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Coaching-Entscheidung wirf Fragen auf
Die Boston Celtics haben in Spiel 7 eine historische Niederlage gegen die Philadelphia 76ers kassiert und verabschieden sich früher als gedacht in den Urlaub. Besonders eine Coaching-Entscheidung von Joe Mazzulla wirft Fragen auf. Die Erkenntnisse zum Aus des 18-maligen Champions.

Joel Embiid war in den Spielen 5 bis 7 der dominante Faktor der Sixers und wie Joe Mazzulla selbst gesagt hat, hat sich die Serie verändert, als der Big wieder richtig auf dem Parkett war (Spiel 4 mal ausgenommen). Nachdem er sich in der ersten Hälfte von Spiel 5 vor allem auf seinen Distanzwurf verlassen hatte, ging ihm in der Halbzeit des besagten Spiels offenbar ein Licht auf.
Er erkannte, dass die Zeiten vorbei waren, in denen ein Al Horford oder Luke Kornet ihm in der Zone das Leben schwer machten und ihn immer wieder aus seinem präferierten Habitat drängten. Gegen die unerfahrenen Luka Garza und Neemias Queta sowie den unbeweglichen Nikola Vucevic gab es für den Big in der Zone kaum Gegenwehr. Er schubste die Bigs rum, hängte ihnen Fouls an oder spielte clevere Pässe aus dem Double-Team heraus.
Auch wenn Tyrese Maxey, Paul George und Rookie VJ Edgecombe ebenfalls viel Respekt für ihre Leistungen zu zollen ist, machten die letzten drei Spiele der Serie deutlich, wie viel besser ihr Spiel wird, wenn Embiid gemeinsam mit ihnen auf dem Feld steht. Räume für Drives werden größer, die Defensive traut sich nicht, zu hart zu closen, und freie Würfe entstehen, die es in den ersten Spielen schlichtweg nicht gab. Dass Embiid sein Team besser macht, ist auch nicht erst seit den Playoffs so: In der Regular Season stellten die Sixers ohne ihn nur eine durchschnittliche Offensive, mit ihm eine der besten der Liga.
Die Rückkehr Embiids demonstriert umso mehr, wie wichtig es in dieser Ära der Liga ist, einen dominanten Big zu haben, der entweder elitär verteidigt oder scort, wenn man in den Playoffs ein Wörtchen mitreden möchte. Die Nuggets haben Jokic, die Spurs Wemby, OKC Hartenstein und Holmgren, Minnesota Gobert, New York KAT, Cleveland Allen und Mobley, Detroit Duren und die Lakers mit Abstrichen Ayton. Für die Celtics gab es dafür in der Kaderplanung in der eigentlichen Zwischensaison ohne Jayson Tatum keinen Platz, was ihnen am Ende auf die Füße gefallen ist.
Dieses Problem hat auch Mazzulla erkannt und wollte die Sixers in Spiel 7 mit seiner Starting Five offenbar komplett aus dem Konzept bringen. Anstelle von Queta durfte Garza zum ersten Mal in seiner Karriere starten, genau wie Ron Harper Jr. und Baylor Scheierman. Dieser Versuch war dann nach vier Minuten Spielzeit und einer frühen 11:3-Führung für die Sixers beendet, also Payton Priytchard für Harper Jr. in die Partie kam. Nachdem die Sixers dann schon zweistellig führten, war auch der Arbeitstag für Garza (bis dahin schon 2 Fouls) so gut wie beendet.
"Ich denke, es gab ein paar Dinge, die wir taktisch ausprobieren wollten, um der Serie einen anderen Verlauf zu geben und das Beste aus unserem Kader herauszuholen. Vor allem mit den Spielern, die Einfluss auf das Spiel nehmen können. Die Jungs haben das gut umgesetzt, aber am Ende hat es nicht gereicht", erklärte Mazzulla seinen "Trick" mit der Starting Five.
Von "Einflussnahme" auf das Spiel kann man aus Boston-Sicht dabei allerdings nur im Negativen sprechen. Das unerfahrene Trio wirkte teilweise komplett überfordert mit der Physis der Sixers und der Schwere des Moments. Vor allem der 25-jährige Scheierman fiel vor allem durch wilde Abschlüsse auf, die seinem Team keinen Gefallen taten. Die erschreckende Bilanz der drei zusammen: 34 Minuten Spielzeit, 0 Punkte, 0/7 FG, sechs Rebounds, zwei Assists, zwei Steals, sechs Fouls und allesamt ein negatives Plus-Minus (Garza mit -15 der Spitzenreiter).
Obwohl sie Mitte des zweiten Viertels noch mal zurückkamen und kurzzeitig die Führung innehatten, hatte man das Gefühl, dass Boston diesem frühen Rückstand die gesamte Partie über hinterherlief. Von Beginn an war das Momentum auf Seiten der Sixers, die wie das bessere und willigere Team wirkten. Mazzulla wollte den erfahrenen Gegner mit seiner veränderten Starting Five kalt erwischen und ein paar unerwartete Punkte abluchsen, am Ende hat er sich aber selbst ausgetrickst.

Ein weiterer Punkt ist aber natürlich auch das Fehlen von Tatum. Der Superstar wirkte bereits wie der Spieler, der er vor seiner Archilliessehneverletzung war, nun machte ihm das linke Knie aber im wichtigsten Spiel der Saison einen Strich durch die Rechnung. Dabei hätten die Celtics ihren Superstar in dieser Partie mehr gebraucht als je in dieser Saison.
Dank einer grandiosen Coaching-Leistung von Mazzulla pflügten die Kelten überraschend durch die Regular Season, angetrieben von einem Jaylen Brown in All-NBA-Form und einem Kader, der fast auf allen Positionen überperformte. Man darf nicht vergessen, dass es kurz vor Tatums Comebacks Berichte gab, ob es tatsächlich sinnvoll wäre, dass es schon in dieser Saison zurückkommt, da man sich Sorgen um den Rhythmus des Teams machte.
Allerdings lehrten uns die Playoffs einmal mehr, dass man sie nicht mit der Regular Season vergleichen kann. Wenn die Offensive halbfeldlastiger wird, sind es nicht die Ergänzungsspieler, die Spiele entscheiden, sondern die Stars. Jaylen Brown (33 Punkte) und Derrick White (26) gaben ihr Bestes, in der Crunchtime fehlte aber einfach ein Scorer vom Kaliber eines Tatum.
Anstatt in die Zone zu ziehen und sich Würfe aus der Mitteldistanz zu erarbeiten, verließen die Celtics sich erneut zu sehr auf ihren Dreier, der sie schon in den Spielen 5 und 6 enttäuscht hatte. 13 ihrer 24 Würfe im Schlussviertel waren Dreier, wovon sie nur zwei Stück trafen. Sie nahmen acht Würfe mehr als Philly, gingen dafür aber siebenmal weniger für einfache Würfe an die Freiwurflinie. Auf der Gegenseite demonstrierte Maxey eindrucksvoll (10 Punkte, 2/3 FG, 6/6 FT), wie man Spiele in den wichtigen Momenten zumacht.
Man erinnere sich nur an das letzte Spiel 7 der beiden Teams in den Conference Semifinals 2023, als Tatum die Sixers mit 51 Punkten nach Hause schickte, und man weiß, wie sehr er seinem Team im diesjährigen Win-or-go-Home-Spiel gefehlt hat.

Jetzt verabschieden sich die Spieler aber erstmal in den wohlverdienten Urlaub und für Brad Stevens (President of Basketball Operations) beginnt die Arbeit. Die Celtics haben 180 Millionen an garantierten Gehältern für die kommende Saison in den Büchern stehen, weshalb ihnen die komplett Non-Taxpayer-Mid-Level-Exception (15 Mio.) und die Bi-Annual-Exception (5,4 Mio.) zur Verfügung stehen.
Diese gewisse Flexibilität dürfen sie zunächst nutzen, um Queta langfristig unter Vertrag zu nehmen. Der Portugiese hat bewiesen, dass er ein sehr wertvoller Big Man ist, weshalb seine Team-Option über 2,7 Mio. für das kommende Jahr fast schon lächerlich anmutet. Gleichzeitig müssen die Kelten sich aber dem vielzitierten "Bigger Picture" auf den großen Positionen annehmen. Vucevic war eine Notlösung, als Boston merkte, dass es doch besser war, als gedacht. Der Montenegriner war in den Playoffs aber im Grunde unspielbar.
Die Frage wird nur sein, ob sie sich nach einem Backup von Queta umschauen wollen oder ob Queta der Backup von einem hochdotierten Spieler wird. In Scheierman, Jordan Walsh oder auch Hugo Gonzales haben die Kelten einige vielversprechende Talente, die man im Paket mit beispielsweise Sam Hausers 10,8 Mio. für einen ordentlichen Center eintauschen könnte. Daniel Gafford, Onyeka Okongwu oder sogar Isaiah Stewart wären da nur ein paar interessante Kandidaten.
Ein wichtiges Gespräch steht zudem mit White an. Der 31-Jährige ist weiterhin einer der besten Guard-Verteidiger der Liga, seine Offense war über die Serie aber teilweise besorgniserregend. Nachdem er in den vergangenen Playoffs noch 18,8 Punkte pro Spiel augelegt hatte, waren es in dieser Postseason magere 11,1 Punkte. Er traf 32,1 Prozent aus dem Feld, 27,3 Prozent von draußen und wirkte immer wieder komplett verunsichert in seinen Aktionen.
Für einen Spieler, der die dritte Option - und ohne Tatum sogar die zweite - eines Teams sein soll, das um die Meisterschaft mitspielen will, ist das einfach zu wenig. Gut möglich, dass dies nur ein Ausrutscher war und die Celtics darauf vertrauen, dass er sich kommendes Jahr wieder fängt, es würde jedoch auch nicht verwundern, wenn sie zumindest die Lauscher bezüglich möglicher White-Angebote innerhalb der Liga aufsperren würden.
Gianluca Fraccalvieri