20.01.2026
Trainer-Legende führt München aus der Krise
Sechs Partien, sechs Siege in der BBL, mit drei Siegen aus vier Spielen den Negativlauf in der EuroLeague beendet. Seit Trainerikone Svetislav Pesic das Zepter auf der Bayern-Bank übernahm, weht ein anderer Wind an der Isar. Doch an welchen Schrauben zog der Altmeister für den jüngsten Stimmungswechsel?

"Wir müssen sofort raus aus unserer Komfortzone", konstatierte Pesic auf der Pressekonferenz nach seinem Debüt gegen Tabellenprimus Hapoel Tel Aviv kurz vor Weihnachten und fuhr fort: "Zuerst mit Defense. Unser Gegner muss spüren, dass wir hier sind." Kurz nach Spielende ging er am Mikrofon von EuroLeague TV noch weiter: "Manchmal hatte ich das Gefühl, dass unser Gegner Hapoel fünf gegen null spielte." Die Bayern verloren wenige Minuten zuvor ihr neuntes Spiel in Folge in der EuroLeague (EL) und lagen als Tabellenletzter am Boden. Es sollte das letzte Spiel einer dunklen Serie werden.
Svetislav Pesic kann auf Erfahrung als 'Feuerwehrmann' zurückgreifen. In der Saison 2010/11 übernahm er Valencia nach einem Fehlstart von zwei Siegen aus zwölf Pflichtspielen. Unter Pesic gewann das Team direkt 13 der ersten 14 Partien. Am Saisonende verpassten die Spanier im fünften Playoff-Spiel knapp ihre einzige Final-Four-Teilnahme. Im Herbst 2012 heuerte der heute 76-Jährige schon einmal in München an. In ihrer zweiten BBL-Saison legte der Klub damals einen Fehlstart hin, mit fünf Siegen aus den ersten zehn Ligaspielen. Unter Pesic folgten direkt elf Siege aus 13 Partien. Am Ende schrammte Bayern erst im fünften Halbfinale gegen Serienmeister Bamberg am Finale vorbei.
Der Erfolgstrainer, unter dem Deutschland bei der EM 1993 erstmals eine Goldmedaille einfuhr, ist bekannt für seine Akribie. In seinem zweiten EL-Spiel nach seiner Rückkehr gab es zu Jahresbeginn gleich einen 95:71-Kantersieg gegen Maccabi Tel Aviv. Nationalspieler Andreas Obst deutete im Anschluss bei MagentaSport an, dass die Feiertage bei den Bayern nicht nur besinnlich verbracht wurden: "Die harte Arbeit, die wir die Tage reingesteckt haben, zahlt sich jetzt ein bisschen aus."
Der Welt- und Europameister gewährte zudem Einblicke in Veränderungsprozesse: "Wir hatten nicht immer eine gute Struktur. Wir wussten nicht immer, wie wir was spielen wollten." Dies sei nun anders: "Wir haben jetzt ziemlich gut Klarheit - zumindest mehr Klarheit und Struktur. Wir versuchen, Sachen ein bisschen kurzzuhalten, haben ein paar Sachen rausgenommen von denen, die wir davor hatten." Zudem sollen die Aspekte, "die wir noch haben, richtig gut" ausgeführt werden. In einem Nachsatz deutete Obst mit einem leichten Schmunzeln auch an, dass unter Pesic ein anderer Wind weht: "Das verlangt er natürlich auch ab auf seiner Art und Weise, aber ich denke mal, das tut uns ganz gut."
Das Prädikat 'ganz gut' wäre eine Untertreibung für den Lauf, den Bayern seither hinlegt. Nach der Auftaktniederlage gegen Hapoel gab es unter Svetislav Pesic in sechs Partien in der Basketball-Bundesliga (BBL) abgesehen von einem knappen Sieg gegen Bonn ausschließlich Kantersiege. Im Schnitt wurde mit rund 20 Punkten Differenz gewonnen, die Gegner bei 67 Zählern gehalten. Auch unter Vorgänger Gordon Herbert wurde mit acht Siegen aus neun BBL-Spielen und einer Punktedifferenz von +10 pro Spiel dominiert, doch unter Pesic kennen die Münchner aktuell nur den höchsten Gang.

Herbert schaffte es in dieser Spielzeit anders als in der Vorsaison nicht, dass im Team eine klare Rollenverteilung entsteht. Im Vorjahr war diese klar gegeben mit Topscorer Carsen Edwards, Defensivspezialist und Strukturgeber Nick Weiler-Babb, Pick-and-Roll-Ass Devin Booker und dahinter weiteren Stützen wie Vladimir Lucic, Andreas Obst und Shabazz Napier. Doch im Sommer gab es einen Umbruch. Zudem verletzte sich Königstransfer Rokas Jokubaitis bei der Europameisterschaft schwer.
Nachfolger und Startransfer Spencer Dinwiddie, der das Team zu Jahresbeginn wieder verließ, konnte in 17 Pflichtspielen nie gänzlich in eine Führungsrolle hineinwachsen. Der Versuch, ihn in diese zu etablieren, war womöglich im Nachhinein sogar eher ein bremsender Einfluss für die Entwicklung des Teams. Herbert und Interimstrainer T. J. Parker, der in Gordon Herberts krankheitsbedingter Abstinenz für vier EuroLeague-Spiele übernahm, veränderten die Rotation immer wieder.
Gemäß Datendienst 3StepsBasket spielten vor Pesics Amtsantritt 14 Spieler zwischen zehn und 25 Minuten im Schnitt. Niemand erzielte mehr als zwölf Punkte. Pesic setzt zwar ebenfalls auf eine breite Rotation, etablierte in den letzten vier Partien aber mit Isiaha Mike (28,1 Minuten, 11,3 Punkte) und Andreas Obst (27,3 Minuten) minutentechnisch zwei klare Säulen. Obst stieg zum Zentrum der Offensive auf, erzielte 22 statt zuvor 12 Punkte pro Partie. Für ihn wurden gezielt mehr Spielzüge gelaufen. So erhielt der Top-Werfer laut Datendienst Synergy in diesen vier Partien im Schnitt 3,3 Abschlüsse aus Blöcken abseits des Balles und damit fast doppelt so viele wie zuvor (1,7). Beim Sieg gegen Baskonia stellte er mit seinen 37 Punkten einen neuen deutschen EL-Punkterekord auf.

Zudem stieg Center David McCormack wie Phönix aus der Asche empor. In den ersten 16 EL-Spielen kam er lediglich auf sporadische neun Einsätze mit foulintensiven zehn Minuten im Schnitt. In Herberts letztem Spiel in Monaco stand er dann bereits wie aus dem Nichts in der Starting Five und lieferte mit neun Punkte erste Ansätze. Bei Pesics Debüt gegen Hapoel Tel Aviv wiederum musste er zunächst wieder auf seine Chance warten. Als das Spiel bei 16 Punkten Rückstand schon fast entschieden war, wurde der physische Ex-Berliner erstmals eingewechselt. Mit zwölf Zählern in den letzten elf Minuten erarbeitete er sich ein Sonderlob und eine feste Rolle bei seinem neuen Coach.
In den letzten vier EL-Spielen kam McCormack laut 3StepsBasket auf 22,6 Minuten, in denen er sich mit 10,3 Punkten, 5,0 Rebounds und 1,5 Steals als Anker entpuppt. Pesic agiert in Person von McCormack und Wenyen Gabriel fast immer mit zwei Brettcentern. Der wurf- und passstarke, aber defensiv anfällige Johannes Voigtmann, der bei seinem langjährigen Frankfurter und DBB-Trainer Herbert eine essenzielle Rolle ausfülle, kommt seit vier EL-Spielen nur noch auf zwei Einsätze. Pesic erklärte vor dem Spiel gegen Baskonia bei MagentaSport McCormacks gestiegene Rolle mit seiner starken Defense: "Verteidigung beginnt bei der Point-Guard-Defense. Aber wenn du nicht genügend Fünfer unter dem Korb hast, die helfen können, dann ist natürlich keine Kontinuität in der Defense."
Neben McCormack stieg auch Justinian Jessup auf. Der ehemalige Ulmer trug in den vier EL-Spielen 13,8 Punkte in 23,0 Minuten zum Aufschwung bei. Unter Herbert fungierte er primär als typischer Back-up für Routinier Vladimir Lucic. Der 36-Jährige spielte zuletzt geringere, aber effektive 16,4 Minuten.
Generell kurbelte Svetislav Pesic wie angekündigt die Intensität an. In besagten vierten EL-Spielen praktizierten die Münchner laut Synergy doppelt so oft (12,8 Ballbesitze statt 5,8) eine Ganzfeldpresse. In der BBL stand Dauerbrenner Obst, der zuletzt 15 Pflichtspiele in 37 Tagen abspulte, beim jüngsten 59:87-Sieg in Chemnitz selbst bei deutlichem Vorsprung im Schlussviertel noch auf dem Parkett. Pesic forderte schon auf der PK nach seinem Auftaktspiel eindringlich Ernsthaftigkeit in der BBL ein.
Darüber hinaus kehrte aber auch wieder Leichtigkeit ein. Die letzten drei EL-Heimspiele mit Siegen gegen Panathinaikos, Baskonia und Maccabi ließen mit Offensivpower (Offensiv-Rating 130,7) und spektakulären Wendungen an die SAP-Garden-Feste der Vorsaison erinnern, wenngleich Bayern auch zugutekam, dass bei allen drei Gegnern der jeweilige Topscorer ausfiel. Gegen Partizan, das jetzige Schlusslicht, treten Pesic, Obst und Co. so am heutigen Dienstag immerhin schon als Sechzehnter an. Bei vier Siegen Rückstand besteht weiterhin aber nur eine Minimalchance auf Play-In-Platz zehn. Dafür braucht es nun aber vermutlich Siege über die Serben und zwei Tage später gegen die Überraschungsmannschaft aus Valencia.
Lukas Feldhaus