vor 9 Stunden
Center kämpft um NBA-Vertrag
Christoph Tilly ist in Deutschland ein weitestgehend unbeschriebenes Blatt, dennoch kämpft der frühere Alba-Youngster derzeit um einen Vertrag in der NBA. Wer ist der 23-Jährige und wie könnte es für ihn weitergehen?

Es ist gar nicht so lange her, da hätte es in Basketball-Deutschland einen größeren Hype um Christoph Tilly gegeben. Ein Deutscher in der NBA Summer League, der dann auch noch bei einem der besten Teams der Liga einen Vertrag für die Vorbereitung bekommt? Davon gab es in Deutschland nicht so viele.
Im Jahr 2026 ist Deutschland aber Welt- und Europameister, im Draft wurden mit Hannes Steinbach, Christian Anderson Jr. und Jack Kayil gleich drei Deutsche gedraftet und insgesamt werden mit Dennis Schröder, Franz Wagner, Tristan da Silva, Isaiah Hartenstein, Moritz Wagner, Ariel Hukporti (leider verletzt) sowie Steinbach und Anderson gleich acht deutsche Akteure in der besten Liga der Welt spielen - mindestens.
Denn noch kämpft eben jener Tilly um seine NBA-Chance. Ein 23-Jähriger, den die breite Öffentlichkeit in Deutschland kaum kennt und der auf der Seite der FIBA nur schwer zu finden ist, weil er in der Jugend noch unter Marc Tilly (seinem ersten Vornamen) registriert wurde. Lediglich an der U16-EM 2019 nahm Tilly für den DBB teil, in diesem Jahr stieg der Verband ab, bevor die Generation um Anderson und Steinbach das deutsche Team wieder in die Division A beförderte.
| Saison | Team | PTS | FG% | REB | AST |
|---|---|---|---|---|---|
| 22/23 | Santa Clara | 5,1 | 54,1 | 2,7 | 0,7 |
| 23/24 | Santa Clara | 9,4 | 55,2 | 4,5 | 1,9 |
| 24/25 | Santa Clara | 12,5 | 55,4 | 4,9 | 1,9 |
| 25/26 | Ohio State | 11,1 | 47,9 | 4,7 | 2,3 |
Tilly war fünftbester Scorer dieser Mannschaft und genoss zu dieser Zeit die Alba-Schule. In seiner frühen Kindheit zog er mit seinen Eltern nach Chile, doch als die Familie nach Berlin-Friedrichshain zurückkehrte, landete Marc Christoph an einer von Albas Partnerschulen. "Damals hat mich ein Lehrer angesprochen, ob ich nicht mal zum Probetraining kommen will", erinnerte sich Tilly später. Es sollte sich lohnen. Ein paar Mal stand der Big Man auch im Alba-Kader (auch in den Playoffs), sah aber keine Minuten und verbrachte stattdessen zwei Jahre bei Partnerklub Lok Bernau in der drittklassigen ProB.
Dort spielte der damals 18-Jährige eine gute Rolle, wechselte dann aber vor der NIL-Explosion aufs College zu Santa Clara, einer kleinen Uni in Kalifornien. Dort spielte Tilly unter anderem mit dem heutigen Warriors-Guard Brandin Podziemski und steigerte seine Produktion Jahr für Jahr, bevor er für seine Senior-Season zu Ohio State wechselte. Mit durchschnittlich 11,1 Punkten und 4,7 Rebounds war Tilly hier einer der Anführer.
Dabei bewies der Deutsche, dass er auch in der deutlich physischeren Big-Ten-Conference mithalten konnte. Denn: An den spielerischen Fähigkeiten gab es kaum Zweifel. "Er hat ein tolles Spielverständnis und gute Fähigkeiten, um zu scoren", schwärmte OSU-Coach Jake Diebler bereits, bevor Tilly überhaupt ein Spiel für die Buckeyes absolvierte. "Er kann passen, schnelle Entscheidungen treffen. Das ist eine gute Kombination."

Auch in der Summer League deutete der Deutsche das an. In sechs Spielen stand er knapp 16 Minuten im Schnitt auf dem Feld, dabei gelangen 6,0 Punkte und 2,8 Rebounds. Keine besonderen Statistiken, aber die Thunder wollten vom Big Man mehr sehen und im September unterschrieb Tilly einen Exhibit-10-Vertrag. Bedeutet: Er bestreitet die Saisonvorbereitung für OKC und kann sich dort für mehr empfehlen. Es besteht dann die Möglichkeit, diesen in einen garantierten Vertrag oder einen Two-Way-Contract umzuwandeln. Bei einer Entlassung hätten die Thunder dann auch das Erstrecht, Tilly für das G-League-Team zu gewinnen.
Das ist erst einmal Theorie, doch das klare Ziel ist es, einen garantierten Vertrag in der NBA zu bekommen. Bei den Thunder könnte das schwierig werden, weil dort auf der Center-Position viel Konkurrenz vorherrscht, doch es soll durchaus Teams geben, für die sich Tilly mit seinen bisherigen Vorstellungen auf dem NBA-Parkett empfehlen konnte.
So gelang Tilly beim ersten Preseason-Spiel gegen New Orleans in 25 Minuten neun Punkte und vier Rebounds. Dabei sah man erneut, dass der Deutsche in Korbnähe guten Touch besitzt und in der Lage ist, seine Mitspieler durch schnelle Entscheidungen zu finden. Für seine Größe bewegt sich Tilly auch sehr flüssig, auch wenn er defensiv durchaus angreifbar ist. Vom Spielerischen erinnert einiges an den jungen Moritz Wagner, auch wenn der 23-Jährige nicht so emotional daherkommt.
Wir benötigen Ihre Zustimmung, um den Instagram-Service zu laden!
Wir verwenden Instagram, um Inhalte einzubetten. Dieser Service kann Daten zu Ihren Aktivitäten sammeln. Bitte lesen Sie die Details durch und stimmen Sie der Nutzung des Service zu, um diese Inhalte anzuzeigen.
Wie so oft wird die Frage sein, ob Tilly eine Nische findet. Ein "Swing Skill" dürfte hierbei der Wurf sein. Tilly nahm in seiner letzten College-Saison knapp zwei Dreier pro Spiel, doch bei gut 120 Versuchen verwandelte er lediglich 27,2 Prozent. Dies ist für einen Offensiv-Center definitiv noch eine Baustelle, wobei die Freiwurfquote von 72 Prozent hier auch nur bedingt Hoffnung macht.
Gut eine Woche Zeit bleibt Tilly noch, um Eigenwerbung zu betreiben, dann wird sich zeigen, wie es für den gebürtigen Kieler weitergeht. Europa ist allerdings keine Option, auch wenn sein Heimatklub Alba Berlin aufgrund der Verletzung von Norris Agbakoko eifrig den Center-Markt prüft. "Zu 100 Prozent" werde Tilly in dieser Saison in den USA bleiben, sagt Tillys Berater Milan Nikolic gegenüber basketball-world.news.
In OKC zeigt man sich derweil zufrieden, auch wenn Coach Mark Daigneault nicht direkt über Tilly sprach: "Die Jungs, die wir für die Vorbereitung geholt haben, machen es bisher wirklich gut und helfen uns im Training wirklich." Zur Belohnung wird es in der Nacht auf Dienstag noch einmal ordentlich Spielzeit geben, wenn OKC ohne die wichtigsten Spieler nach Atlanta reist. Es dürfte noch einmal die Chance für Tilly sein, um sich auf hohem Niveau für einen Vertrag zu empfehlen.
Robert Arndt