06.05.2025
Wie geht es mit L.A. weiter?
Die L.A. Clippers gingen als eins der besten Teams der Liga in die Playoffs und waren erstmals seit Jahren gesund, als es darauf ankam - trotzdem schieden sie abermals in der ersten Runde aus. Welche Schlüsse zieht die Franchise daraus?

Einzelne Szenen entscheiden normalerweise keine ganzen Spiele. Zumindest nicht dann, wenn diese Spiele deutlich verlaufen. Szenen mit großem Symbolwert kann es dennoch geben, auch schon früh im Spiel, wenn nüchtern betrachtet noch gar nichts entschieden ist. Gegen Ende des zweiten Viertels von Game 7 zwischen den Clippers und Denver gab es eine solche Sequenz.
Russell Westbrook hatte sich gerade für zwei Freiwürfe an die Linie begeben. Der erste saß, der zweite jedoch nicht, kein Schocker bei Russ, der seit Jahren nicht mehr die 70 % vom Charity Stripe geknackt hat. Geht er an die Linie, muss jeder potenzielle Rebounder also wachsam sein - es könnte Arbeit geben.
Die Clippers wissen das eigentlich - vergangene Saison war Westbrook noch einer von ihnen. Ivica Zubac und Nic Batum boxten ihre Matchups aus, James Harden jedoch stellte sich nicht in den Weg Westbrooks. Dieser flitzte dem eigenen Fehlwurf selbst hinterher, griff sich den Rebound und legte den Ball direkt selbst wieder hoch. So wurden aus einem Punkt 3, völlig überflüssigerweise aus Clippers-Sicht. Fehler dieser Art sind schon im Jugendbasketball schwer zu verzeihen, erst recht aber in einem Game 7, wo Gedankenschnelle und Effort so oft entscheidend sind.
Die Clippers sind letzten Endes nicht an einer Aktion gescheitert. Vermeidbar war das Aus in Runde eins aber genau wie dieser Putback von Westbrook; diesmal waren es nicht Verletzungen, die ihre Saison zerstörten. Sie waren gesund, als es darauf ankam. Es reichte trotzdem nicht. Welche Schlüsse kann die Franchise daraus ziehen?
Es lohnt sich in diesem Fall, einen kleinen Schritt zurückzumachen. Großer Ärger über die knapp verlorene Nuggets-Serie, in der die Clippers am Ende 6 Punkte mehr erzielten als Denver und die Spiele 1 und 4 maximal unglücklich mit je 2 Punkten Unterschied verloren, ist verständlich und angebracht - sie sahen gerade zu Beginn der Serie wie das bessere, das tiefere Team aus.
Sie kamen jedoch von ganz woanders. Denver galt vor der Saison als einer der Titelkandidaten; die Clippers galten als abgehängt, als "am Ende", nachdem sie Paul George nach Philadelphia hatten ziehen lassen und niemand wissen konnte, wann Kawhi Leonard dem Team nach seiner Verletzungspause wieder zur Verfügung stehen würde. Etliche Experten sahen die Clippers nicht einmal als Playoff-Team.
Stattdessen holten sie die gleiche Bilanz wie die Nuggets und Lakers (50-32) und gingen mit Kawhi sogar als eins der heißesten Teams des Westens in die Postseason. Das Ende war nicht gut, der Weg dorthin jedoch machte die Clippers zu einer der positiven Überraschungen der NBA-Saison.
Harden spielte so gut, dass er erstmals seit 2020 ein All-NBA-Team erreichen könnte. Ivica Zubac wurde Zweiter im Most-Improved-Player-Voting und Norman Powell hätte dafür einen ähnlich guten Case gehabt, wenn er die 65-Spiele-Marke geknackt hätte. Mit kleineren Verpflichtungen bauten sich die Clippers eine starke Defensiv-Maschine, die in der Regular Season das Maximum aus ihren Möglichkeiten herauspresste.
Natürlich überwog diese Einschätzung nach dem Saison-Aus gegen Denver trotzdem nicht. "Es war eine gute Regular Season", sagte Zubac. "Aber wir spielen nicht für die Regular Season. Wir spielen für die Playoffs. Und wir sind in der ersten Runde ausgeschieden."
Korrekt. Tatsächlich sind die Clippers weiterhin eins der sechs Teams im Westen, die seit 2021 keine einzige Playoff-Serie gewonnen haben. Zum zweiten Mal in Serie schieden sie am Geburtstag von Head Coach Tyronn Lue aus der Postseason aus. Und anders als in den vorigen Jahren gab es diesmal eben keine eingebaute Entschuldigung, keinen richtig guten Grund dafür.

Wobei Lue nach dem Ausscheiden dennoch versuchte, einen solchen zu finden. "Die beiden eine ganze Saison über zu haben, wäre großartig", sagte der Coach über sein Star-Duo Leonard und Harden. "Wenn dein bester Spieler 45 Partien verpasst, ist es nicht leicht, deinen Rhythmus zu finden. Aber ich denke, wir haben es gut gemacht und die Jungs sind drangeblieben."
Falsch ist das nicht, gleichzeitig ist es bei Leonard bekanntlich seit Jahren normal und erwartbar, dass es diese Ausfallzeiten gibt, die der Teamchemie und Automatismen im Weg stehen. Diese Spielzeit verlief in der Hinsicht erfolgreicher als die vergangenen Jahre, da der zweimalige Finals-MVP erstmals seit 2020 mal wieder auch im letzten Playoff-Spiel noch zur Verfügung stand.
Die Clippers waren im Rhythmus - sie gewannen 18 der letzten 21 Spiele, ehe die Postseason losging. Dort waren sie nicht gut genug; Kawhi war dominant in Spiel 2 und im Anschluss phasenweise immer wieder gut, er riss die Serie aber nicht mehr an sich. Harden startete brillant und demonstrierte gleichzeitig mal wieder alle Aufs und Abs, die seine Playoff-Karriere seit etlichen Jahren begleiten.
Spiel 6 war noch einmal Vintage Harden. Die Clippers kämpften zuhause gegen das frühzeitige Saisonaus und der 35-Jährige war zur Stelle: 28 Punkte und acht Assists legte er gegen die Elimination auf, riss Lücken und dirigierte das Spiel der Clippers so, wie er es fast die gesamte Saison über getan hatte.
Dieser Spieler war in Game 7 nicht mehr da - es war die andere Art von Vintage Harden, eine Playoff-Stinkbombe trotz 13 Assists, von denen er über seine Hall-of-Fame-Karriere gerade in Elimination Games schlichtweg schon viel zu viele hatte. Zumal es nicht nur an Scoring fehlte - er lief nicht zurück, reboundete nicht, wirkte apathisch und kraftlos (am Ende: 7 Punkte, 2/8 FG, 5 Rebounds). Nach dem Spiel verweigerte er Interviews, wie nach den vorigen Spielen.
Es war ein bitteres Ende für eine eigentlich exzellente Harden-Saison. Die noch einmal verdeutlichte: Harden zählt zu den besten offensiven Floor-Raisern der Geschichte, gerade in der Regular Season. Ohne sein Scoring und Playmaking übersteht das Team keine halbe Saison ohne Kawhi und gewinnt 50 Spiele. In den Playoffs jedoch ist er inkonstant, was sich auch mit zunehmendem Alter nicht bessern wird. Für Upside in den Playoffs ist er nicht zuständig, nicht wirklich jedenfalls.
Bei Leonard war das mal anders. Die Hoffnung der Clippers lautet nach wie vor, dass er diesen Status noch einmal dauerhaft erreicht, wobei ihnen Mut machen könnte, dass er nach seinem Comeback mit der Zeit deutlich mehr Minuten gehen konnte und sein Knie wohl solide damit zurechtkam.
"Es gibt noch ein anderes Level für ihn, das er nächstes Jahr erreichen wird", gab sich Team-Präsident Lawrence Frank am Montag optimistisch. "Ich denke, wir können nächstes Jahr noch besser sein, wenn wir mehr Spiele von Kawhi bekommen."
Andernfalls spiegeln die Clippers als Team eher Harden: Der Floor ist hoch, es existiert ein hohes Level an Kompetenz, gerade defensiv. Das Ceiling jedoch ist bei anderen Teams höher. Und ohne eine "echte" Kawhi-Renaissance, also eine All-NBA-Saison UND Gesundheit in den Playoffs, wird sich bis auf weiteres nicht viel daran ändern.

Durch den (richtigen) Verzicht auf George haben sich die Clippers aus ihrer finanziellen Zwickmühle herausgearbeitet und sind kein Apron-Team mehr. Großen Spielraum haben sie trotzdem nicht; auslaufende Verträge sind zwar da, tradebare Picks oder junge Spieler haben sie aber nahezu gar nicht, 24/25 hatten sie den ältesten Kader der Liga.
Den höchsten Tradewert hätte aktuell vermutlich Zubac, der auf einem Top-Vertrag bis 2028 an die Franchise gebunden ist, in ihrer aktuellen Saison ergäbe es für L.A. jedoch keinen Sinn, den kroatischen Center abzugeben. Zumal: Nicht nur aufgrund der fehlenden Picks will die Franchise keinen Rebuild.
Steve Ballmer hat gerade erst die Premierensaison in seinem luxuriösen Intuit Dome zelebriert und will dort guten Basketball sehen. Diesen Gefallen taten ihm die Clippers durchaus, und die Heimspiele zeigten, welche Euphorie bei den Fans dieser so lange so inkompetenten Franchise entfacht werden konnte. Die Clippers tun gut daran, nicht mit einer 30-Siege-Saison daran anzuknüpfen.
Entsprechend dürfte Kontinuität ihre Offseason bestimmen. Leonard steht noch bis 2027 unter Vertrag. Harden verfügt über eine Spieler-Option (36 Mio. Dollar), könnte aber auch darauf verzichten und etwas weniger Geld, dafür aber mehr Jahre fordern.
"Wir haben eine große Wertschätzung für das, was James in diesem Jahr geleistet hat", sagte Frank. "Ich gehe mit der Absicht in die Offseason, dass wir, wenn er seine Option nicht zieht, in der Lage sein werden, eine Einigung zu finden, die sowohl für ihn als auch für uns gut funktioniert."
Das Front Office hat vergangenen Sommer gezeigt, dass es den Kader mit kleineren Deals sinnvoll verstärken kann. Es ist damit zu rechnen, dass das auch 2025 wieder versucht wird. Nach den Investitionen in die Defense könnte nun die Offense wieder etwas stärker in den Fokus rücken, nachdem der Deadline-Trade für Bogdan Bogdanovic nicht sonderlich gut funktionierte.
Sind durch solche kleineren Deals große Sprünge möglich? Wahrscheinlich nicht - einen großen Sprung könnten die Clippers mit dem 2019er Kawhi machen, aber das ist ein Thema für sich. So oder so gibt es aktuell keine sonderlich gute Alternative dazu, die Band zusammenzuhalten, ohne sich dabei die Flexibilität in der Zukunft zu verbauen.

Mit einem Auge schielt die Franchise womöglich schon auf die Ära nach Kawhi und könnte versuchen, die Bücher über 2027 einigermaßen sauber zu halten. Und dabei ein gutes Team zu bleiben. 24/25 ist ihnen dieser Spagat alles in allem sehr gut gelungen. Auch wenn die Träumereien, dass für dieses Team vielleicht sogar mehr möglich war, sich am Ende nicht bestätigten.
"Es war großartig, dass wir das erste Mal seit langem gesund waren, aber das bedeutet nicht, dass man nur eine Chance bekommt", sagte Frank. "Wir werden es weiter versuchen und gleichzeitig waren wir schon immer offen dafür, aus unseren Fehlern zu lernen und Bereiche zu finden, die wir korrigieren und verbessern können."
Boxout beim gegnerischen Freiwurf wäre einer dieser Bereiche. Natürlich aber nicht der einzige.
Ole Frerks