,0 | 43,0% | 24,1% |
| 6 | Giannis Antetokounmpo | 5 | 27,6 | 56,7% | 25,0% |
| 7 | Shai Gilgeous-Alexander | 5 | 26,0 | 45,9% | 26,5% |
| 7 | Zach LaVine | 5 | 26,0 | 50,0% | 35,7% |
| 9 | Ty Jerome | 5 | 25,8 | 47,3% | 34,4% |
| 9 | Jalen Brunson | 5 | 25,8 | 40,2% | 33,3% |
Aufgrund einer Wadenverletzung verpasste der heute 29-Jährige große Teile der vergangenen Spielzeit, stand insgesamt nur 15 Mal auf dem Parkett. Von Januar bis März kehrte er zurück und ließ seinen Leistungssprung mit 19,5 Punkten pro Spiel da bereits aufblitzen. Weil die Grizzlies zu dieser Zeit jedoch in der sportlichen Versenkung der Western Conference verschwunden waren, wurde diesen Zahlen nur wenig Beachtung geschenkt.
Im Sommer, so verrät Iisalo, habe Jerome aber weiter sehr hart an sich gearbeitet: "Er hat sich seine Möglichkeiten, die er aktuell hat, selbst geschaffen", erkannte der Finne an, wenngleich er - getreu dem neuen Team-first-Ansatz in Memphis - auch die Mitspieler mit in die Rechnung nahm: "Sein Selbstvertrauen kommt von sich selbst, vom Trainerstab, aber auch von den anderen Jungs, die es ihm ermöglichen, erfolgreich zu sein, indem sie immer wieder die richtigen Entscheidungen treffen."
Zu sehr ins Schaufenster wolle sich Jerome selbst aber (noch) nicht stellen lassen. Nach dem Sieg gegen Ex-Grizzly Ja Morant und seine Trail Blazers - dem fünften am Stück in dieser Saison - ordnete er ein, dass es "noch sehr früh" sei, um sich zufriedenzustellen. Den bisherigen Erfolg rechnet er viel mehr dem neuen Spielstil unter Iisalo zu: "Wir spielen unsere Art von Basketball und stellen uns selbst in den Mittelpunkt."
Julius Ostendorf