vor 21 Stunden
Zusammenarbeit trotz Wettskandalen
Ein Jahr, nachdem FBI-Agenten einen aktiven Spieler und einen amtierenden Head Coach festgenommen haben, holt die NBA ausgerechnet die Wettbranche ins eigene Haus. Seit Montag sind Kalshi und Polymarket offizielle Partner der Liga, dürfen deren Logos nutzen und in Übertragungen werben. Was nach Kapitulation klingt, folgt bei genauerem Hinsehen einem ganz anderen Plan.

Die NBA hat am Montag ihren Einstieg in die Welt der sogenannten Prediction-Markets offiziell gemacht. Die Liga schloss Vereinbarungen mit Kalshi und Polymarket, den beiden größten Anbietern dieser Prognose-Börsen, und erklärte sie zu ihren bevorzugten Plattformen. Parallel unterzeichnete sie eine Absichtserklärung mit der Commodity Futures Trading Commission (CFTC), jener US-Bundesbehörde, die die Aufsicht über die Branche für sich beansprucht.
Auf diesen Plattformen setzen Nutzer nicht gegen einen Buchmacher, sondern handeln untereinander Ja-Nein-Kontrakte auf künftige Ereignisse - etwa darauf, ob ein Team gewinnt oder ein Spieler eine bestimmte Punktzahl knackt. Weil die Kontrakte als Finanzprodukt unter Bundesaufsicht laufen, dürfen die Anbieter sie nach eigener Lesart in allen 50 Bundesstaaten anbieten. Ob das so bleibt, ist umstritten: Der Bundesstaat New York verklagte beide Firmen in diesem Jahr wegen mutmaßlich unlizenziertem Glücksspiel, die Verfahren laufen noch.
Die künftige Partnerschaft mit der NBA tangiert das aber erstmal nicht. Kalshi und Polymarket dürfen fortan nicht nur Logos von Liga und Teams verwenden, sondern ihre Märkte auch mit offiziellen Daten des NBA-Partners Sportradar abrechnen und sogar während der Spielübertragungen werben. Im Gegenzug verpflichten sie sich, verdächtige Handelsmuster zu melden, gegen Insiderhandel vorzugehen und der Liga bei Ermittlungen Daten zur Verfügung zu stellen. Vor allem aber erhält die NBA ein Vetorecht darüber, welche Märkte überhaupt angeboten werden - nach Darstellung von The Athletic ein Hebel, den sie gegenüber ihren klassischen Wettpartnern in dieser Form nicht besitzt.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall, denn kaum eine US-Liga hat die Schattenseiten des Wettbooms so schmerzhaft erfahren wie die NBA. Schon im April 2024 sperrte sie Jontay Porter, damals Center der Toronto Raptors, lebenslang. Porter hatte Wettern vertrauliche Gesundheitsinformationen zugespielt und zwei Partien nach wenigen Minuten verlassen, angeblich wegen einer Augenverletzung und Unwohlseins, damit Under-Wetten auf ihn aufgingen - also Glücksspiele, in denen darauf gesetzt wird, dass ein Spieler weniger Minuten abspult, als zu erwarten gewesen wäre. Im Juli 2024 bekannte er sich des Betrugs schuldig.
Am 23. Oktober 2025 folgte das eigentliche Beben. FBI-Agenten nahmen Heat-Guard Terry Rozier, Blazers-Coach Chauncey Billups und den früheren Profi Damon Jones fest. Insgesamt wurden sogar 34 Personen in zwei Verfahren angeklagt. Rozier soll im März 2023 als Spieler der Charlotte Hornets Vertrauten vorab verraten haben, dass er eine Partie gegen New Orleans früh verlassen werde - auf sein Under wurden daraufhin laut Anklage mehr als 200.000 Dollar gesetzt. Billups wird in einem separaten Fall vorgeworfen, als prominenter Lockvogel für manipulierte Pokerrunden mit Mafia-Verbindungen gedient zu haben. FBI-Direktor Kash Patel sprach von der "Insiderhandel-Saga der NBA".
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Im Juni 2026 zog die Bundesanwaltschaft den Kreis noch weiter. Malik Beasley soll 2024 als Spieler der Milwaukee Bucks seine Rebound-Ausbeute nach den Wünschen von Wettern ausgerichtet haben, um Spielschulden bei seinem früheren Teamkollegen Ed Davis abzutragen. Zum Wochenbeginn hat Beasley dem zuständigen Gericht ein Schuldeingeständnis präsentiert. Davis plädiert hingegen auf nicht schuldig - ebenso wie Rozier, Billups und Jones, für die die Unschuldsvermutung gilt.
Auffällig ist, dass sich fast alle Fälle um dieselbe Wettform drehen: Spezialwetten auf die Einzelleistung, meist auf das Under. Ein Spieler, der früh vom Feld geht oder einen Rebound liegen lässt, verändert das Ergebnis seines Teams oft kaum, sehr wohl aber den Ausgang eines Wettscheins. Für Manipulateure ist das schon seit Jahren ein bequemes Einfallstor.
Für Commissioner Adam Silver ist diese Entwicklung dagegen besonders bitter. Er hatte sich bereits 2014 als einer der ersten Chefs einer großen US-Liga öffentlich für die Legalisierung von Sportwetten ausgesprochen. Nach den Festnahmen im Oktober 2025 ruderte er zurück und nannte die Integrität des Sports gefährdet.

Zusätzlich verwoben ist die Lage durch Partnerschaften der NBA-eigenen Stars. Giannis Antetokounmpo stieg im Februar als Anteilseigner bei Kalshi ein, LeBron James wurde erst im September zum Werbegesicht von Polymarket. Im Gegenzug erhalten beide Zahlungen in Millionenhöhe.
Die Kooperation der NBA mit den Wettanbietern ist nicht der erste ungewöhnliche Schritt der Liga im Kampf gegen die andauernde Problematik. Schon vor dem Saisonstart hatte man die Wettpartner angewiesen, mehrere Wettarten aus dem Programm zu nehmen. Tabu sind seit dieser Saison unter anderem Kombiwetten, die mehrere Under-Tipps auf denselben Spieler bündeln, sowie Under-Wetten auf Akteure, die voraussichtlich weniger als zwölf Minuten auf dem Parkett stehen. Auch sogenannte First-of-Märkte fallen weg, also Wetten darauf, wer den Sprungball gewinnt oder den ersten Korb erzielt.
Durchsetzen kann die Liga das, weil ihre Partner-Buchmacher nach eigener Schätzung rund 99 Prozent des legalen US-Marktes abdecken. Für die Prognose-Börsen galten diese Grenzen bislang nicht - mit den neuen Verträgen ändert sich das, ebenso wie Spieler, Teammitarbeiter und Ligapersonal dort nun nicht mehr auf NBA-Märkte setzen dürfen.
Hinzu kommt mehr Prävention. Spieler, Trainer und Betreuerstäbe müssen in dieser Saison an Präsenzschulungen zu den Wettregeln teilnehmen, geleitet vom früheren NFL-Cornerback und Ex-FBI-Agenten Charles Tillman. Zudem setzt die Liga auf ein KI-gestütztes Überwachungssystem, das auffällige Wettbewegungen frühzeitig erkennen soll.
Hinter dem Schritt steckt eine nüchterne Rechnung: Gewettet wird ohnehin, ob legal oder illegal. Als Partner habe die Liga aber mehr Einblick in Daten und Handel, statt "den Kopf in den Sand zu stecken", argumentierte Scott Kaufman-Ross, Leiter für Medienvertrieb und Partnerschaften der NBA, gegenüber The Athletic. Gerade das Vetorecht sei der NBA wichtig gewesen, denn wolle ein Anbieter einen anstößigen Markt einführen, könne man nun schlicht Nein sagen.
Mit dem Deal folgt die NBA der NHL, die als erste große US-Liga mit Prognose-Börsen kooperierte, und der MLB, die im März eine Kooperation mit Polymarket ankündigte. Damit bleibt die NFL die letzte der großen Ligen ohne einen solchen Partner. Kritiker verweisen darauf, dass auch die Prognose-Börsen selbst Insider-Skandale in der Vergangenheit erlebt haben.
Die nächsten Bewährungsproben stehen bereits im Kalender. Am 8. Februar 2027 soll der Prozess gegen Rozier beginnen, einen Monat später startet die Jury-Auswahl im Pokerverfahren gegen Billups. Bis dahin setzt die NBA darauf, dass Kontrolle mehr schützt als Abstinenz. Ob diese Wette aufgeht, entscheidet sich nicht auf dem Wettschein, sondern auf dem Parkett und im Gerichtssaal.
Julius Ostendorf