12.02.2026
Wird Tatum rechtzeitig fit?
Kurz vor der All-Star-Pause sind die Boston Celtics die vielleicht größte positive Überraschung der Saison - und werden gleichzeitig von ihrem größten Fragezeichen begleitet. Ihre Aktivitäten rund um die Trade Deadline deuten zumindest leise darauf hin, dass sie mit einer positiven Antwort darauf rechnen.

Anfang der Woche erreichte Jayson Tatum einen neuen Meilenstein im Zuge seiner Achilles-Reha. Erstmals durfte er an Fünf-gegen-Fünf-Scrimmages teilnehmen, beim G-League-"Ableger" der Celtics, den Maine Red Claws. Was nicht zwingend bedeuten muss, dass die Rückkehr auf den "echten" Court unmittelbar bevorsteht.
"Es ist eine lange Reise", sagte der sechsmalige All-Star im Anschluss an seine Trainingseinheit. "Und das hier ist einfach der nächste Schritt im Fortschritt der Reha gewesen. Das bedeutet nicht, dass ich zurückkomme oder nicht. Ich folge einfach nur dem Plan. Es ist also einfach nur ein weiterer Schritt."
Es ist nur verständlich, dass Tatum keine definitiven Ansagen wollte, die ohnehin bereits bestehenden Spekulationen nicht noch weiter anheizen wollte. Es ist indes ebenso verständlich, dass dieser Effekt irgendwie natürlich trotzdem eintritt - so signifikant könnte eine potenzielle Rückkehr eben sein, für die Eastern Conference, für das Titelrennen im Allgemeinen.
Tatum könnte der größte X-Faktor für den Rest dieser Spielzeit sein. Und ob die Celtics nun intern bereits mehr wissen oder nicht - ihre Trade Deadline lässt sich zumindest so interpretieren, als würden sie mit der Rückkehr ihres Superstars planen.
Die positive Überraschung der Saison sind die Celtics bereits. In einer Spielzeit, die zuvor als "Übergangsjahr" erwartet wurde, stehen sie derzeit bei der zweitbesten Bilanz im Osten (35-19), verfügen über die zweitbeste Offense und das drittbeste Net-Rating der NBA (+7,2). Sie haben sich im Zuge der Tatum-Verletzung und all der Abgänge neu erfunden, neu zentriert um insbesondere Jaylen Brown, der mit Abstand das beste Jahr seiner Karriere hinlegt.
Nun lautet die Frage, wie der wiederum nächste Schritt zu gehen ist. Wie Boston von einer tollen "Story" wieder den Sprung zum echten Contender schafft - gesetzt den Fall, man sieht die Celtics noch nicht an diesem Punkt (auch wenn Top-10-Werte offensiv und defensiv historisch zumeist genau dafürsprechen; Boston stellt gerade die neuntbeste Defense der NBA).
Vergangene Woche gab das Front Office in Person von Brad Stevens die folgende Antwort auf diese Frage: Indem man größer wird. Mit Anfernee Simons wurde der bisher wichtigste Bankscorer nach Chicago abgegeben, für Nikola Vucevic, also Guard für Center. Chris Boucher und Josh Minott wurden überdies abgegeben - Boston sparte nicht zuletzt auch Geld, ist nun endgültig raus aus allen Aprons und muss keine Luxussteuer mehr zahlen.
Von Vucevic allerdings erhofft sich Boston auch sportlich eine neue Qualität. Und auch dieser Move dürfte zumindest am Rande mit einer möglichen Rückkehr Tatums zusammenhängen.

Das Interesse an einem weiteren Center war weder neu noch überraschend: Boston beschäftigte in Neemias Queta und Luka Garza bis zuletzt bloß zwei Bigs, die jeweils auf einem Minimalvertrag spielen. Die zwar beide überraschend gute Saisons spielen, aber (das gilt vor allem für Garza) nicht unbedingt nach einer elitären Playoff-Rotation aussehen. Schon vor Monaten soll Stevens auch wegen Ivica Zubac angefragt haben, der nun stattdessen für einen sehr hohen Gegenwert zu den Pacers wanderte.
Zubac wäre die große Lösung gewesen - Vuc ist dagegen selbst kein Playoff-Center von der Bauart, mit der Boston über die letzten Jahre Erfolge feierte. Dafür ist der 35-Jährige defensiv zu anfällig, zu langsam. Auch in seiner Prime zählte er bereits zu den schwächeren "großen" Verteidigern in der Liga und gewann mit seinen Teams tatsächlich noch nie eine Playoff-Serie.
Was er adressiert, ist das Defensiv-Rebounding, was bis dato zu den größten Schwächen der Celtics-Defense zählte. Außerdem ist er nach wie vor ein produktiver Scorer und Passer, der dem Team neben den unermüdlichen Screenern Queta und Garza einen etwas anderen Look gibt und das Spielfeld noch etwas breiter machen kann.
Er gibt Joe Mazzulla außerdem - und das ist wohl nicht zu unterschätzen - eine weitere Option, um zu experimentieren, eine andere Rotation. Nach dem Trade ließ Mazzulla Garza und Queta zunächst nebeneinander starten (ehe Garza gegen Chicago von Sam Hauser ersetzt wurde), dafür ist Payton Pritchard nach einer halben Saison als Starter wieder zurück in der Sixth-Man-Rolle, für die er vergangene Saison einen Award gewann.
| Offense | Defense | Net-Rating |
|---|---|---|
| 120,2 (2.) | 112,6 (9.) | +7,5 (3.) |
Pritchard und Vucevic sollen nun für den Scoring Punch von der Bank sorgen, den zuvor vor allem Simons verantwortete. Das Team soll sich an größere Looks gewöhnen, die noch im Vorjahr der Standard in Boston waren, als mit Al Horford, Kristaps Porzingis und Luke Kornet allerdings auch noch ganz andere Optionen zur Verfügung standen.
"Das wird ihnen sehr helfen", sagte Knicks-Coach Mike Brown kürzlich über die Verpflichtung. "Sie haben jetzt drei große Jungs, sodass sie gegen unterschiedliche Gegner unterschiedliche Looks aufstellen können." Auch Mazzulla freute sich vor allem über die gewonnene Flexibilität. "Wir haben die Chance, etwas zu entwickeln und anders zu machen als vorher."
Über die ersten Spiele suchte Vucevic dabei zwar noch den Anschluss, das war angesichts des recht speziellen Systems der Celtics aber auch nicht überraschend. "Er findet sich noch ein, aber wir wollen, dass er ein bisschen aggressiver ist", sagte Brown.
In gewisser Weise soll er eine Big-Man-Version der klassischen Bank-Mikrowelle darstellen. Im Spiel gegen Ex-Team Chicago sah der Montenegriner erstmals tatsächlich genau danach aus (19 Punkte, 7/12 FG, 11 Rebounds, 3 Assists in 26 Minuten).

Dass Simons dafür weichen musste, war trotz dessen guter Saison kein Zufall. Aufgrund seines hohen auslaufenden Vertrages, aber auch deshalb, weil die Celtics auf Guard ohnehin gut besetzt sind … und weil es da ja auch noch diesen einen anderen Perimeter-Spieler gibt, der früher oder später viele der frei gewordenen Touches absorbieren könnte.
Es ist gut möglich, dass dieser Trade nicht zuletzt auch eine Wette auf Tatum ist und darauf, dass durch dessen Rückkehr die Talente von Simons, einem recht desinteressierten Defensivspieler, ohnehin nicht mehr so gefragt gewesen wären. Wenngleich Tatum vor kurzem offen über seine Bedenken sprach, mit seiner Rückkehr den Flow des Teams durcheinanderzubringen.
Was er nun allerdings ein Stück weit revidierte. "Ich weiß, was ich kann und wie ich ein Team beeinflusse, aber mir ist auch sehr bewusst, dass die Jungs extrem gut spielen", sagte Tatum bei einer kleinen Pressekonferenz am Dienstag. "Das heißt nicht, ich komme rein und mache alles kaputt oder so. Ich habe es nur aus dieser verletzlichen Perspektive betrachtet."
Tatsächlich wäre Tatum angesichts seines Status natürlich ein Spieler, der viel Sauerstoff verbraucht, der Adjustierungen seitens der Teammates verlangt - eigentlich. Seine vielleicht beste Superstar-Qualität allerdings ist ja seine Wandlungsfähigkeit. Über die letzten Jahre funktionierten die Celtics auch deshalb so gut, weil Tatum in jedem Lineup existieren konnte.
Es war keine Seltenheit, dass er vorn wie ein Point Guard spielte und gleichzeitig hinten die Rolle eines de-facto-Centers übernahm. In den Starting Fives, die Mazzulla zuletzt spielen ließ, könnten sowohl Garza als auch Hauser und Baylor Scheierman "Platzhalter" für ihn sein. Tatum war der Topscorer, aber er beeinflusste die Celtics auch mit seinen anderen Qualitäten.
Möglich, dass diese anderen Qualitäten, etwa sein Screening oder sein Off-Ball-Game, nun noch mehr in den Fokus rücken würden. "Ich habe noch nicht mit dieser Gruppe zusammen-gespielt, aber das sind alles Jungs mit hohem IQ", sagte Tatum. "Ich sehe mich auch gerne als einen solchen Spieler an. Deswegen denke ich, dass wir, sollte ich zurückkommen, als Profis eine Lösung dafür finden würden."
"Sollte ich", wohlgemerkt. Es gibt keine Ansage, keine Timeline, bisher. Es gibt nur diese Fragen: Kehrt er zurück? Wenn ja, in welcher Form? Kann er es schaffen, etwas zu addieren, ohne dem Team und wohl insbesondere Brown (dem viertbesten Scorer der Liga) etwas wegzunehmen? Es sind Fragen, die derzeit nicht zu beantworten sind.
Sie lassen bloß Raum für Spekulationen, während die Saison sich langsam auf ihre Zielgerade zubewegt. Zwischen All-Star-Weekend und Play-In-Start liegen noch zwei Monate. Während sich jeder in Boston darum bemüht, stets zu betonen, dass Tatum sich Zeit lassen, auf seinen Körper hören soll. Druck machen will ihm nach dieser nach wie vor gefürchteten Verletzung niemand.
Die Hoffnung aufgeben will gleichzeitig auch niemand. Und warum auch? Das Team hat bereits gezeigt, dass es gut genug ist, sich auch ohne seinen Superstar mehr als nur über Wasser zu halten, sogar immer noch ein Top-Team zu bleiben. Um ganz vielleicht sogar ohne ihn um die Finals mitzuspielen.
Wie gut könnte das alles erst mit ihm aussehen? Das ist die Preisfrage. Es ist nur logisch, dass diese Vorstellung zum Träumen anregt. Und dass sich die Träume mit jedem kleinen medizinischen Update, jedem "Schritt auf seiner Reise" noch ein wenig konkreter anfühlen.
Ole Frerks