vor 4 Stunden
Insider klärt auf
Die Nachricht schlug in der vergangenen Woche ein wie eine Bombe: Laut einem Bericht plane die NCAA, internationale Spieler, die für einen professionellen Verein gespielt haben, grundsätzlich vom College auszuschließen. Dass es tatsächlich dazu kommt, kann sich ein Insider allerdings "null" vorstellen. Die Überlegungen zeigen dennoch deutlich, dass in Europa noch ein zu romantisiertes Bild vom Wechsel nach Übersee vorherrscht.

Die Nachricht hat das Potenzial, die College-Gemeinde nach den lange umkämpften NIL-Vermarktungsrechten ein weiteres Mal zu entzweien. Einem Bericht zufolge, der in der vergangenen Woche die Runde machte, plane die NCAA, jegliche internationalen Spieler vom Wettbewerb auszuschließen. Vor allem die großen Talente Europas würde das besonders hart treffen. Während in den USA die Ausbildungszentren (High School, College) auch die sportliche Entwicklung organisieren, sind hierzulande Vereine dafür zuständig - wohlgemerkt allesamt mit professionellen Strukturen.
Sollte der College-Verband eine entsprechende Regelung so umsetzen wie kolportiert, wäre das praktisch mit dem völligen Ausschluss internationaler Spieler gleichzusetzen.
Dass es auch tatsächlich dazu kommen wird, gilt in Insiderkreisen allerdings als nahezu ausgeschlossen. Seit Jahren führt die NCAA eine Debatte darüber, wie das College weiterhin ein Sammelbecken ausbildungswilliger Talente bleiben und der zunehmenden Professionalisierung Einhalt gebieten kann. Auslöser der Diskussionen waren Fälle wie der von James Nnaji, der im vergangenen Winter trotz NBA-Drafts in der zweiten Runde zurück an die Universität Baylor wechselte. Aufsehen erregte auch kürzlich Saliou Niang, der nach einem Jahr in der EuroLeague mit Virtus Bologna angeblich einen millionenschweren College-Deal unterschrieben haben soll.
"Einige Teams haben den Bogen einfach überspannt", erklärt Agent Milan Nikolic im Gespräch mit basketball-world.news. "Bisher war es kein Problem, vor dem College Geld zu verdienen." Es sei jedoch ein Unterschied, ob ein Spieler ein paar Hundert Euro in der zweiten deutschen Liga eingenommen habe oder nach Jahren in der europäischen Königsklasse bereits mehrfacher Millionär sei. "Dass die NCAA diese Leute nicht haben will, finde ich verständlich."

Gleichzeitig gehe es dem Verband auch um national getriebene Interessen: "Die ganzen Europäer und anderen internationalen Spieler, die gerade rüberkommen, schaden dem amerikanischen Spieler enorm. Vor allem die Jüngeren bleiben auf der Strecke", so Nikolic, der weiter klarstellt: "Am Ende des Tages geht es in Amerika immer um die Amerikaner."
Dass es Veränderungen geben werde, halte Nikolic, der unter anderem Alba-Star Jack Kayil berät, für sehr wahrscheinlich. Einen ganzheitlichen Ausschluss, wie zuletzt berichtet, sehe er aber nicht kommen. Von Fairness könne schließlich keine Rede sein, wenn Talenten im Teenageralter der College-Zugang gleichsam unterschlagen wird wie jungen Topverdienern aus der EuroLeague.
"Wahrscheinlich rund 95 Prozent der Jungs, die jetzt [aus Deutschland, Anm. d. Red.] rübergegangen sind, haben unter 20.000 Euro netto im Jahr verdient. Das sind rund 1.600 im Monat. Da kann man schon diskutieren, ob das überhaupt ein Profi ist, wenn man davon in deutschen Großstädten seine Kosten selbst tragen muss. Davon kommt man nicht aus und ich denke, dass die NCAA das verstehen wird."
Noch drastischer seien Fälle aus der zweiten deutschen Spielklasse Pro A, wo einige Youngster nur wenige hundert Euro im Monat erhalten würden. Ein Vergleich zu den häufig sehr gut bezahlten Talenten im europäischen Ausland kann da kaum gezogen werden. Wahrscheinlicher als ein grundsätzlicher Ausschluss wäre Nikolic zufolge eine finanzielle Regelung, die sich am nationalen Durchschnittslohn orientiert. Nur Spieler, die darüber hinaus verdient haben, würden dann noch von einem Ausschluss betroffen sein. Nicht aber die vielen Talente, die noch am Anfang ihrer professionellen Karriere stehen.
Der Bericht aus der Vorwoche habe ihm deshalb "null Sorge" bereitet - aus zweierlei Gründen: Einerseits würde die Regeländerung ohnehin keine bereits bestehenden Stipendien beeinflussen. Andererseits hätten sich viele Colleges auch nichts Schuldhaftes vorzuwerfen. "Die Unis, die regulär und transparent mit der NCAA zusammengearbeitet haben, machen sich keine Sorgen. Nur die, die schummeln, sind jetzt auch die, die nervös werden."
Die Überlegungen der NCAA zeigen aber dennoch einmal mehr, dass das hierzulande häufig romantisierte Bild von US-Colleges nicht zwingend auf gegenseitiger Wertschätzung beruht. Seit dem folgenschweren NIL-Urteil des Obersten Gerichtshofs in den USA ist auch die Zahl deutscher Talente an hiesigen Universitäten beinahe explodiert. Doch längst nicht für alle hat sich dieser Schritt bislang auch ausbezahlt. Viele Youngster wechselten ihre Uni nach nur einem Jahr wieder, weil das Vertrauen in ihre Fähigkeiten fehlte.
"Am Anfang wird immer über europäische Spieler geschwärmt - sie haben ja so eine gute Grundausbildung, sie sind so intelligent, sind physisch. Aber wenn es dann losgeht, dann werden nur blanke Zahlen genutzt." Als Beispiel nennt Nikolic seinen Klienten Sananda Fru, der in Louisville trotz guter Leistungen eine weitgehend limitierte Rolle innehatte. "Fragte man den Coaching-Staff, dann sagten sie, man würde Sananda ideal nutzen. Aber jeder, der ein bisschen Basketball versteht, denkt sich dabei: 'Ihr seid doch komplett doof.' Der rennt hier von Korb zu Korb und nimmt zwei Würfe pro Spiel." Ähnlich habe es sich auch mit Johann Grünloh verhalten, dessen Rolle über Verteidigen kaum hinausging.

Immer noch fehle es in den USA an einem grundlegenden Verständnis für die europäische Basketballlandschaft. "Für sehr viele sind die Pro B und die EuroLeague gefühlt dieselbe Liga. Das klingt banal, ist aber leider Gottes wirklich so."
Dass sich dennoch viele Talente für den Sprung aufs College entscheiden, habe auch mit falscher Beratung zu tun. Viele Agenten wittern angesichts der gut dotierten NIL-Deals eine bessere Provision als bei geringen europäischen Verträgen. "Viele Berater, vor allem auch deutsche, haben da im vergangenen Jahr versagt." Leidtragender war unter anderem U19-Talent Mathieu Grujicic, der sein Stipendium bei Ohio State aufgegeben und bislang kein neues erhalten hat. Dabei gilt der Guard als einer der besten deutschen Spieler seines Jahrgangs.
"Ich finde das traurig und gefährlich. Es wird viel zu wenig darüber gesprochen, dass - weil eben gerade so viel Geld unterwegs ist - mit Menschenleben, Karrieren und Träumen gespielt wird, ohne, dass die Spieler wissen, was sie da eigentlich machen."
Julius Ostendorf