vor 10 Stunden
Ein Spieler wie keiner zuvor
Mit gerade einmal 22 Jahren greift Victor Wembanyama in der NBA bereits nach den Sternen, dem ultimativen Ziel, dem NBA-Titel. Die ersten Playoffs des Franzosen enttäuschen nicht - und Wembanyama zeigt, warum viele in ihm das künftige Gesicht der NBA sehen.

Die Zweifel waren überall: vor der Saison, während der Spielzeit und sogar mit Beginn der Postseason - trotz 62 Erfolgen mit den San Antonio Spurs. Wie würde Victor Wembanyama seine ersten Playoffs durchstehen? Hat dieser Schlaks die Körner und Reife, um sein Team in der harten Western Conference zum ersten tiefen Run seit fast zehn Jahren zu führen?
Wie anders würden Teams gegen das "Alien" verteidigen? Welche Konzepte sollten in der Offense Erfolg bringen? Die Antwort ist, dass noch niemand Lösungen gefunden hat, auch nicht der entthronte Champion aus Oklahoma City. Stattdessen steht Wembanyama mit den Spurs bereits in seinem dritten NBA-Jahr in den NBA Finals - als bester Spieler seiner Mannschaft.
Oft gab es das in der Historie nicht, man denke da noch an Bill Russell, mit Abstrichen Magic Johnson (Kareem Abdul-Jabbar war da noch das Alphatier), Tim Duncan oder auch LeBron James, doch mehr gibt diese Liste nicht her. An Wembanyama ist ohnehin kaum etwas gewöhnlich. Er ist 2,24 Meter groß (womöglich noch größer), spricht perfektes Englisch, obwohl er erst vor drei Jahren erstmals nach Amerika kam, und wirkt im Zirkus der großen Stars angenehm menschlich.

Der Franzose liebt Schach, hat auf jeder Auswärtsreise ein Buch dabei und besuchte im vergangenen Jahr sogar chinesische Mönche, um mental stärker zu werden. Reife besaß Wemby ohnehin schon lange. So sagte er mit 14 Jahren dem FC Barcelona ab. Der Grund: Die Trainer hätten ihn bei einem Probetraining nicht genug gefordert.
Wembanyama ist ein Besessener, angetrieben von dem Willen zu gewinnen und der Beste zu sein. Das unterscheidet ihn von vielen "großen" Kollegen der Vergangenheit. Der 22-Jährige könnte problemlos die Zone dominieren, schon mit elf Jahren war er über 1,90 Meter groß und doch ist da dieser Antrieb, auch alles andere zu perfektionieren.
| Stat | Wert |
|---|---|
| Punkte | 29,8 |
| Rebounds | 12,4 |
| Assists | 5,1 |
| Blocks | 3,5 |
| FG% | 54,2 % |
"Größe kann man nicht lernen", heißt es in den USA gerne und das ist völlig richtig. Wembanyama verbindet dagegen Größe und die Kunst, alles Mögliche mit dem Basketball zu machen. Es ist etwas, was man zuvor so noch nie gesehen hat. Das Talent, die Größe, gefühlt gibt es keine Grenzen für ihn. Wemby ist mobil, flink auf den Füßen, kann dunken wie kein anderer und doch verbindet er Point-Guard-Elemente mit famoser Defensive.
Die Serie gegen die Thunder war dafür Anschauungsunterricht. Spin Moves, tiefe Dreier, Mitteldistanzwürfe aus dem Dribbling, Lobanspiele - es war das ganze Arsenal. Dazu kommen die Dinge, die gar nicht auf Highlight-Tapes auftauchen. Selbst wenn Wemby den Ball nicht bekommt, ist die Angst vor dem Lob immer präsent. Teams helfen mehr von den Schützen weg, die bekommen offenere Würfe.
Noch extremer ist es auf der anderen Seite. Die Thunder nahmen in 41 Minuten in Spiel 7 genau fünf Würfe am Ring, wenn Wembanyama auf dem Feld stand. Die Gegner versuchen es also nicht einmal mehr, die Schlussphase in Spiel 7 war ein perfektes Beispiel dafür. Mehrfach drehten die Spieler der Thunder ab, obwohl sie dringend Punkte brauchten, zu groß war die Angst vor dem Franzosen.

Das alles macht Wemby zu einem Superstar, um den man leichter einen Contender bauen kann. Die Spurs schlagen damit Profit, indem sie quasi vier Guards an seine Seite stellen können. Klar verteidigen die auch gut, aber es ist eben einfacher, kleinere Spieler zu finden, die zuverlässig ihre Dreier treffen und kreieren können.
Während viele Teams auf Länge setzen, kann San Antonio mit jeder Menge Speed dagegenhalten. Es ist kein Zufall, dass mit Ex-All-Star Julius Randle oder zuletzt auch Chet Holmgren zwei Big Men quasi überhaupt kein Faktor gegen die Spurs waren. Wembanyama ist in dieser Hinsicht der ultimative Cheatcode.
Für die NBA ist das ein Segen, denn die Liga braucht dringend ein neues Gesicht (irgendwann wird LeBron James aufhören, ganz sicher!), womöglich sogar auch eine neue Dynastie. So weit sind wir aber noch nicht, in den kommenden Wochen stellen sich die New York Knicks entgegen. Jenes Team, welches elf Spiele in Serie gewonnen hat und die Texaner auch im NBA Cup im Finale schlug.
Sie werden San Antonio vor neue Probleme stellen, mit O.G. Anunoby wartet einer der besten Eins-gegen-Eins-Verteidiger der Liga auf Wembanyama. In den vergangenen Wochen hat der Franzose stets eine Lösung parat gehabt, man konnte Spiel für Spiel und auf den Pressekonferenzen erahnen, wie es in ihm ratterte und mit den Tränen nach Spiel 7 in OKC endete. Es entlud sich all dieser Druck, den sich Wemby vermutlich selbst auferlegte. Er weiß schließlich auch, wie gut er ist.
Wembanyama ist ein Alien, eine Person, die bisweilen aufgrund des Mixes aus Talent und Größe nicht real erscheint und doch wirkt er vor allem eines - menschlich. Es ist der seltene Fall, dass Goliath zugejubelt wird und genau das ist Wembanyama. Er ist nicht nur der Größte, sondern für den Moment wahrscheinlich auch der beste Basketballspieler auf diesem Planeten - mit gerade einmal 22 Jahren.
Robert Arndt