vor 8 Stunden
Berliner Entscheidung ist aufgegangen
ALBA Berlin ist zum zwölften Mal Deutscher Meister. Trotz jahre-, wenn nicht jahrzehntelanger Bundesliga-Dominanz war das in dieser Saison längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Grund dafür ist nicht nur die Stärke der Bayern, sondern auch die Neuausrichtung des Vereins.

Das fünfte Finalspiel zwischen ALBA Berlin und den Bayern war in gewisser Weise exemplarisch für das gegenwärtige Machtgefälle in der Basketball-Bundesliga. Der FC Bayern hatte sich hier in den ersten 20 Spielminuten durch 20 Punkte Vorsprung in eine gleichermaßen komfortable Situation gebracht, die man dem Verein in der BBL auch strukturell zugestehen kann.
Spätestens die Veröffentlichung der Finanzen legte schonungslos offen, wie weit die Münchner der BBL-Konkurrenz enteilt sind: Im Vergleich zu Finalgegner Berlin stand dem siebenmaligen Bundesliga-Meister in der nun abgelaufenen Saison allein für den Kader knapp das Vierfache zu. Dass Alba den Austritt aus der EuroLeague wagte, hatte daran freilich auch einen Anteil (wenngleich keinen großen).
Die kontroverse Neuausrichtung des Vereins war ein Paukenschlag für die deutsche und europäische Basketballlandschaft und hatte auch für die Berliner selbst einschneidende Konsequenzen. Leistungsträger wie Matt Thomas, David McCormack, Matteo Spagnolo oder Will McDowell-White konnten nicht gehalten werden.
Nicht verloren ging dem Verein allerdings seine Identität. Alba Berlin steht für Team-First-Basketball. Für einen deutschen Kern, der der eigenen Schule entspringt und das Miteinander priorisiert.

Und diese Mentalität rundete zugleich das Sinnbild in Spiel 5 ab. Trotz deutlich zweistelligem Rückstand kämpfte sich die Calles-Truppe zurück ins Spiel und überkam damit auch die strukturelle Underdog-Rolle. Im Zentrum dieser Aufholjagd: die Berliner Eigengewächse Jonas Mattisseck und Malte Delow.
"Ich habe jetzt schon ein paar Interviews geführt und habe immer noch keine Worte dafür", sagt Letzterer nach dem gelungenen Comeback zu basketball-world.news. "Es war eine unglaubliche Reise. Es hat mit allen Beteiligten so viel Spaß gemacht - sowohl mit Spielern und Trainern als auch dem ganzen Staff und Klub."
Der Ausgang der Finalserie stellt den besonderen Höhepunkt einer besonderen Saison dar - zumal es in den Play-offs bereits das dritte Entscheidungsspiel für die Mannschaft aus der Hauptstadt war. Nach den gewonnenen Heimspielen gegen Vechta und Bamberg widerlegte das Team somit nun auch gegen den großen Favoriten die Kritik, dass die Mannschaft zu unerfahren für die ganz große Bühne sei.
"Ich hatte schon andere Erlebnisse", blickt Delow zurück", wo ich das Gefühl hatte, dass einige Leute nicht mehr bei der Sache sind. Das hatte ich dieses Jahr gar nicht. Zu keinem Zeitpunkt hat irgendjemand gezweifelt. Das ist nicht selbstverständlich."

Für den Verein ist der Erfolg die Bestätigung des eingeschlagenen Weges, dass Erfolg nicht mit der Brechstange gelingen muss. Wie Geschäftsführer Marco Baldi nach dem Titelgewinn erklärt, habe der Klub nach der Neuausrichtung "viel Gegenwind" aus den eigenen Reihen erfahren. "Es war sehr schwer, unseren Fans zu erklären, dass wir nicht mehr an der EuroLeague teilnehmen, sondern an der Champions League. Es fiel mir auch persönlich sehr schwer. Aber es hatte eine Logik."
Zwar zählte zu dieser sicherlich nicht nur finanzielle Aspekte, sondern auch rein taktische, um sich für die kommende NBA-Liga in Stellung zu bringen. Dennoch dürfte man in der Hauptstadt einen Hauch von Genugtuung spüren, wenngleich Baldi einen großen Bogen um dieses Wort machte: "Kein Mensch redet von Genugtuung oder Revanche. Für uns ist es wichtig, dass wir Dinge bauen."
Der Schritt entgegen dem Mainstream erforderte großen Mut. Ein Jahr später könnte die Bestätigung aber kaum größer sein. Berlin gewinnt damit bereits die zwölfte Meisterschaft seiner Vereinshistorie. Und doch entfällt sie diesmal den früheren Mustern. Oder wie es Baldi treffend formuliert: "Es ist keine überraschende Meisterschaft. Aber die unerwartetste."
Julius Ostendorf