vor 10 Stunden
Kommentar zur Heim-WM
Es ist bitter. Deutschland verliert das Spiel um Bronze mit 58:81 gegen Spanien und beendet die Heim-WM auf Platz vier. Keine Medaille. Kein Happy End. Und trotzdem: Was in Berlin passiert ist, dürfte wichtiger sein als ein verpasstes Podium. Ein Kommentar …

Der deutsche Frauenbasketball hat in diesen zehn Tagen einen Sprung gemacht - auf dem Parkett und darüber hinaus. Nicht ohne Grund sprach Bundestrainer Olaf Lange nach dem historischen Halbfinaleinzug vom "besten Tag im deutschen Basketball".
Vor dieser WM war die Frage: Kann Deutschland auf der großen Bühne mithalten? Nach der Auftaktniederlage gegen Spanien schien die Antwort zunächst ernüchternd. 53:83, ein 30-Punkte-Dämpfer vor vollem Haus. Doch die Mannschaft zerbrach daran nicht. Im Gegenteil.
Japan, Mali, Korea, Belgien - vier Siege in Folge. Im Viertelfinale warf man den amtierenden Europameister aus dem Turnier. Erst Frankreich stoppte den Lauf, danach war Spanien im Spiel um Platz drei erneut zu stark. Deutschland verlor ausschließlich gegen Gegner, die am Ende auf dem Treppchen standen.
Natürlich heißt das nicht zwangsläufig, dass das deutsche Team ab jetzt dauerhaft zu den vier besten der Welt gehört. Lange meint selbst: "Die Zukunft wird das zeigen." Aber seine Mannschaft hat die Tür zur Weltspitze aufgestoßen.
Und das mit einem Kader, dessen Entwicklung noch längst nicht am Ende ist. Leonie Fiebich formulierte es treffend: "Unser Team ist sehr jung. Wir versuchen Erfahrung zu sammeln in diesen großen Turnieren und das wird uns in der Zukunft helfen." Die 26-Jährige wurde ins All-Star-Team gewählt, Nyara Sabally ins All-Second Team. Dazu kommt: Satou Sabally fehlte. Niemand weiß, wie weit Deutschland mit seiner wohl besten Einzelspielerin gekommen wäre.

236.015 Zuschauer kamen in Berlin zu den 36 Spielen. Das ist Rekord für eine Frauen-WM. Basketball-Legenden wie Dirk Nowitzki, Pau Gasol oder Sue Bird waren dabei. NBA-Profi und Männer-Kapitän Dennis Schröder sah viele der deutschen Spiele live. Der Frauenbasketball erfuhr in diesen Tagen eine Sichtbarkeit, die es hierzulande so noch nie gegeben hat.
Vor allem kamen viele Kinder. Vor den Hallen warteten hunderte von ihnen auf Autogramme. Die deutschen Spielerinnen sind für eine neue Generation zu Vorbildern geworden. Und die DBB-Frauen haben das gespürt. Immer wieder schwärmten sie von der Stimmung und den Fans auf den Rängen.
Alexandra Wilke sagte nach dem Turnier, sie habe das Gefühl, dass die WM dem Sport "mehr Aufmerksamkeit" gegeben habe. Olaf Lange sprach von "einer unglaublichen Motivation für junge Kinder, zu spielen".
Die Heim-WM hat einen Hype ausgelöst. Sie hat Hallen gefüllt und neue Fans erreicht. Aber sie kann nicht dafür sorgen, dass daraus nachhaltige Entwicklung entsteht. Dafür muss auch die DBBL nachziehen.
Lange hat am Sonntag noch einmal auf die Probleme der Frauen-Bundesliga hingewiesen. Wenn dieser vierte Platz tatsächlich der Beginn einer neuen Ära sein soll, müssen Strukturen, Professionalität und internationale Wettbewerbsfähigkeit auch im eigenen Land Schritt für Schritt mitwachsen. Denn Basketball-Deutschland kann und will noch mehr.
Wilke beschrieb ihre Mannschaft als "Familie". Kapitän Marie Gülich erklärte: "Ich liebe dieses Team." Der immense Zusammenhalt hat die deutschen Frauen stärker gemacht und - um es mit den Worten des Coaches zu sagen - sie zuweilen besser spielen lassen, als sie sind. Besser als sie es jemals zuvor taten.
Die Medaille fehlt. Das tut weh. Aber der deutsche Frauenbasketball hat in Berlin vieles gewonnen: neues Selbstbewusstsein, neue Fans, neue Aufmerksamkeit - und vor allem die Gewissheit, dass er auf der großen Bühne mithalten kann.
Franziska Staupendahl