vor 22 Stunden
Neues Starensemble in Philly
Der Methusalem der Liga hat in der NBA längst seinen Legenden-Status zementiert. Und doch will LeBron James (41) noch mal neu angreifen - bei den Philadelphia 76ers.

Er kann es nicht lassen. Zum vielleicht letzten Mal vor seinem Karriereende drehte sich mehrere Wochen im NBA-Kosmos fast alles um LeBron James. Richtig, jener James, der im Dezember seinen 42. Geburtstag feiern wird, dessen Sohn (!) bereits in seine dritte NBA-Saison geht und der seit nunmehr 2003 in der Liga spielt. Doch während Fußballer wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi in Operetten-Ligen noch einen Reibach machen und dafür die sportliche Relevanz im Vereinsfußball quasi aufgegeben haben, misst sich James Abend für Abend mit den besten Basketballern der Welt.
Er muss das nicht tun. Vier MVP-Trophäen stehen in seinem Schrank, viermal wurde er mit drei unterschiedlichen Teams NBA-Champion (Miami, Cleveland, L.A. Lakers). Seit über drei Jahren darf er sich Rekordpunktesammler der Association nennen. 1.924 Spiele, über 51.000 Punkte, rund 14.000 Assists, fast 15.000 Rebounds - und es werden in den kommenden Jahren weitere hinzukommen.
Was treibt diesen Mann an, der seinen Platz in der Hall of Fame seit über einer Dekade sicher hat? Der alles gewonnen hat? Der Familie mit Frau und drei Kindern hat? "Ich liebe einfach das Spiel und ich habe dem Basketball noch immer etwas zu geben", erklärte LeBron nach seiner Entscheidung im Sommer, die das endgültig letzte Kapitel seiner Karriere eröffnete.
Die Philadelphia 76ers machten am 24. Juli das Rennen, also fast vier Wochen, nachdem James seinen Abschied von den Los Angeles Lakers nach acht Jahren verkündet hatte. Inwieweit dies aus freien Stücken geschah, ist unklar. Mit Luka Doncic (27) haben die Lakers den Kronprinzen seit einiger Zeit im Kader. Es kursierten Gerüchte, die Lakers wollten James gar kein Angebot unterbreiten, um in eine neue Ära zu starten.
Letztlich war es aber wieder James, der das Narrativ formte und selbst 'Auf Wiedersehen' sagte. Richtung Philadelphia, womit nur die Wenigsten gerechnet hatten. Die Sixers verfügten eigentlich gar nicht über die finanziellen Mittel, um sich LeBron zu angeln. Doch nachdem er bei den Lakers noch über 50 Millionen Dollar für eine Saison - das Maximum - einstrich, begnügt er sich in Philadelphia mit knapp vier Millionen - dem Minimum. Kurios: Somit verdient der deutsche Rookie Hannes Steinbach (5,2 Mio.) kommende Saison mehr als die Ikone.
Zumindest in der Theorie. Denn dass James auf Geld verzichtet, hat es seit seinen Miami-Jahren (2010-2014) nicht mehr gegeben. Seine Werbedeals sind ohnehin schwer genug, um nicht am Hungertuch zu nagen. Kürzlich kam ein weiterer mit einem Wettanbieter hinzu, der ihm 15 Millionen jährlich in die Kassen spült.
Und nicht nur das: James wird nicht in Philadelphia leben, sondern aus New York City per Helikopter zu den Trainingseinheiten und Spielen anreisen. Praktisch, dass der Superstar das Fortbewegungsmittel eines Werbepartners kostenfrei nutzen kann, dessen Chef ein ehemaliger Mitbesitzer der Philadelphia 76ers ist. Man merkt: Rund um LeBron ist viel Politik im Spiel und auch die Basketball-freie Zeit kann James locker mit Schlagzeilen füllen. Erst kürzlich verriet er, dass er eigentlich lieber zu den New York Knicks gewechselt wäre. Doch nachdem diese den Titel gewonnen hatten, sah LeBron davon ab. Für ihn hätte es nur Häme und nicht viel zu gewinnen gegeben.
Stattdessen ist James mit Philadelphia nun Herausforderer in der wiedererstarkten Eastern Conference. New York ist Platzhirsch, dahinter balgen die Sixers, die Cleveland Cavaliers, die Miami Heat (nun mit Giannis Antetokounmpo), die Detroit Pistons (Platz 1 im Vorjahr) oder auch die Orlando Magic mit Franz Wagner um die Plätze. Auch mit den Boston Celtics sollte man immer rechnen, wenn auch etwas geschwächt nach dem Brown-Trade.
Am Ende wird nur einer in die Finals kommen und um den Titel spielen. Philadelphia zählt zu den heißesten Anwärtern - nicht nur wegen James. Die All-Stars Tyrese Maxey und Joel Embiid waren schon da, dazu eisten die Sixers in einem überraschenden Manöver den früheren Finals-MVP Jaylen Brown vom Divisionsrivalen aus Boston los. Laut James war das einer der Gründe, nach Philly zu wechseln.
"Ich habe meine Familie nicht verlassen, um in der zweiten Runde zu verlieren", stellte der Forward schon bei seiner Vorstellung klar. Das Erwähnen der zweiten Runde war sicherlich kein Zufall. 25 Jahre ist es nämlich her, dass Philadelphia mal über die Conference Semifinals hinaus kam. Allen Iverson war damals das Aushängeschild, danach versuchte es unter anderem Embiid mit diversen Stars an seiner Seite vergeblich.
Die Sixers waren in diesen Jahren vor allem für Pleiten, Pech und Pannen bekannt. Embiid war eigentlich nie fit, immer kam etwas zwischen die Sixers und den angepeilten Erfolg. Mal war es ein Nasenbruch, mal verweigerte der damalige Co-Star Ben Simmons in einer kritischen Phase den Wurf, mal verloren die Sixers ein Spiel 7 in letzter Sekunde, weil ein Wurf mehrmals auf dem Ring tänzelte und dann doch irgendwie reinfiel. Im Vorjahr erwischte es Embiid dann mit einer Blinddarmentzündung, wodurch ihm die Fitness in den Playoffs fehlte.
Kurzum: In Philly gab es zuletzt kein Unglück, was es noch nicht gab. Man kann meinen, dass ein Fluch über dieser Franchise hängt. Womöglich ist es auch das, was James antreibt. Holt er die erste Meisterschaft seit 43 Jahren in die Stadt der brüderlichen Liebe, würde dies seinen Legendenstatus noch einmal untermauern. Der Unterschied zu früher ist nur, dass er nicht mehr das unumstrittene Alphatier ist.
Davon gibt es in der Arbeiterstadt einige. Da ist Embiid, früherer MVP, Spitzname "The Process" und langjähriges Gesicht des Teams. Dazu kommt Brown, der trotz Finals-MVP-Award bei den Celtics immer etwas im Schatten von Jayson Tatum stand und sich nicht mehr ausreichend respektiert gefühlt hatte. Eine Frage nach dem Alphatier der Sixers ließ er bei einer Pressekonferenz unbeantwortet. Hinzu kommt mit Maxey ein All-Star-Guard, der ebenfalls gerne den Ball hat, ihm könnte aber die gute Beziehung zu James helfen.
Überhaupt ist James weniger zum Scoren da. Youngster VJ Edgecombe witzelte nach dem ersten Vorbereitungsspiel gegen Brooklyn - James nahm nur einen Wurf -, dass LeBron ja schon den Punkterekord in der NBA hält, da müsse dieser nicht der Haupt-Scorer sein. James wird sich anpassen, mehr Taktgeber und Schweizer Taschenmesser sein, wie es auch in seinem letzten Jahr bei den Lakers neben Doncic der Fall war. Oder auch bei Olympia für Team USA an der Seite von Stephen Curry und Kevin Durant.
Teil dieser US-Mannschaft war übrigens auch Embiid, ein gewisses Grundverständnis sollte also da sein. Es dürfte trotzdem dauern, bis sich das neue Ensemble eingespielt hat. Verletzungssorgen schwingen bei Embiid immer mit, gleiches gilt seit ein paar Jahren auch für James, dessen unkaputtbarer Körper nun auch Verschleißerscheinungen zeigt. Arthritis im linken Knie soll der bald 42-Jährige haben, das soll nach 23 Jahren Profisport schon einmal vorkommen.
Und doch hat James einen Vertrag mit Option auf eine weitere Saison unterschrieben, um ein letztes Mal anzugreifen. Er braucht das nicht und doch zählt er auch im hohen Alter noch zu den 15 bis 20 besten Spielern der NBA. Warum also nicht noch einmal alles in die Waagschale werfen und unter komplett neuen Voraussetzungen einen fünften Meisterschaftsring jagen?
Robert Arndt