22.05.2025
Die nicht so geheime Geheimwaffe der Thunder
Mit einer der besten defensiven Performances der jüngeren Vergangenheit bremste Alex Caruso in Spiel 7 der zweiten Runde nicht nur Nikola Jokic aus. Zudem führte er die Oklahoma City Thunder erstmals seit Kevin Durant in die Conference Finals. Was Carusos defensiven Einfluss so groß und seine Defense so besonders macht…

Irgendwann erwischt es jeden. Jaren Jackson Jr. musste sich im Post den Ball klauen lassen. Jamal Murray fand keinerlei Raum, um irgendwie den Ball loszuwerden - und als Anthony Edwards in Spiel 1 der Western Conference Finals versuchte, sich irgendwie Platz für einen soliden Wurf oder den Zug zum Korb zu verschaffen, funktionierte wenig. Nicht einmal ein Screen half. Am Ende klatschte der Stepback-Dreier mit Hand im Gesicht auf den Ring.
Nur ein paar Beispiele an Offensivideen, die Alex Caruso in allerjüngster Vergangenheit brachial zerstörte. Die Liste ließe sich willkürlich verlängern. Caruso lenkt das Spiel defensiv, dirigiert Mitspieler, erkennt Plays lange bevor sie entstehen, manipuliert Offenses, stellt Passwege zu, um Millisekunden später seinem direkten Gegenspieler den Ball zu klauen. Anders formuliert: Alex Caruso ist einer der besten Verteidiger der vergangenen Jahre. 2023 schaffte er es ins All-Defensive First-, 2024 ins Second Team.
Umso ungerechter erschien daher der Deal, der den ehemaligen Laker im Tausch für Josh Giddey nach Oklahoma City brachte. Ausgerechnet das Team, das Offenses bereits vergangene Saison besser ersticken konnte als die meisten anderen, bekam nun den ultimativen Sauerstoff-Räuber. Mit Caruso, so die Annahme, würde die Defense der Thunder noch ein wenig variabler, unangenehmer, fieser.
Überstürzen wollte OKC dennoch nichts. Coach Mark Daigneault load-managte Caruso so zielgerichtet durch die Saison, dass selbst die 2019er Raptors noch neue Ideen für Kawhi Leonard hätten sammeln können. Caruso spielte, nur nicht immer, nur nicht allzu viel. Seinen Peak sollte er in den Playoffs erreichen - denn auf höchstem Level spielen kann Caruso nur mit Energie. Sie treibt ihn an, lässt ihn niemals stillstehen, größere Spieler pausenlos bearbeiten, rund um die eigene Zone gleiten, alles im Blick behalten und Lücken schließen, die gerade erst entstehen. Erlaubt es sein Körper, gibt Caruso den Funken, der OKCs Defense entzündet und ein offensives Lauffeuer entfacht.
Dabei startet der Champion von 2020 nicht einmal. Mal früher, mal erst gegen Ende des ersten Viertels kommt er von der Bank. Sein Einfluss brennt sich dennoch relativ schnell ins Bewusstsein. Carusos Defense kann ein Spiel verändern, neue Dynamiken schaffen. Interessant ist das deshalb, weil OKCs erste Fünf defensiv bereits elitär bestückt sit. Lu Dort gilt als einer der besten Point-of-Attack-Defender der Liga. Shai Gilgeous-Alexander klaut permanent Bälle. Jalen Williams verteidigt jede Position effizient, nutzt seine langen Gliedmaßen um sowohl am Ball als auch in Passwegen Druck zu erzeugen. Chet Holmgren beschützt den Ring effizient. Isiah Hartenstein bringt Physis.
Es ließe sich argumentieren, die Thunder bräuchten Caruso nicht zwingend. Zumal von der Bank auch Cason Wallace, Jaylin Williams und Aaron Wiggins gegnerische Offenses terrorisieren. Gleichzeitig verändert sich OKCs Defense, sobald Caruso das Feld betritt: eine Art defensiver Nikola Jokic; einer, der permanent alles im Blick hat, Entscheidungen in Bruchteilen einer Sekunde anpassen, Mitspieler währenddessen in die richtige, Gegner in die falsche Richtung locken kann. Als Manipulateur, der so viel entschlüsselt, dass er selbst kaum zu entschlüsseln ist.
Zudem sei er einer, "der mit dem Moment wächst", sagte Gilgeous-Alexander, frisch gewählter MVP der Saison 2024/25, kürzlich. "Er ist ein Spieler, der den Moment versteht, der kontrolliert, was er kontrollieren kann - und das auf einem sehr hohen Level. Niemand, mit dem ich bislang zusammengespielt habe, tut das auf einem höheren Level. Er findet immer wieder neu heraus, wie er das Spiel verändern und das Team besser machen kann. Egal, ob es ein Dienstag im Februar in New Orleans oder ein Spiel 7 wie heute ist. So einen Spieler in deinem Team zu haben, ist etwas Besonderes."
SGA war sichtlich beeindruckt von dem, was er gerade gesehen hatte. Angesprochenem Spiel 7 servierte uns das erste direkte Duell zwischen dem besten Offensiv- und einem der besten Defensivemanipulateure der Liga. Während der gesamten Serie hatten sich ihre Wege immer wieder gekreuzt, nun verschmolzen sie. Statt seine Bigs auf Jokic anzusetzen, überließ Coach Mark Daigneault dem rund 15cm kleineren und gut 40 Kilo leichteren Caruso die Aufgabe.
Ab Spiel 5 hatte nicht mehr so recht funktioniert, womit die Thunder Jokic zuvor erstmals so etwas wie einen Mangel an Komfort spüren ließen. Über die Serie hatte der Serbe verstanden, wie er die Mischung aus Physis (Hartenstein, Jaylin Williams), schneller Hilfe überall, verschlossenen Passing Lanes, spontanem Doppeln inklusive blitzschneller Rückkehr zum eigentlichen Gegenspieler, aus Lenken hin zum schlechtest-, weil gefährlichst möglichen Pass und Verhindern sonst gern genommener Cuts kontern konnte. Hatte der Serbe aus Mangel an Passoptionen in Spiel 2 bis 4 noch mehr Ballverluste als Assists, legte er in Spiel 5 44 Punkte bei 2 Turnovern und 5 Assists, in Spiel 6 28 Punkte bei 8 Assists und 1 Ballverlust auf.

Dabei hatte Caruso selbst einiges dafür getan, dass sich Jokic erst mit Anlauf in die Serie spielte. OKC wollte zwingend verhindern, dass Chet Holmgren zu oft direkt auf den dreifachen MVP traf. Die Physis des Serben kostete schlicht zu viel Energie. Zudem fehlte Chet so als Ringbeschützer im Rücken des jeweiligen Plays.
Caruso wiederum erahnte, wann Jokic Holmgrens Gegenspieler zu sich nach oben holen wollte, um den Switch zu erzwingen. Ein paar schnelle Worte. Ein schneller Tausch auf dem Weg. Schon sah sich Jokic Caruso und nicht Holmgren gegenüber. Dazu deutete er immer wieder an, dass er zum Doppeln käme. Versuchte Jokic dann den sich vermeintlich öffnenden Pass, war Caruso bereits wieder im Passweg und schnappte sich den Ball. Jokic konterte, indem er Pässe andeutete, um Caruso die falsche Idee einzuspeisen. Hier ein defensives, dort ein offensives Genie. Beide mit Ideen, wie sie sich gegenseitig manipulieren konnten - und für einen Moment schien Jokic OKC entschlüsselt zu haben.
Das letzte Wort hatte Caruso.
Im direkten Duell bearbeitete er Jokic so intensiv, dass der schon Probleme hatte, Pässe kontrolliert zu fangen. Vieles bewegte sich am Rand zum Foul. Ähnlich vieles ließ sich mit Verweis auf Playoff-Härte gerade noch durchwinken. Zumal Schiedsrichter Guards im Duell mit Bigs noch ein Stück mehr Physis gestatten.
Caruso frontete Jokic permanent, machte ihn so zur unsicheren Passstation. Stand er beim Anspiel hinter dem Serben, sprang er dank seine Explosivität schnell um den Big, um den Ball zu klauen oder mindestens das Komfortlevel zu senken. Wegen seiner schnellen Hände erschwerte er das Dribbling.
Schematisch nahm Caruso Denver das sonst so gern genommene Two-Men-Game zwischen Jokic und Jamal Murray. Stellte Jokic den Block, explodierte er förmlich in Murrays Weg, um so die Chance zum Switch zu zerstören und gleichzeitig den Zug zum Korb des Kanadiers zu verhindern. In Zusammenarbeit mit Cason Wallace erlaubte er gleichzeitig den Switch, da Wallace ähnlich eklig am Ball ist und gerade von seinem Meister zu lernen scheint.
So konnten die Thunder in Spiel 7 zunehmend klein spielen, nur einen, teilweise keinen Big aufs Feld schicken. Überall flogen Hände und Arme in Passwege. Überall entstand maximaler Druck auf den Ball. Denver kapitulierte. Jokic selbst stand am Ende bei 20 Punkten und 5 Turnovern. Defensive Kunstwerke hatte Caruso in seiner Karriere schon viele gezaubert. Spiel 7 war sein Meisterstück.

"Natürlich ist es viel Arbeit", sagte Caruso danach. "Aber er ist ein kompliziertes Matchup, da er so viele Dinge macht, um andere zu involvieren und das Spiel zu beeinflussen. Ich musste immer maximale Energie liefern, alles tun, um es ihm so schwer wie möglich zu machen. Die Jungs um mich herum haben einen hervorragenden Job gemacht, indem sie halfen und überall waren. Ich mache das ja nicht allein."
Auch Coach Daigneault sprach von der Unterstützung die nötig war, wenn ein Guard permanent einen Big verteidigt. "Du brauchst permanent Hilfe und Druck beim Entry-Pass. So greift alles ineinander. Individuell hat er es großartig gemacht, gleichzeitig braucht es für diesen Effekt eine Team-Defense."
Anders formuliert wäre OKC auch ohne Caruso ein exzellentes Defensivteam. Mit ihm pendeln sie immer wieder in Richtung Transzendenz. Auch weil gegnerische Teams mit Caruso auf dem Feld laut Cleaning the Glass im Halbfeld pro 100 Ballbesitze 3,5 Punkte weniger erzielen. Weil die Trefferquote am Ring um 7,1 Prozent, aus der Mitteldistanz um 3,7 Prozent sinkt. Carusos Einfluss ist offensichtlich. Die Statistiken untermauen ihn.
Beides bekamen die Minnesota Timberwolves in Spiel 1 der Western-Conference Finals in kleinen Dosen zu spüren. Julius Randle begann beispielsweise sehr heiß, bekam in der zweiten Halbzeit jedoch immer weniger Abschlussmöglichkeiten. Nicht ausschließlich, jedoch auch wegen Caruso. Noch ein physischer Big. Noch ein Spezialauftrag. "Ob du es jetzt gut findest oder nicht, das ist mein Job", sagte Caruso beim vor dem Spiel, angesprochen auf ein mögliches Duell mit Randle. "Stops ermöglichen. Entweder sagt mir das Spiel, ich solle einen 300-Pfund-Typen übernehmen, oder, ich müsse am Perimeter um Blöcke manövrieren." So oder so - irgendeinen erwischt es immer…
Max Marbeiter