vor 2 Stunden
Celtics-Offseason in der Analyse
Erstmals seit zehn Jahren steht Jaylen Brown nicht mehr im Kader der Boston Celtics. Die Kelten haben nach dem Überraschungstrade erneut etwas abgespeckt und dennoch ist mit ihnen vor allem in der Regular Season wieder in der Spitzengruppe der Eastern Conference zu rechnen. Die Offseason im Überblick.

Dass es Änderungen geben würde, war abzusehen. Als Nr.2-Seed kassierten die Celtics in der ersten Runde eine überraschende 3-4-Serienniederlage gegen die Philadelphia 76ers und mussten in der Folge viel Kritik einstecken. Jayson Tatum hatte sich zwar von seinem Achillessehnenriss in Rekordzeit erholt, doch in den Playoffs verpasste der Superstar das entscheidende Spiel 7 verletzt.
In der Folge nahm die Kritik an Jaylen Brown zu, der darüber hinaus vermerken ließ, dass er sich wertgeschätzt fühlte. Dazu passte, dass Boston angeblich Giannis Antetokounmpo aus Milwaukee loseisen wollte und dafür den Forward ziehen lassen wollte. Als der Deal platzte, blieb ein unzufriedener Brown zurück und schnell wurde klar, dass diese Beziehung nicht zu retten sein würde.
Anfang Juli platzte dann die Bombe, Brown wurde getradet - ausgerechnet zum Divisionsrivalen nach Philly, die Boston überhaupt erst in diese Lage gebracht hatte. Der Gegenwert fiel mager aus, zwei Erstrundenpicks sowie der ehemalige All-Star Paul George (und dessen sehr heftiger Vertrag) kamen nach Beantown.
Das alles geschah mit Beginn der Free Agency, wodurch die anderen Deals fast ein wenig unter dem Radar flogen. Mit Mitchell Robinson holte Boston den dringend benötigten Center, dazu wurde der Portugiese Neemias Queta zu stabilen Konditionen gehalten, womit Boston eine solide Center-Rotation vorweisen kann.
Ergänzt wird der Kader von Oldie Mike Conley, der aber eher den jungen Spielern helfen und sich für den Notfall bereithalten soll. Rookie Chris Cenac Jr. dürfte ebenfalls kaum spielen.

Zugänge: Paul George (Sixers), Mitchell Robinson (Knicks), Mike Conley (Timberwolves)
Abgänge: Jaylen Brown (Sixers), Nikola Vucevic (Magic), Max Shulga (Real Madrid), Dalano Banton
Draft: Chris Cenac Jr. (#27)
Extension: Ron Harper Jr. (4 Jahre, 13,7 Mio. Dollar), Neemias Queta (4 Jahre, 56 Mio.), Jordan Walsh (3 Jahre, 15 Mio.)
| PG | SG | SF | PF | C |
|---|---|---|---|---|
| D. White | B. Scheierman | P. George | J. Tatum | M. Robinson |
| P. Pritchard | S. Hauser | H. Gonzalez | J. Walsh | N. Queta |
| M. Conley | R. Harper Jr. | C. Cenac Jr. | L. Garza |
Die Celtics üben gerade einen Spagat. Einerseits wollen die Celtics weiterhin kompetitiv bleiben, andererseits muss der überteuerte Kader etwas eingedampft werden. Präsident Brad Stevens könnte beide Ziele erreicht haben, nach Jahren befindet sich das Team nicht mehr in der Luxussteuer und setzt damit die Uhr auf Null, um in späteren Jahren wieder investieren zu können.
Durch den Trade von Brown ist Tatum nun unumstritten das Gesicht der Mannschaft, der Forward hatte den kompletten Sommer Zeit, um sich endgültig wieder in Form zu bringen. Dazu hofft man, dass Derrick White in dieser Saison wieder besser trifft. Auch ohne Brown bleibt schließlich das Konzept unter Coach Joe Mazzulla das Gleiche. Die Celtics haben viele gute Schützen im Kader und beschäftigen auf der Fünf klassische Beschützer des Rings, die dazu zu den besten Offensiv-Reboundern der NBA zählen. Kurzum: Boston will wieder das Possession-Spiel dominieren und mit vielen Dreiern die Mathematik auf seiner Seite haben.
Das klappte auch schon im Vorjahr exzellent, als viele einen Absturz nach den Abgängen von Jrue Holiday und Kristaps Porzingis erwartet hatten. Gerade einmal fünf Siege weniger waren es in der Regular Season (56), nur in den Playoffs traten die Defizite deutlicher hervor.

In den Playoffs wurde deutlich, dass Boston ein Plan B fehlte, der Ausfall von Tatum in Spiel 7 wog umso schwerer. Das war nur bedingt Browns Stärke, dennoch konnte er kreieren, was nun in Teilen wegfällt. George kann das auch, hatte in seiner Karriere aber hier ähnliche Schwächen und ist mit 36 Jahren eher ein guter 3-and-D-Rollenspieler. Umso wird wieder auf Tatum lasten, wenn auch White seinen kleinen Abwärtstrend nicht stoppen kann.
Insgesamt ist der Kader wieder eher top-heavy und dahinter mit Rollenspielern besetzt, denen etwas die Erfahrung abgeht. Beim Spanier Hugo Gonzalez erhofft man sich einen Sprung, gleiches gilt für Baylor Scheierman oder Jordan Walsh. Es sind Spieler, die im Teamkonstrukt funktionieren können, aber immer dominante Spieler um sie herum benötigen. Dazu fehlt im Kader ein Fünfer mit Wurf sowie ein klassischer Spielmacher, der eine Partie mal lenken und einfache Würfe für seine Mitspieler kreieren kann. Conley (fast 39) dürfte hier schon zu weit über seinen Zenit hinaus sein.
Auf dem Papier ist diese Celtics-Mannschaft schwächer als im Vorjahr, aber auch besser, als sie zu Beginn der vergangenen Spielzeit ohne Tatum war. Gleichzeitig wurde in der Eastern Conference deutlich aufgerüstet, diverse Teams (Philadelphia, Toronto, Miami oder Indiana) streben wieder nach oben.
Was für die Celtics spricht, ist ihr funktionierendes System, welches Coach Mazzulla der Mannschaft über Jahre eingetrichtert hat. In der Regular Season ist das echter Trumpf, weswegen es nicht verwundern sollte, wenn Boston erneut mehr als 50 Siege einfahren sollte.
Allerdings: Die Playoffs sind noch einmal ein anderer Wettbewerb und hier lassen sich Qualitätsunterschiede nicht so leicht kaschieren. Wird nichts großartig verändert, wird Boston erneut ein Playoff-Team sein, welches aber vermutlich nicht über die zweite Runde hinauskommen wird.
Robert Arndt