17.04.2026
Österreicher und die Raptors in der Außenseiterrolle
Jakob Pöltl geht mit den Toronto Raptors selbstbewusst in die Playoffs, trotz klarer Außenseiterrolle gegen die Cleveland Cavaliers. Für den Center zählt nicht nur wichtigeErfahrung, denn die Ziele sind hoch gesteckt.

Beim Play-off-Comeback der Toronto Raptors geht es laut Jakob Pöltl längst nicht nur darum, Erfahrung zu sammeln. Die Kanadier stehen erstmals seit 2022 in der K.o.-Phase, gelten in der ersten Runde ab Samstag gegen die Cleveland Cavaliers aber als Außenseiter. Das junge Team verfügt über sehr wenig Play-off-Erfahrung. Trotzdem will Pöltl die Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen. Vor dem Start müsse der NBA-Titel das Ziel sein, betonte der Wiener.
"Wir sehen das Ganze nicht so als Schritt für Schritt, dass wir uns mit unseren ersten Play-off-Erfahrungen auf die kommenden Jahre vorbereiten, wo wir dann den Titel attackieren wollen", erklärte Pöltl bei einem Medientermin mit österreichischen Journalisten. "Nein, wir attackieren dieses Jahr. Wir wollen dieses Jahr den Titel gewinnen, weil wer weiß, was nächstes Jahr sein wird." Wie schnell es in der NBA gehen könne, hätten im Vorjahr die Indiana Pacers bewiesen, die es als Überraschungsteam ins Finale geschafft hatten und dort nah am ganz großen Coup waren.
Die Rolle als Underdog sei den Raptors relativ egal. "Was die Welt von uns hält und was sie glauben, was wir erreichen können oder auch nicht, beeinflusst uns auf dem Spielfeld nicht", betonte der 30-Jährige. Zwar könnte die Saison auch als positiv verbucht werden, wenn man nicht Meister werde. "Aber vom jetzigen Standpunkt gehen wir in die Play-offs, dass wir jede Serie gewinnen, in die Finals kommen und die Championship gewinnen. Sonst sind wir dort fehl am Platz meiner Meinung nach."
Pöltl bestreitet seine erste Play-off-Serie seit 2019 - damals noch mit den San Antonio Spurs. Von den wesentlichen Akteuren der Raptors hat der Center mit bisher 22 Partien die meiste Play-off-Erfahrung. Die Cavaliers hingegen werden von Routinier James Harden (173 Spiele) angeführt. Natürlich sei die Erfahrung ein Faktor, gestand Pöltl. "Das ist einfach die Realität, wir werden damit leben müssen. Das heißt aber nicht, dass wir mit einem Spiel Rückstand in die Serie reingehen. Wir attackieren die Serie."
Auf ihn selbst warten unter dem Korb Duelle mit Jarrett Allen und Evan Mobley, im Vorjahr als bester Verteidiger der Liga ausgezeichnet. "Das sind zwei sehr talentierte, sehr athletische Spieler", meinte Pöltl. "Ich glaube aber, dass wir ganz gute Matchups gegen sie haben." In der regulären Saison war Torontos All-Star Scottie Barnes auf Mobley angesetzt, Pöltl zumeist auf Allen. Dazu gilt es allerdings auch noch Donovan Mitchell zu stoppen, mit 27,9 Punkten pro Spiel einer der Topscorer der Liga.
Die Raptors haben alle drei Duelle im Grunddurchgang gewonnen - allerdings im Oktober bzw. November, noch vor Clevelands Tauschgeschäft für Harden. "Er hilft ihrer Offense schon sehr", sagte Pöltl über den 36-Jährigen, der seinen ersten Meisterring jagt. Neu ist seit Februar auch Hardens deutscher Ersatz-Spielmacher Dennis Schröder. Pöltl ist auf den einen oder anderen Wortwechsel mit seinem als Plappermaul bekannten Ex-Teamkollegen eingestellt. Seine Prognose: "Ich werde mehr antworten und weniger herausfordern."

Auf dem Court wollen die Raptors, statistisch das beste NBA-Team bei Gegenstößen, mit ihrem schnellen Spiel und ihrer starken Defense dagegenhalten. "Wir werden auf jeden Fall versuchen, unserer Identität treu zu bleiben", betonte Pöltl. Spielmacher Immanuel Quickley ist für den Auftakt wegen einer Oberschenkelblessur fraglich. Mit Barnes, Brandon Ingram und RJ Barrett stehen aber weitere Waffen zur Verfügung. "Es wird darauf ankommen, wer im richtigen Moment auch mit der zweiten oder dritten Option effektiv sein kann", meinte Pöltl.
Österreichs NBA-Pionier freut sich auf die Play-off-Atmosphäre. Intensität und Physis seien deutlich höher. Pöltl sieht sich gerüstet: "Die gröberen Probleme, die ich verstreut über die Saison hatte, sind eigentlich alle gut verheilt." 36 der 82 regulären Saisonspiele hatte er, primär wegen Rückenproblemen, verpasst - so viele wie nie in seiner Karriere. Nun möglicherweise ausgeruhter zu sein, misst Pöltl keine große Bedeutung bei. "Am Ende wird in den Play-offs viel auf das Mentale ankommen, wer da noch das letzte Prozent rauspushen kann."
Die Raptors hätten zuletzt immer wieder verloren geglaubte Spiele noch umgedreht oder zumindest spannend gemacht. "Wir haben sehr oft sehr viel mentale Stärke bewiesen. Das ist auf jeden Fall etwas, das uns in den Play-offs helfen kann", meinte Pöltl, der in seinen ersten beiden NBA-Saisonen 2017 und 2018 mit Toronto im Conference-Semifinale jeweils an den Cavaliers gescheitert war - damals allerdings noch mit Superstar LeBron James in Ausnahmeform.
APA