07.05.2025
Nuggets-Star mit neuer Rolle
Aaron Gordon hat die Denver Nuggets in diesen Playoffs bereits zweimal per Game-Winner gerettet. Seit Jahren nimmt der Forward in Denver eine Schlüsselrolle ein, in dieser Spielzeit jedoch hat er scheinbar eine neue Stufe erreicht - was womöglich auch mit einer persönlichen Tragödie zu tun hat.

Es gibt einen ganzen Haufen von Hall of Famern, denen es in ihrer Karriere nie vergönnt war, ein Playoff-Spiel per Game-Winner zu entscheiden. Aaron Gordon war bisher weder jemals ein All-Star, noch wird er (vermutlich) nach der Karriere in die Hall of Fame aufgenommen werden - dafür hat er nun binnen zehn Tagen zwei dieser Aktionen gehabt. Auswärts.
In der gesamten Play-by-Play-Ära (seit 96/97) hat das vor ihm laut StatsPerform noch nie jemand in einer Postseason geschafft.
In Spiel 4 der Erstrundenserie gegen die Clippers rettete Gordon womöglich die Saison seines Teams, als er einen Fehlwurf von Nikola Jokic fing und gerade noch rechtzeitig durch die Reuse drückte. In Spiel 1 gegen OKC schockierte er die Thunder mit einem Dreier in Transition, der zwar nicht mit der Sirene reinfiel, aber ebenfalls keine gegnerische Antwort mehr bekam.
Es mag auf den ersten Blick zufällig wirken, dass nicht Jokic oder der erwiesene Playoff-Killer Jamal Murray in diesem Playoff-Run (bisher) diese legendärsten aller Momente produzieren. Es ist aber kein Zufall. Weil Gordon vielleicht kein Superstar ist, aber von unschätzbarem Wert für sein Team, der dritte Eckpfeiler, "unsere Seele", wie es Jokic am Dienstag ausdrückte.
Und weil er es nach einem höllischen Jahr gelinde gesagt verdient hat.
Es ist kein Jahr her, dass sich Gordons Leben drastisch veränderte. Ende Mai, kurz nach dem Playoff-Aus der Nuggets gegen Minnesota, erreichte ihn die Nachricht, dass sein älterer Bruder Drew, der für ihn überdies der beste Freund gewesen war, in einem Autounfall sein Leben verloren hatte.
Drew Gordon hinterließ nicht nur Aaron, sondern auch einen zwölfjährigen Sohn aus voriger Beziehung sowie seine Witwe Angela mit ihren Söhnen Zayne (5) und Brody (2), für die auf einen tragischen Schlag alles anders war. Aaron Gordon versucht seither, die Lücke zu füllen, überredete Angela, mit den Söhnen in die Gegend von Denver zu ziehen, um ein ständiger Teil ihres Lebens sein zu können.
"Ich würde für diese Jungs alles tun. So einfach ist das. Es gibt nichts, das ich nicht für sie tun würde. Es hat da eine chemische Veränderung in meinem Hirn gegeben", erklärte Gordon gegenüber Andscape. "Er ist unser Licht in der Dunkelheit", sagte Angela über den so involvierten Onkel, der Zayne und Brody nach Spiel 1 mit aufs Podium nahm.
Zu Ehren seines Bruders änderte Gordon vor der Saison seine Trikotnummer von 50 auf 32, um Drew immer bei sich zu haben. Die Verantwortung, die er für seine Neffen übernimmt, helfe ihm ebenso dabei, mit der eigenen Trauer fertigzuwerden und resilient zu bleiben, wie es Gordon selbst ausdrückte.
"Ich will, dass meine Neffen aufwachsen und eine starke, resiliente männliche Figur in ihrem Leben haben", sagte Gordon. "Es kann immer schlimmer sein. Ich weiß, dass ich meinen Bruder mit mir trage. Ich halte die Familie zusammen und versuche, ein Fels für den Rest der Familie zu sein."
Zudem flüchte er sich in die Beschäftigung, für die ihn der Großteil der Welt normalerweise auf dem Schirm hat. Basketball. Was wohl mit dazu beigetragen hat, dass Gordon in gewissen Bereichen die beste Saison seiner Karriere hingelegt hat.
Hätte vor Jahren jemand Playoff-Buzzerbeater Gordons vorhergesagt, dann vermutlich in der Art wie von dem gegen die Clippers: Ein unglaublicher Athlet ist der Forward schon immer, nicht aus Zufall hat er einige der besten Performances der Dunk-Contest-Geschichte hingelegt.

Fast ein Drittel seiner Field Goals sind Dunks, seit Jahren konstruieren Teams ihre Defensiven so, dass Lobs von Jokic auf Gordon möglichst unterbunden werden. Es klappt dennoch ständig, weil er ein so dynamischer Leaper mit gutem Gespür für den Raum ist, und weil Jokic, nun, alles sieht.
Der Dreier jedoch? Die Freiwürfe, die Gordon gegen OKC wenige Sekunden zuvor traf? Das waren Schwächen - Teams konstruierten ihre Defensiven so, dass Gordon ruhig von draußen draufhalten sollte, verteidigt wurde er am Perimeter selten. 33 Prozent seiner Dreier trifft Gordon über seine Karriere, 69 Prozent von der Freiwurflinie.
In dieser Spielzeit ist das anders. In der Regular Season knackte Gordon fast 44% von draußen sowie 81% von der Linie - eine dramatische und zu diesem Karrierezeitpunkt schockierende Steigerung. "Er lebt wortwörtlich in einer Halle", sagte Christian Braun über Gordon. "Wenn du direkt vom Bett in die Halle kannst, hilft das wohl ein bisschen."
Tatsächlich hat Gordon in Denver ein altes Lagerhaus zu seinem Zuhause umfunktioniert und darin einen Court, den er immer dann nutzt, wenn er nachts nicht schlafen kann. Ob das alles ist? In jedem Fall wirkt die Bewegung runder, und es wird zunehmend riskanter, Gordon tatsächlich blank draußen stehen zu lassen.
"Du kannst ihn überall auf dem Court hinstellen", sagte Murray über ihn. "Er ist im Post ein Matchup-Problem. Eine Bedrohung von überall. Und er ist über die Saison besser und besser geworden. Wenn man sich seinen Wurf jetzt ansieht, ist es keine Überraschung, dass die Dreier im Spiel reinfallen."
Es ist eine weitere Facette, mit der Gordon die Nuggets bereichert. Seit seinem Trade im März 2021 macht er das ohnehin in nahezu jedem Aspekt des Spiels: Gordon ist ein starker Play-Finisher, der beste Athlet und Verteidiger im Team. Er ist ein guter Passer. Wenn jetzt auch noch der Wurf fällt, gibt es keinen Wunsch mehr, den er als Rollenspieler deluxe noch offen lässt.

Wobei ihm diese Bezeichnung nicht gerecht wird. Dass Denver diese Saison "nur" 50 Siege einfuhr, hatte viel damit zu tun, dass Gordon aufgrund von Verletzungen nur 51 Spiele absolvieren konnte. Die Nuggets sind ein anderes Team, wenn er zur Verfügung steht, gerade defensiv. "Seele des Teams" trifft es besser, zumal Gordon aktuell auch noch verletzt spielt.
"Er geht ein Risiko ein, wann immer er explodiert und springt", sagte Interims-Coach David Adelman über die noch immer bestehende Wadenverletzung. "Wir wissen, was er für uns alles leistet. Wir wissen, dass es dabei ein Risko gibt."
Es gibt aber eben keine Alternative. Weshalb Gordon fast 40 Minuten pro Spiel auf dem Court steht, Tendenz gegen OKC vermutlich steigend. Nachdem er zuvor bereits über sieben Spiele als primärer Verteidiger gegen Kawhi Leonard bestehen musste. Die Liste an Anforderungen, die Denver Spiel für Spiel an Gordon stellt, ist lang.
Das Wort "Closer" zählte bisher nicht zu seinem Rollenprofil, das hält ihn jedoch offensichtlich nicht davon ab, nun auch Spiele in dramatischer Manier zu entscheiden. Er versuche einfach nur, jederzeit das richtige Play zu machen und für sein Team da zu sein, sagte Gordon im Anschluss an den zweiten Streich.
Seine Rolle, seine Würfe oder seine "Clutchness" wollte Gordon nicht überhöhen. Was auch nicht wirklich passen würde. Wie er vor kurzem gegenüber Andscape erklärte, war es nicht zuletzt der Fokus auf das Wesentliche, der ihm dabei half, dieses Jahr zu überstehen. "Es kommt alles auf die Perspektive an", erklärte Gordon.
"Meine Neffen sind gesund. Meine Familie ist gesund. Für meine Familie ist gesorgt. Ich tue etwas, das ich absolut liebe, und habe die Möglichkeit, das auf dem höchsten Level zu tun. Es geht für mich also darum, positiv zu bleiben, konstant zu bleiben, fokussiert zu bleiben und die Hauptsache als die Hauptsache anzusehen, nicht den Faden zu verlieren."
Ole Frerks