vor 13 Stunden
Der schwierige Weg nach Berlin
Die WNBA pausiert erst wenige Tage vor Beginn der Frauen-WM in Berlin. Besonders die USA, aber auch Deutschland und andere Medaillenkandidaten müssen wichtige Spielerinnen kurzfristig integrieren. Wer leidet am stärksten unter der knappen Vorbereitung - ein Team voller individueller Stars oder eine Mannschaft, deren Erfolg vor allem von ihrer Chemie lebt?

Für die besten Basketballspielerinnen der Welt führt der Weg zur Weltmeisterschaft beinahe direkt aus dem Ligaalltag nach Berlin. Noch am 30. August stehen in der WNBA Spiele auf dem Programm, fünf Tage später beginnt die WM. Dazwischen liegen letzte Kaderentscheidungen, lange Flüge, Regeneration und im schlechtesten Fall nur wenige gemeinsame Trainingseinheiten. Viel Zeit, um aus herausragenden Einzelspielerinnen eine funktionierende Mannschaft zu formen, bleibt nicht.
Auf den ersten Blick trifft das vor allem die USA. Der bereits benannte Kader des Titelverteidigers besteht ausschließlich aus WNBA-Spielerinnen. A’ja Wilson, Breanna Stewart, Caitlin Clark und ihre Teamkolleginnen werden erst unmittelbar vor Turnierbeginn vollständig zusammenkommen. Während andere Nationen bereits gemeinsam trainieren und Testspiele bestreiten können, befinden sich die Amerikanerinnen noch im Ligabetrieb.
Trotzdem müssen die USA nicht zwangsläufig am stärksten unter dem engen Kalender leiden. Kaum eine andere Nation kann individuelle Klasse in dieser Dichte aufbieten. Viele Spielerinnen kennen sich zudem aus früheren Nationalmannschaftsfenstern, von Olympischen Spielen und aus dem WNBA-Alltag. Selbst wenn komplexe Abläufe noch nicht perfekt sitzen, können die Amerikanerinnen Spiele über Athletik, Verteidigung und individuelle Überlegenheit entscheiden. Isolationen, Pick-and-Roll-Situationen und Fastbreaks benötigen weniger Vorbereitung als ein bis ins Detail abgestimmtes Mannschaftssystem.

"Die USA werden wahrscheinlich sowieso wieder sehr individuell spielen", sagt die frühere Nationalspielerin Ireti Amojo im Gespräch mit basketball-world.news. Deshalb könnten andere Nationen durch den Spielplan sogar stärker beeinträchtigt werden. "Für die europäischen Teams kann es schwieriger sein, weil sie ihre WNBA-Spielerinnen in etwas integrieren müssen, das sie vorher schon vorbereitet haben."
Genau darin liegt das Problem: Viele Nationalmannschaften beginnen ihre Vorbereitung mit einem Kern aus europäischen Spielerinnen. Rollen werden verteilt, offensive Abläufe eingeübt und defensive Prinzipien abgestimmt. Wenige Tage vor dem ersten WM-Spiel kommen anschließend zentrale Spielerinnen aus den USA hinzu. Ihre Ankunft erhöht zwar die individuelle Qualität, verändert aber zwangsläufig Hierarchien, Ballverteilung und Rotationen. Aus einer eingespielten Mannschaft kann vorübergehend ein "Flickenteppich" werden, wie Amojo es beschreibt.
Für Deutschland ist diese Frage besonders relevant. Die Gastgeberinnen leben stärker als die USA von Abstimmung, klaren Rollen und einer funktionierenden Teamchemie. Gleichzeitig muss die Mannschaft bereits den Ausfall von Satou Sabally verkraften, die wegen der anhaltenden Folgen einer Gehirnerschütterung nicht an der WM teilnehmen kann.
Mit Leonie Fiebich, Nyara Sabally und Frieda Bühner werden weitere wichtige Spielerinnen erst spät zum Team stoßen. Sollten sie für das endgültige Aufgebot zur Verfügung stehen, bliebe nur wenig Zeit, sie in die gemeinsame Vorbereitung zu integrieren. Dabei wartet bereits am ersten Turniertag mit Spanien der vermutlich stärkste deutsche Gruppengegner.
Die kurze Vorbereitung muss dennoch nicht ausschließlich ein Nachteil sein. Mehrere zentrale Spielerinnen kennen das deutsche System und den Großteil ihrer Teamkolleginnen aus den vergangenen Jahren. Bei den Olympischen Spielen 2024 und in weiteren Nationalmannschaftsfenstern hat die Mannschaft gezeigt, dass sie auch in kurzer Zeit zusammenfinden kann. Zudem kommen die WNBA-Spielerinnen im Wettkampfrhythmus nach Berlin, während andere Akteurinnen teilweise aus der Sommerpause in die Vorbereitung gestartet sind.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, wie viele WNBA-Spielerinnen eine Nation stellt. Wichtiger ist, welche Rollen sie übernehmen und wie stark sich das System durch ihre Ankunft verändert. Eine Führungsspielerin, die den Ball häufig in den Händen hält, beeinflusst die eingeübten Abläufe stärker als eine Akteurin, die auch ohne Ball funktioniert und sich flexibel in bestehende Strukturen einfügt.
"Man kann so viel individuelle Klasse haben, wie man möchte: Am Ende ist Basketball ein Teamsport", sagt 3x3-Olympiasiegerin Sonja Greinacher im Gespräch mit basketball-world.news. Im amerikanischen Team gebe es viele Spielerinnen, die den Ball in den Händen haben, selbst punkten und eine zentrale Rolle einnehmen wollen. "Das bringt sehr viele Vorteile mit sich, kann es aber auch schwierig machen."

Ebenso wichtig wird sein, wie die Trainerinnen und Trainer Belastung und Regeneration steuern. Wer am 30. August noch in den USA spielt, soll wenige Tage später in Berlin nicht nur körperlich bereit sein, sondern auf Anhieb eine tragende Rolle übernehmen. Das betrifft neben Deutschland und den USA weitere Medaillenkandidaten. Auch Frankreich, Australien und Belgien müssen WNBA-Spielerinnen kurzfristig in ihre Teams integrieren.
Amojo kritisiert deshalb die fehlende Abstimmung des internationalen Kalenders. "Das finde ich einfach schade", sagt sie. In den kommenden Jahren müsse sich etwas ändern, "damit alle optimale Bedingungen haben, um sich auf ein solches Turnier vorzubereiten". Dafür müsse der Ligabetrieb stärker auf Weltmeisterschaften und andere internationale Wettbewerbe abgestimmt werden.
Die WM beginnt sportlich deshalb schon vor dem ersten Sprungball. Während in der WNBA noch gespielt wird, müssen die Nationaltrainer festlegen, welche Rollen sie zunächst offenlassen und wie viel Veränderung ihre Mannschaft kurz vor dem Turnier verträgt. In Berlin gewinnt womöglich nicht nur das Team mit der größten individuellen Qualität, sondern jenes, das am schnellsten zu einer Einheit wird.