vor 9 Stunden
Kommen die Finals noch zu früh?
Als Titelsieger-Besieger kam den San Antonio Spurs vor Finals-Beginn eine natürliche Favoritenrolle zu. Nach zwei verdienten Heimniederlagen hat sich die Erzählung allerdings gedreht. Dafür verantwortlich ist nicht fehlendes Talent, sondern die Unerfahrenheit auf der größten Bühne des Basketballs.

Noch zehn Sekunden vor Schluss hatten die San Antonio Spurs alles in der eigenen Hand. Nach gutem Contest gegen Brunsons Versuch aus der Mitteldistanz schnappte sich Victor Wembanyama auch gleich den Rebound. Doch anstatt den Ball selbst nach vorn zu bringen, suchte er den Pass zum vorauseilenden Stephon Castle. Das Problem: Der Aufbauspieler hatte den Blick längst zum gegnerischen Korb gerichtet. Das Spielgerät prallte folglich an dessen Rücken ab. Knicks-Guard Brunson schaltete am schnellsten, zog ein Foul und gewann das Spiel an der Freiwurflinie.
Letztlich war es die eine Szene, die von der Niederlage der Spurs in Spiel 2 am meisten im Kopf hängen bleiben wird. Gleichzeitig war Wembys Aussetzer aber nur einer der insgesamt 16 Ballverluste San Antonios. Alle drei Schlüsselspieler (Wembanyama, Fox und Castle) zeichnen sich für je vier davon verantwortlich.
Dass es den Spurs an Erfahrung mangelt, ist weithin bekannt. Der bis dato überragende Playoff-Run mitsamt all seiner Euphorie kaschierte diesen Umstand allerdings zuweilen. Zu groß war die Begeisterung über den in der Tat wundersamen Aufstieg einer Mannschaft, die noch in der Vorsaison das drittschlechteste im Westen war.
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Gegen die Knicks, die sich hinsichtlich des aktuell sportlichen Niveaus womöglich auf Augenhöhe mit den Spurs bewegen, gleichzeitig aber einen größeren Rucksack an Erfahrung tragen, wird dieser Umstand besonders deutlich. "Es ist für mich immer noch sehr verschwommen. Das ist das große Problem", gestand Wembanyama nach der Niederlage in Spiel 2 ein. "Ich brauche mehr Gelassenheit und mehr Kontrolle über das Spiel."
Der Franzose stand nach seinem Aussetzer zum Spielende natürlich im Fokus der Berichterstattung. Dabei hätte der durchaus geringe Kontakt gegen Brunson nicht zwingend die spielentscheidenden Freiwürfe nach sich ziehen müssen. Noch vor Brunsons vergebenem Halbdistanzwurf gab Castle unnötig das letzte zur Verfügung stehende Foul ab. Hätte man davon nicht Gebrauch gemacht, wäre Wembys Kontakt lediglich mit einem Einwurf von der Seite geahndet worden. Hier aber einzig Zweitjahresprofi Castle die Schuld zu übertragen, greift wahrscheinlich zu kurz. Auch Cheftrainer Mitch Johnson steht schließlich zum ersten Mal in seiner NBA-Trainerkarriere in den Finals (und sogar in den Playoffs).

Und das zeigte sich: Die Spurs machten erneut Fehler in Momenten, wo sie eigentlich Oberwasser hatten. Mal war es ein unkontrollierter Drive von Stephon Castle oder ein zu durchsichtiger Pass von De'Aaron Fox. Wembys Missgeschick war da nur die Kirsche auf der Torte. Das ist in dieser Serie bisher der Unterschied. New York spielt seinen Stiefel gnadenlos herunter, hat in Brunson einen erfahrenen Closer und erprobte Rollenspieler, die seit vielen Jahren Playoff-Erfahrung gesammelt haben. Diese Abgezocktheit geht geht den Spurs komplett ab - und ist auch nicht überraschend.
Es hat seine Gründe, warum vor den Playoffs nicht wenige an den Spurs zweifelten. Kein Team wird mal eben Meister, zumeist braucht es Lehrstunden und bittere Erfahrungen, bevor man den Gipfel erklimmen kann. All das mussten die letzten Champions auch erleben. Die Denver Nuggets brauchte Jahre, die Boston Celtics schafften es auch erst im x-ten Anlauf. Selbst die OKC Thunder bekamen von den Dallas Mavericks eine Lektion. Ähnlich sieht es für die Knicks aus, die gleich zweimal als Favorit an den Indiana Pacers scheiterten.
Noch ist die Serie nicht durch und San Antonio ist zuzutrauen, auch in New York einen Sieg mitzunehmen, doch vieles deutet darauf hin, dass es in diesem Jahr noch nicht so weit sein soll.
Julius Ostendorf