vor 7 Stunden
"Sehr frustrierend"
Umbrüche sind in der BBL keine Besonderheit. Die Tragweite der Chemnitzer Neuausrichtung in diesem Sommer stellte dann aber doch ein kleines Novum dar. Nach einem vermasselten Saisonstart, inklusive Derby-Niederlage in Jena, stellt sich aber die Frage: Ist die Neujustierung fehlgeschlagen?

Dass ein Bundesligist gut und gerne mal seinen halben Kader von einer zur nächsten Saison austauscht, ist nicht völlig untypisch. Allein in diesem Jahr kann man hier eine Handvoll Bundesligisten nennen. Aus dieser Gruppe sticht mit den Niners Chemnitz ein Team allerdings heraus. Nicht nur die internationalen Spieler wurden ersetzt, auch die gesamte deutsche Rotation musste gehen.
Schon vor dem Ende der vergangenen Saison pfiffen die Spatzen in Chemnitz von den Dächern. Nach einem enttäuschenden Platz zwölf und dem damit verbundenen Verpassen der Postseason sollte der Kader grundlegend renoviert werden. Besonders im Fokus: die deutschen Akteure. Anstelle kostspieliger Lokalmatadore sollte das Augenmerk zukünftig auf den internationalen Spielern liegen.
Zugänge: Mateo Seric (Heidelberg), Yohan Choupas (Chalon), Alex Richardson (NCAA/Loyola University), Ben Burnham (Artland Dragons), Stefan Smith (Ludwigsburg), Darion Atkins (Ironi Ramat Gan), Jannis von Seckendorff (Bremerhaven), Nighael Ceaser (Cluj-Napoca), Phlandrous Fleming Jr. (Sluc Nancy), Urald King (Trier), Elias Rödl (NCAA/Brandeis)
Abgänge: Corey Davis (Roma), Roman Bedime (Frankfurt), Amadou Sow, Kevin Yebo (beide Erokspor), Yordan Minchev (Manresa), Eric Washington Jr., Jordan Schakel, Julian Steinfeld, Robbie Beran (Rapid Bukarest), Kostja Mushidi (MBC), Christopher Wahren (Braunschweig)
Geschäftsführer Steffen Herhold sprach später davon, dass man "Legacy-Themen" hinter sich lassen wolle. Heißt: Nicht nur Europe-Cup-Held Kevin Yebo wurde - nun wohl endgültig - verabschiedet, auch Kostja Mushidi, der ursprünglich noch bis 2027 gebunden war, musste gehen. Stattdessen verpflichtete Chemnitz mit Cobe Williams (Bamberg), Stefan Smith (Ludwigsburg) und Ben Burnham (Quakenbrück) drei Internationale, die in der Vorsaison in Deutschland für Furore gesorgt haben. Die verpflichtenden deutschen Kaderplätze wurden primär mit Youngstern sowie Ex-Heidelberger Mateo Seric aufgefüllt.
Aus der Euphorie des Umbruchs ist wenige Wochen nach Saisonstart nicht mehr viel übrig geblieben. Seric sprach nach der gestrigen Derby-Niederlage gegen Jena gar von einem "sehr frustrierenden" Ausgang eines "irre wichtigen Spiels". Es gebe "einige Stellschrauben, an denen wir arbeiten müssen", stellte der Big Man am Dyn-Mikrofon klar. Dass Königstransfer Williams wegen einer Kampfsporteinlage im Spiel gegen Hagen nun für drei Spiele gesperrt wurde, verschärft die aktuellen Sorgen noch zusätzlich.
Klar ist: Das temporeiche Spiel, das Trainer Rodrigo Pastore von seinen Spielern typischerweise einfordert, ist bislang noch nicht richtig durchgedrungen. Zuweilen leisten sich die Sachsen ein Turnover-Fest nach dem anderen: Im Schnitt bislang knapp 18 Ballverluste pro Spiel - nur Braunschweig und Vechta verbuchten bislang noch mehr!
Wirklich problematisch scheint allerdings die kaum funktionale deutsche Rotation. Seric gilt zwar als klassischer Bessermacher, wenn auf dem Feld, ansonsten haben die vielen Perspektivspieler derzeit aber kaum Einfluss auf das Spiel. So bleibt Pastore de facto eine Acht-Mann-Rotation übrig - offensichtlich zu wenig in einem mit Eurocup-Expansion vollgepackten Terminkalender.

"Am Ende hat es uns am Fokus gefehlt", erklärte Seric nach dem verlorenen Derby in Thüringen. Zu oft hätte sein Team unkonzentriert der Flugkurve des Balls nachgeschaut, anstatt in eine günstige Reboundposition zu kommen. "Dann fliegt der Ball immer dahin, wo man nicht ausgeboxt hat."
Serics Theorie ist statistisch durchaus zulässig: Rebounds, zweite Chancen - die klassischen Hustle-Kategorien gingen an die Thüringer. Die beiden Overtime-BBL-Spiele gegen Hamburg und Hagen, das Eurocup-Duell in Bursa unter der Woche - die Strapazen der vergangenen Wochen haben offensichtlich ihre Spuren hinterlassen.
Die nächste Hiobsbotschaft: Entspannter wird das Programm erstmals nicht. Schon am Mittwoch kommt der litauische Topklub Neptunas Klaipeda nach Ostsachsen. Am Wochenende sind die bisher ungeschlagenen Bayern zu Gast. Für Seric ist klar: "Wir müssen das Spiel [in Jena, Anm. d. Red.] so schnell wie möglich abhaken, analysieren und besser werden. Wir müssen positiv bleiben und vor allem auf einen Nenner kommen."
Julius Ostendorf