vor 22 Stunden
Magic vor Seriensieg gegen Nr.1-Seed Detroit
Nach einer von Verletzungen und Enttäuschung geprägten regulären Saison hat sich der Wind im floridianischen Orlando binnen weniger Wochen gedreht. Während Spieler und Trainer den Beginn der wichtigstenn Jahreszeit als Grund dafür anführen, ist die Wahrheit noch etwas vielschichtiger. Hier sind drei Gründe für den sportlichen Turnaround.

Basketball ist ein schnelllebiges Geschäft. Der Status Quo der Orlando Magic stellt das mal wieder unter Beweis. Es ist noch gar nicht lange her, da war die Stimmung nach der Niederlage gegen ein B-Team der Celtics am Boden. Heute, knapp zwei Wochen später, überwiegt die Euphorie. Orlando hat gerade das dritte der bislang vier Partien gegen die Detroit Pistons gewonnen und steht damit vor ihrem ersten Playoff-Seriensieg seit über 16 Jahren.
"Um ehrlich zu sein: Es sind einfach die Playoffs", versuchte Trainer Jamahl Mosley den sportlichen Turnaround zu erklären. "Man versucht einen Weg zu finden, wie man gewinnen kann - was auch immer es dafür braucht." Ähnlich sieht es auch Franz Wagner: "Wir können uns besser auf die Matchups vorbereiten und bestimmte Szenarien durchgehen."
Etwas kurz geraten diese Antworten dann aber doch. Schließlich trifft man bereits in der regulären Saison auf einige Gegner bis zu viermal. Und der Vorteil dürfte sich ohnehin erübrigen, weil für die Pistons ja selbiges gilt - auch diese können sich wiederholt und tiefgehend auf den Gegner vorbereiten. Im Vergleich von vor knapp zwei Wochen hat sich auf den ersten Blick zwar nicht viel getan, offensichtlich aber genug, dass das Auftreten der Mannschaft heute ein anderes ist.
Das große Fragezeichen in dieser Saison war immer die Verteidigung. Die Seite des Courts, die noch im Vorjahr als große Stärke zugeschrieben wurde, bereitete den Magic nun über weite Strecken große Probleme. Kommunikationsprobleme, fehlender Einsatz, Ausfälle. Das letztendliche Defensivrating von 113,6 war ligaweit nicht mehr als ein Durchschnittswert.
Das hat sich nun schlagartig geändert. Orlando agiert in der laufenden Erstrundenserie gegen Detroit wieder extrem physisch, ist aufmerksam und spielt als Kollektiv. In keinem der vier zurückliegenden Spiele ließ man über 105 Gegnerpunkte zu, zweimal blieb Detroit sogar zweistellig. Das Defensivrating von 100,3 ist das ligaweit beste in dieser Postseason.
Defensive hat freilich viel mit Teamchemie zu tun, mit Kommunikation untereinander und auch einem guten Matchplan des Trainers. Mindestens ebenso wichtig ist aber - das sieht man nun - der Einsatz der Spieler. Wie hoch ist der Wille, sich in die Bälle hereinzuwerfen? Wie hoch ist der Wille seine körperliche Unversehrtheit für das nächste Play in den Hintergrund zu rücken? Derzeit ist dieser Wille offenbar sehr hoch.

Nun ist dieser Punkt unter Vorbehalt zu betrachten. Im jüngsten Duell musste Franz Wagner wegen Wadenproblemen ausgewechselt werden. Ob er in der kommenden Nacht dabei sein wird, ist fraglich. Und dennoch sah die Rotation der Magic zuletzt endlich wieder nach dem Team aus, das man sich vor Saisonbeginn erhofft hat.
Das Star-Trio Banchero/Bane/Wagner hatte in dieser Spielzeit nur wenige Partien Seite an Seite bestreiten können. Dazu verpassten auch die beiden Guards Anthony Black und Jalen Suggs zahlreiche Spiele. "Wir hatten über die reguläre Saison hinweg viele Verletzungen und Zeug, das uns ein bisschen aus dem Rhythmus gebracht hat", führte Tristan da Silva gegenüber basketball-world.news aus.
Pünktlich seit dem Start der Postseason ist die Kernrotation Orlandos wieder fit, was Trainer Mosley ermöglichte die Spielzeit seines Schlüsselspieler hochzufahren. Alle fünf Starter haben seit den Play-Ins rund 15 Prozent mehr Minuten als noch in der Regular Season erhalten. Sie alle stehen jetzt deutlich über 30 Minuten pro Partie auf dem Parkett.
Die Niederlage gegen Boston im letzten Regular-Season-Spiel wog schwer. In den Play-Ins würden die Magic damit nicht mehr den Heimvorteil im Spiel um Platz 7 genießen. Das Spiel verloren sie letztendlich auch. Inzwischen könnte sich dieser Verlauf aber auch als Segen herausgestellt haben, weil die Floridianer so den Boston Celtics aus dem Weg gehen konnten.
Anders als bei diesen ist das Offensivspiel der Detroit Pistons weitgehend eindimensional. Wohl kein anderes Team, das derzeit in den Playoffs ihr Unwesen treibt, ist so stark auf einen Einzelspieler angewiesen. Co-Star Jalen Duren erhält von den Magic zudem die Aufmerksamkeit eines Starspieler - womit er schlicht nicht umzugehen weiß. Der All-Star-Center ist in den bisherigen Spielen nur ein Schatten seiner Selbst und wurde zuletzt immer stärker von Isaiah Stewart aus der Rotation gedrängt.

Mit einer zermürbend hohen Physis hatten es die Pistons geschafft, mehr als 60 Siege einzufahren. In Orlando trifft der Sieger der Eastern Conference jedoch auf ein Team, das dieses Spiel Mano-a-Mano mitgehen kann. Auch die Magic sehen in physischen, umkämpften Begegnungen ihre Stärken.
Die offensive Abhängigkeit von Cade Cunningham leidet darunter aber enorm. Der Point Guard führt den Ballvortrag in nahezu allen Spielminuten an, wird dabei hart angegangen und muss über 40 Minuten einen Bodycheck nach dem anderen einstecken. Das zehrt und fordert, je weiter das Spiel fortschreitet, seinen Tribut. Es ist kein Wunder, dass Detroits offensives Rating in den Schlussvierteln der laufenden Serie auf den katastrophalen Wert von 90,5 eingebrrochen ist. Kein anderes Playoff-Team ist auch nur in der Nähe dieser Zahl.
Aus Orlando/USA berichtet Julius Ostendorf