19.03.2025
Einer der besten Freshmen aller Zeiten?
Cooper Flagg kam mit etlichen Vorschusslorbeeren ans College, tatsächlich hat der Dukie die Erwartungen an ihn bisher aber sogar übertroffen. Kann das wohl größte US-amerikanische Talent der vergangenen Jahre seine historische Freshman-Saison im NCAA-Tournament krönen?

Was für eine Vorstellung: "Shining" ohne Jack Nicholson, "Indiana Jones" ohne Harrison Ford, "Anora" ohne Mikey Madison, dafür mit einem unscheinbaren Backup - hätte das funktionieren können? Vermutlich nicht - wobei sich die Produktion eines Films natürlich auch nach hinten hätte verschieben lassen, wenn der oder die Hauptdarsteller*in sich den Knöchel verstaucht hätte.
March Madness jedoch heißt eben March Madness - das in dieser Woche startende NCAA-Turnier ist termingebunden, sozusagen das Oktoberfest der USA. Kein noch so wichtiger Knöchel könnte es verschieben. Entsprechend groß dürfte die Erleichterung sein, dass Cooper Flagg den Blue Devils nach einem hässlichen Fall am vergangenen Donnerstag nun wohl doch zur Verfügung stehen wird und bereit ist, der Hauptdarsteller des Turniers zu sein.
Und auch darüber hinaus - nicht nur der College-Basketball blickt auf Flagg, auch in der NBA haben sich längst mehrere Teams der Aufgabe "Capture the Flagg" verschrieben und nehmen für möglichst viele Niederlagen Geldstrafen in Kauf, weil sie gesunde Spieler nicht einsetzen. Ein Großteil der NBA-Fans wiederum wird nun vermutlich erstmals genau hinsehen bei diesem 18-Jährigen, um den sich nun bereits seit einigen Jahren ein solcher Hype entfacht hat.
Die Chance ist recht hoch, dass ihnen gefallen wird, was sie sehen.

Drei Freshmen sind in der Geschichte der NCAA bisher College-Spieler des Jahres geworden: Kevin Durant, Anthony Davis und Zion Williamson, also zwei Nr.1-Picks und einer, der ein Nr.1-Pick hätte sein müssen. Flagg könnte bald der vierte werden, er hat in jedem Fall über die Saison exzellente Argumente dafür gesammelt.
18,9 Punkte, 7,5 Rebounds, 4,1 Assists, 1,5 Steals und 1,3 Blocks hat Flagg über 32 Spiele der NCAA-Saison aufgelegt, wobei diese Werte allesamt ein wenig gedrückt werden durch das Spiel gegen Georgia Tech, in dem er sich nach bloß 15 Minuten verletzte.
Der 2,06 m große Forward hat sein Team dennoch in jeder der fünf wesentlichen Kategorien angeführt - vor ihm schaffte das unter Division-I-Freshmen bloß Ben Simmons (noch ein Nr.1-Pick), der LSU damals aber nicht ins NCAA-Turnier führen konnte.
Flagg hat das geschafft, und zwar in dominanter Manier. Duke hat ein starkes Team (unter anderem mit zwei weiteren möglichen Top-10-Picks in Kon Knueppel und Khaman Maluach), was die Blue Devils auch am Wochenende im ACC-Turnier unter Beweis stellen konnten, als sie ohne Flagg gegen North Carolina und Louisville gewannen.
Der Schlüssel für ihre dominante 31-3-Saison jedoch war ein Spieler, der erst im Dezember 18 wurde.
"Ein großer Teil [von unserem Erfolg] ist Cooper", sagt Jai Lucas, der bisher für Duke als Associate Head Coach fungierte und nun nach Miami wechselt. "Wenn dein bester Spieler jeden Tag erscheint und in der Lage ist, auf jeden einzugehen, dann sorgt das dafür, dass sich alle wohlfühlen und dass es Buy-In gibt. Es eliminiert die Egos. Es beginnt und endet mit Cooper."
Flagg hat über die Saison in vielerlei Hinsicht für Aufsehen gesorgt. Eine seiner definierenden Eigenschaften als College-Spieler ist die, dass es in seinem Spiel nicht die eine definierende Eigenschaft gibt - er kann Partien auf allen erdenklichen Wegen prägen, muss kein dominanter Scorer sein, um etwas beizutragen.
Wobei das durchaus auch geht. 42 Punkte schenkte er Notre Dame ein, beispielsweise, in 13 weiteren Spielen knackte er die 20 Punkte. Gegen Top-Gegner glänzte er in der Regel, seine durchschnittlichen Werte gegen die Top-Teams Kentucky, Kansas, Arizona und Auburn lagen fast alle über seinem Saisonschnitt.
Flagg ist ein Multi-Tool-Player; er kann Spiele mit seinem defensiven Playmaking verändern, holt haufenweise Steals und ist dank seiner Athletik und Instinkte ein starker Weakside-Shotblocker. Vorne ist er dynamisch, physisch auf dem Weg zum Korb, geht regelmäßig an die Freiwurflinie. Der Wurf ist noch "in Arbeit", am College indes fielen bereits recht gute 37% seiner Dreier bei ordentlichem Volumen (3,7 pro Spiel).
| Spiele | MIN | PTS | FG% | 3P% | REB | AST | BLK | STL |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 32 | 30,5 | 18,9 | 48,8 | 36,8 | 7,5 | 4,1 | 1,3 | 1,5 |
Fragezeichen stehen in erster Linie hinter seinem Ballhandling, das zum Teil noch etwas wacklig aussieht und womöglich darüber entscheiden wird, wie konstant er als Creator von Offense realistischerweise werden kann. Auch hier waren aber bereits Fortschritte zu erkennen, wie in nahezu jedem Bereich seines Spiels. Was nicht zuletzt an seiner Arbeitseinstellung liegt.
Als "Gym-Rat" bezeichnen ihnen nahezu all seine Mitspieler. Duke-Coach John Scheyer lobt ebenfalls: "Cooper hat sehr viel Bescheidenheit. Wenn man ihn spielen sieht, sieht man ein Selbstbewusstsein und ein Feuer, und das liebe ich. Aber er will auch wirklich bei jedem kleinen Detail gecoacht werden, und so etwas hat man entweder, oder man hat es nicht. Das macht ihn besser, und das macht auch alle anderen besser, weil er das beste Beispiel abgibt."
Es ist diese Kombination aus Talent, Wetteifer und dem unbedingten Willen, sich immer zu verbessern, die Flagg schon im Juniorenbereich zu einem so auffälligen Talent machte und die ihn auch die NCAA im Sturm erobern ließ. "Wie er jeden Aspekt des Spiels beeinflusst, ich glaube, das haben wir am College seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen", sagt Scheyer.

Schon gar nicht bei einem Freshman. Tatsächlich fällt es schwer, Flagg einzuordnen und mit anderen dominanten Freshmen oder Top-Picks in Relation zu setzen. Verglichen wird er bisweilen mit Davis, Zion, Jayson Tatum, auch Durant - im Prinzip gibt es aber nicht den einen etablierten Archetypen, zu dem er so richtig zu passen scheint (was sich auch daran zeigt, dass die vier genannten Spieler sich dramatisch voneinander unterscheiden).
Offensichtliche Hürden jedoch finden sich auch nicht; mindestens für beide Forward-Positionen bringt Flagg ideale körperliche Voraussetzungen mit, seine Vielseitigkeit gibt ihm schon jetzt einen hohen Floor, nur bezüglich seines Ceilings gibt es wenig Klarheit. Ist Flagg ein "Generational Talent" wie Victor Wembanyama, oder wird er am Ende so etwas wie der nächste Andrei Kirilenko mit wesentlich mehr Scoring-Upside (was ebenfalls ein All-NBA-Spieler wäre!)?
All das wird sich noch zeigen. Experten stimmen in jedem Fall nahezu alle darüber ein, dass Flagg ein "Sure Thing" ist, selbst wenn ihm der EINE Elite-Skill vielleicht noch fehlt - sein Wille, sein Fokus auf das Wesentliche und seine Einstellung sollen dafür sorgen, dass er sein enormes Potenzial ausreizen kann.
Am College fiel bereits auf, dass der Trubel um Flagg ihn nicht ablenken konnte. "Ihm geht es nur um den Wettbewerb", sagt Duke-Guard Tyrese Proctor. "Bei all dem Hype wäre es verständlich, wenn das ein bisschen mit ihm spielt, aber es berührt ihn überhaupt nicht. Er ist ein Gewinner, und etwas anderes interessiert ihn gar nicht. Er ist ein echter Teamspieler, der alles kann."
All das macht ihn auch für die NBA so interessant, so reizvoll. Trotz einiger starker Konkurrenten scheint sein Weg zur Nr. 1 im 2025er Draft schon vorbestimmt zu sein - wenn er denn selbst mitmacht. "Scheiße, ich würde am liebsten nächstes Jahr zurückkommen", sagte Flagg im Februar zu The Athletic über seine Duke-Zeit und sendete damit einige Schockwellen aus.
Es ist unklar, was daraus zu machen ist, in gewisser Weise wollte Flagg damit wohl auch unterstreichen, wie wohl er sich am Campus fühlt, wo er zum vielleicht letzten Mal in seinem Leben so etwas wie ein Kind sein kann. Abgesehen davon hat Flagg am College eben auch noch nicht alles erreicht, was es zu erreichen gibt.
Womöglich lässt sich das ja ändern. In jedem Fall geht Duke als Nr.1-Seed der East Region ins NCAA-Turnier (das erste Spiel gibt es Freitag ab 19.50 Uhr live bei Dyn), gilt als Topfavorit der Top-25-Umfrage der Associated Press. Was verständlich ist: Die Blue Devils hatten die beste Bilanz der Saison, sie haben die ACC dominiert. Und sie haben den besten Spieler, den - für kurze Zeit zumindest - Hauptdarsteller im US-Basketball.
Ole Frerks