19.05.2025
Veränderungen werden kommen
Die Boston Celtics sind deutlich früher als geplant aus den Playoffs ausgeschieden. Nun stehen in der Offseason Grundsatzfragen an - die durch die dramatische Verletzung von Jayson Tatum deutlich lauter werden. Es ist gut möglich, dass der noch amtierende Meister dieses Team nicht zusammenhalten kann.

Was für einen Unterschied zwei Wochen machen können.
Anfang Mai war die Welt in Boston noch fast in Ordnung: Der Titelverteidiger hatte gerade Orlando in fünf Spielen eliminiert, hatte zwar offensichtlich nicht die besten Versionen seiner Stars Jaylen Brown und Kristaps Porzingis im Kader, aber sonst lief’s - zumal in Runde zwei ein Gegner wartete, den man über die Regular Season nach Strich und Faden dominiert hatte.
Nun. Nicht nur, dass dieser Gegner zwar phasenweise dominiert, aber dann trotzdem nicht geschlagen wurde. Oder, dass sich in Spiel 4 dann auch noch der bis dahin fast unzerstörbare Jayson Tatum die Achillessehne riss. Oder, dass sich das Team nach einem letzten Kampf in Game 5 den Knicks dann im sechsten Spiel chancenlos geschlagen geben musste.
Die Celtics sind nicht nur früher aus den Playoffs rausgeflogen, als dass irgendjemand geplant oder erwartet hatte. Sie stehen nun auch noch vor der Frage, ob dies bereits der letzte Anlauf dieses eigentlich so gut zusammengestellten Teams gewesen sein könnte.
"Gegen die Knicks zu verlieren, fühlt sich an wie der Tod", sagte Brown, der verbliebene Star, der selbst mit einem angerissenen Meniskus spielte, nach der Rutsche in Spiel 6. "Aber mir wurde immer beigebracht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Ich weiß, dass es in Boston gerade düster aussieht. Aber es gibt viel, auf das man sich freuen kann. Das hier ist nicht das Ende."
Im Prinzip liegt Brown nicht falsch damit. Mit Ausnahme von Al Horford, der ein Karriereende zumindest nicht ausschließen wollte, und Game-5-Held Luke Kornet stehen alle wichtigen Spieler der 25/26er Rotation auch im kommenden Jahr unter Vertrag. Brown und Tatum sind im besten Basketball-Alter; Tatum wird, wenn er von seiner Verletzung zurückkehrt, 28 oder 29 Jahre alt sein. Er sollte dann noch immer ein gutes Fundament für einen Contender darstellen können, wie er das über die acht Jahre seiner Karriere bisher fast immer getan hat.
Selbst ohne ihn hätten die Celtics sportlich wohl die Qualität, kommende Saison im geschwächten Osten eine Rolle zu spielen; nicht als echter Contender zwar, dafür ist Tatum zu essenziell, aber als solides Playoff-Team, das theoretisch darauf hoffen könnte, den Star kurz vor Playoff-Start wieder zurückzubekommen.
Es geht in Boston jedoch längst nicht mehr nur um sportliche Fragen.

6,1 Milliarden Dollar wird die neue Besitzergruppe um Bill Chisholm bezahlen, um die Celtics von der vorigen Gruppe um Wyc Grousbeck abzulösen. Kommende Saison käme Stand jetzt eine halbe Milliarde allein mit Gehältern und Luxussteuern hinzu - bevor Horford oder Kornet neue Deals haben. Die Celtics werden 25/26 teurer als das Flugzeug, mit dem sich Donald Trump gerade beschenken ließ.
Das Geld ist dabei nicht das einzige Problem - Boston läge damit zum zweiten Mal in Serie über dem Second Apron, was mit Einschränkungen einhergeht. Den 2033er Erstrundenpick etwa könnten die Celtics kommende Saison nicht traden, weitere Restriktionen, welche die Flexibilität des Front Office beeinträchtigen, sind bei Second-Apron-Teams ohnehin eingeplant.
Diese Pille ließe sich vielleicht schlucken, wenn man gerade als erstes Team seit den 2018er Warriors einen Repeat geschafft hat, wenngleich The Athletic zufolge auch vor diesem Aus schon darüber nachgedacht wurde, ob man dieses Team tatsächlich zusammenhalten könne. Nach einem Zweitrundenaus, vor einem womöglich ganzen Jahr ohne den besten Spieler, bleibt die Pille möglicherweise im Hals stecken.
Den Protagonisten ist diese Lage durchaus bewusst. "Es gibt in jeder Saison Aufs und Abs", sagte Derrick White. "Dieser Teil stinkt. Wir werden diese Saison nicht zurückbekommen. Wir werden nie wieder exakt dieses Team haben." Das könnte in mehr als nur der offensichtlichen Hinsicht stimmen.
Dabei hatte lange einiges danach ausgesehen, als könne Boston den Kreis brechen und tatsächlich mal wieder als Titelverteidiger wenigstens die zweite Runde überstehen, was keiner der vorigen Champions seit Golden State schaffte. Ihre 24/25er Version war etwas besser, trotzdem holte Boston nur drei Siege weniger (61), blieb dominant an beiden Enden des Courts.
Ihre Dreier-Wut wurde sogar noch stärker. Tatum spielte eine seiner besten Saisons, wird zum vierten Mal in Serie im All-NBA First Team stehen. White steigerte sich und legte ein Career-Year auf (16,4 Punkte pro Spiel), Payton Pritchard wurde zum besten Sixth Man der Liga gekürt. Es gab Probleme, klar, einige Verletzungen, Boston wirkte trotzdem lange wie eine gute Finals-Wette.

Selbst nach zwei Niederlagen zum Auftakt gegen die Knicks glaubten noch immer viele an die Celtics. Wobei zur Wahrheit gehört: Selbst wenn die Knicks vor dem sechsten Spiel keine Partie so richtig dominierten, entblößten sie doch einige Probleme Bostons und waren in Spiel 4 bereits vor Tatums Verletzung auf dem Weg, mit 3-1 in Führung zu gehen.
Gerade zu Beginn der Serie wirkten die Celtics zu langsam in der Offense, zu sehr auf den Dreier fokussiert, bisweilen eindimensional. Der Drive-and-Kick-Ansatz, mit dem sie Dallas in den 2024er Finals phasenweise an die Wand gespielten hatten, kam nicht oft genug zum Vorschein, abgesehen davon, dass auch gut rausgespielte Dreier in einigen Spielen nicht fallen wollten.
Die Defense blieb stark, aber offensiv fehlte es an Fluss. Auch deshalb, weil mit Jrue Holiday, Horford und Porzingis drei Spieler der Top 6 in einigen Spielen fast gar nicht stattfanden (Porzingis war krank und über die gesamte Postseason kein Faktor). Gewinnbar waren drei von vier Niederlagen trotzdem, am Ende enger Spiele wirkten die Knicks aber stets sicherer in ihrem Ansatz als der noch amtierende Meister, und setzten sich verdientermaßen durch.
Dieser wird sich nun ein Stück weit neu erfinden müssen. Eine von Tatums besten Eigenschaften ist seine Vielseitigkeit: Er kann im System von Joe Mazzulla jede erdenkliche Rolle spielen, agierte oft im selben Spiel als Point Guard und übernahm defensiv die Center-Rolle.
Dieser Part muss nun anderweitig aufgeteilt werden, simpel gesagt werden eine Menge Touches frei, die zum Großteil an Brown, White und Pritchard gehen könnten. Was die Center-Rolle angeht - das wird auch von der Offseason abhängen. Zumal Stand jetzt nur Porzingis, Neemias Queta und Xavier Tillman Deals für die nächste Spielzeit haben.
Um aus dem Second Apron hinauszukommen, müsste Boston sich von einem Starter trennen (alle verdienen zwischen 28 und 54 Mio. Dollar). Die aus Teamsicht logischsten Kandidaten dafür wären Porzingis, der in sein letztes Vertragsjahr geht, und Holiday, der noch drei Jahre vor sich hat (für 27/28 verfügt er über eine Spieler-Option).

Porzingis hat ein schwieriges Jahr hinter sich, absolvierte nur 42 Spiele und wurde bis in die Postseason hinein von einem mysteriösen Virus eingeschränkt. Auch davor war er aber bereits nicht die Spezialzutat wie 23/24, die Minuten mit dem Letten waren um 4,4 Punkte schlechter als die ohne ihn (in der Postseason: -11,7).
Holiday verpasste derweil selbst 20 Spiele und erzielte 11,1 Punkte pro Spiel, die wenigsten seit seinem Rookie-Jahr, in den Playoffs einen Gang hochschalten wie vergangene Saison konnte er diesmal nicht. "Ich bin alt, Mann", sagte er während der Saison mal, als er auf die sinkende Produktion angesprochen wurde. Wenn Tatum zurückkehrt, wird er vermutlich 36 Jahre alt sein.
Es ist nicht damit zu rechnen, dass Boston momentan für einen der beiden viel zurückbekommen würde. Bei Brown, White oder Pritchard wäre das anders, sie alle passen jedoch besser zur "neuen" Tatum-Timeline, Pritchard nennt zudem den wahrscheinlich besten Vertrag der NBA sein Eigen (er verdient insgesamt rund 23 Mio. Dollar bis 2028).
Vermutlich ist der wichtigste Gegenwert aktuell aber ohnehin kein Spieler, sondern die gewonnene Flexibilität. Stevens hat die Franchise erst im Sommer 2023 mit den Trades für Porzingis und Holiday ein Stück weit neu erfunden. Nun muss er das womöglich wieder tun, ohne zu wissen, ob er die 100-Prozent-Version von Tatum überhaupt zurückbekommt.
| Saison | Platz | Bilanz | Playoffs |
|---|---|---|---|
| 19/20 | 2. | 48-24 | Aus Conference Finals (2-4 Heat) |
| 20/21 | 7. | 36-36 | Aus Runde eins (1-4 Nets) |
| 21/22 | 2. | 51-31 | Niederlage Finals (2-4 Warriors) |
| 22/23 | 2. | 57-25 | Aus Conference Finals (3-4 Heat) |
| 23/24 | 1. | 64-18 | NBA Champion |
| 24/25 | 2. | 61-21 | Aus Conference Semifinals (2-4 Knicks) |
Positiv ist immerhin: Die meisten eigenen Picks hat Boston noch, gute Spieler mit überwiegend guten Verträgen ebenfalls. Es wirkt nicht unmöglich, mit diesem Fundament eine neue Ära zu starten, der Brown/Tatum-Kern muss noch nicht "fertig" sein. Es wird nur ziemlich sicher mit einem anderen Team weitergehen müssen, und Sicherheiten gibt es bei einem Team, das ab 2017 in sechs von neun Playoffs die Conference Finals erreichte, vorerst gar keine mehr.
"Ich habe den Jungs in der Kabine gesagt, dass es eine der großen Ehren meines Lebens war, diese Gruppe zu coachen. Jeder von ihnen ist ein Krieger, ein Champion. Ich bin dankbar dafür", sagte Mazzulla nach Spiel 6. "Wir hatten eine Chance, sie haben alles gegeben, was sie hatten. Wir sind am Ende auf ein besseres Team getroffen."
Das ist zumindest ein Teil der Realität. Der andere: Boston hat zwar nicht den ersten Repeat seit den Warriors 2018 geschafft. Die Celtics sind aber vielleicht das beste Beispiel seit den 2019er Warriors dafür, wie schnell und schlagartig sich in dieser Liga nahezu alles verändern kann.
Ole Frerks