03.05.2026
Magic vor Spiel 7
Der beispiellose Einbruch in Spiel 6 traf die Orlando Magic bis ins Mark. Zeit für Traueraufarbeitung bleibt allerdings keine. Nur rund 40 Stunden später steht bereits das Serienentscheidende siebte Spiel auf dem Programm. Doch wie schafft man es, eine solche Enttäuschung so schnell abzuschütteln?

"In der NBA verändert sich das Narrativ permanent. In einer Woche sieht das schon wieder ganz anders aus." Diese Worte von Magic-Coach Jamahl Mosley sind eigentlich schon zwei Wochen alt. Der 47-Jährige bemühte diese Erklärung des schnelllebigen Basketballgeschäfts nach der bitteren Niederlage gegen die Boston Celtics zum Abschluss der regulären Saison. Heute könnte die Aussage kaum relevanter sein.
Die frühe 3-1-Führung gegen den Tabellenersten der Eastern Conference drehte die Stimmung in Florida um 180 Grad. Die Verletzung von Franz Wagner sowie der Serienausgleich Detroits später - und plötzlich richtet sich das Narrativ, also die aktuelle Erzählung, wieder gegen Orlando.
Dabei hatte die jüngste Leistung der Magic zu dieser Katerstimmung auch ordentlich beigetragen. In Spiel 6 verzeichnete der Tabellenachte der Abschlusstabelle einen der größten Einbrüche der Playoff-Geschichte. 24 Punkte Vorsprung verspielte das Team in nur einer Halbzeit. Lediglich 19 Zähler erzielte Orlando selbst in einer Halbzeit, die als offensiv schlechteste der Postseason in die Historie eingegangen ist.
"Sie haben einfach mit mehr Verzweiflung als wir gespielt, mit mehr Härte", versuchte Desmond Bane den Kollaps zu erklären. "Ob offensive Rebounds oder Aggressivität, um Steals zu bekommen - das hat uns richtig aus dem Rhythmus gebracht." Coach Mosley pflichtete seinem Schützling bei: "Wir hatten am Anfang [der zweiten Hälfte, Anm.] ein paar offene Würfe, die nicht gefallen sind. Dann waren wir auch am Ring glücklos und die Pfiffe sind ausgeblieben. Das hat die Lawine ins Rollen gebracht."
Pfiffe gab es am Ende doch noch. Allerdings nicht wie gewünscht von den Unparteiischen, sondern von den eigenen Anhängern, die bereits vor Spielende zahlreich aus dem Kia Center in Downtown-Orlando strömten. Es war der ultimative Nackenschlag für die Magic, die zuvor eine so überragende erste Halbzeit gespielt hatten.
Das Team spielte mit hohem Tempo und viel Bewegung des Balls. Insgesamt 16 Vorlagen sammelte Orlando allein in den ersten beiden Vierteln ein. Obwohl Starspieler Paolo Banchero einen (für seine Verhältnisse) unauffälligen Abend erwischte, lief der Offensivmotor wie geschmiert. "Wir haben schnell gespielt, den Ball laufen lassen und viele verschiedene Spieler integriert", so Bane. "In der zweiten Hälfte haben wir das Spiel irgendwie verlangsamt und uns zu stark darauf konzentriert, Mismatches zu suchen."

Was folgte war eine historische Durststrecke. 23 Feldwürfe am Stück gingen daneben - trauriger Höchstwert in der NBA-Playoff-Geschichte. Vor allem die Stars Bane und Banchero tauchten in dieser Phase lange ab. Während sich ersterer im gesamten Schlussviertel lediglich einen Wurf nahm, war zweiterer mit der unrühmlichen Aufgabe betraut, Offensive zu kreieren, wo eigentlich keine ist.
"Wir müssen einfach in der Lage sein, einen Korb reinzuschmeißen - ob ich es bin oder Dez [Desmond Bane, Anm.]", so Banchero später selbstkritisch. "Wir müssen einen Weg finden, uns einen guten Wurf herauszuspielen."
Den Kopf nun in den Sand zu stecken, sei freilich nicht angebracht. Zwei Faktoren sprechen schließlich immer noch für die Magic vor dem alles entscheidenden siebten Spiel: "Wir haben immer noch viel Glauben in uns. Einerseits haben wir schon ein Spiel in ihrer Arena gewonnen", so Guard Anthony Black über den Serienauftakt, den die Magic seinerzeit überraschend gewonnen hatten. "Andererseits haben wir heute mit 24 Punkte geführt. Wir müssen es schaffen, diese erste Hälfte auswärts zu wiederholen."
Dieses verflixte sechste Spiel müsse man ganz einfach "herunterspülen." Schließlich, so ruft es Black in Erinnerung, "hätten wir alle diese Ausgangslage zu Saisonbeginn akzeptiert". Und noch etwas dürfte Motivation auslösen: der letzte Seriensieg der Magic liegt inzwischen 16 Jahre zurück. Wer würde schließlich nicht gerne seinen Namen neben denen von NBA-Legenden wie Dwight Howard und Vince Carter sehen?
Aus Orlando berichtet Julius Ostendorf